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Besuch in Berlin: Treffen mit Tim Cook: "Wir versuchen immer, unsere Preise so niedrig wie möglich zu gestalten"

Tim Cook ist auf Deutschlandbesuch: Nach einem Abstecher auf dem Oktoberfest besuchte der Apple-Boss nun ein Start-up in Berlin. Der stern hat ihn begleitet und mit ihm über Bücher, Serien und die Macht seines Konzerns gesprochen.

Apple-Chef Tim Cook besucht das Berliner Start-up Blinkist.

Apple-Chef Tim Cook besucht das Berliner Start-up Blinkist. Hier spricht er mit den Gründern und Mitarbeitern über Biografien und was man aus ihnen für das eigene Leben lernen kann.

Zugegeben, etwas skurril ist die Situation schon. Da stehen fünf Menschen, zwei Frauen, drei Männer - darunter einer der mächtigsten Unternehmer der Welt - vor einem riesigen Regal voller Bücher. Sie unterhalten sich leidenschaftlich über Literatur und darüber, was man aus Biografien für das eigene Leben lernen kann. Doch keiner nimmt einen der unzähligen Wälzer in die Hand. Alle starren nur auf das Smartphone, das Tim Cook in seiner linken Hand hält. Doch warum sollten sie auch nicht - die App auf dem Telefon ist schließlich der Grund, warum der Apple-Chef überhaupt hierhergekommen ist, an den Rand des Berliner Bezirks Neukölln.

Tim Cook ist auf Deutschland-Besuch: Am Sonntag besuchte der Apple-Boss das Oktoberfest in München, anschließend schaute der 58-Jährige bei einem ehemaligen Apple-Praktikanten vorbei, der sich mit einer DJ-App selbstständig machte. Danach nahm er Kurs auf die Sonnenallee: Hier, direkt am Neuköllner Schifffahrtskanal, befindet sich das Firmenbüro des Start-ups Blinkist.

Die neue Lust am Lernen

Blinkist ist eine App, die dicke Sachbücher überschaubar klein macht. Egal ob Bestseller oder psychologischer Ratgeber, alle Bücher werden von Experten auf ihre Kernaussagen - sogenannte Blinks - eingedampft, die sich in 15 Minuten erfassen lassen. Je nach Vorliebe kann man die Zusammenfassung selber lesen oder sich anhören.

Die Ambitionen des sieben Jahre jungen Start-ups sind groß: "Unser Ziel ist es, die führende Marke für lebenslanges Lernen zu werden", sagt Blinkist-Gründer Holger Seim. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg. Zu Beginn seines Besuchs blickt Tim Cook auf ein Whiteboard, auf dem die Entwicklung der Abonnenten über die einzelnen Jahre zu sehen ist. "Am Anfang war es wirklich hart. Zwischendurch wurde es so eng, dass zwei Monate lang keine Gehälter gezahlt werden konnten",  sagt Mitgründer Niklas Jansen.

Doch in Zeiten permanenter Selbstoptimierung hat das Konzept mittlerweile seine Nische gefunden. "Wir haben 500.000 zahlende Abonnenten, im kommenden Jahr wollen wir die Millionenmarke knacken", so Seim. Die Kunden kommen aus allen Teilen der Welt: Die Hauptmärkte sind neben Deutschland, Österreich und Schweiz die USA und Großbritannien.

Für Cook sei Blinkist ein "Paradebeispiel" einer modernen Firma, die nur durch den App Store erfolgreich wurde, erzählt er im Gespräch mit dem stern. "Egal ob du in Berlin oder München sitzt, du kannst von dort aus zu einer weltweit aktiven Firma werden. Das ist phänomenal", schwärmt der Apple-Chef.

Brooks Kraft/Apple

stern-Reporter Christoph Fröhlich (links) im Gespräch mit Apple-Chef Tim Cook.

Cook und die Entwickler

Dass Cook bei der jungen Firma vorbeischaut, überrascht nicht. Apple und Berlin, das hat Tradition. Hier traf er bereits Angela Merkel und inspizierte die Hallen der Philharmoniker, im vergangenen Jahr schaute er bei den Yoga-Rebellen von Asana Rebel vorbei (lesen Sie hier die dazugehörige Reportage).

Zudem repräsentiert das Unternehmen viele Werte, die dem Apple-Chef wichtig sind: Hier arbeiten mehr Frauen als Männer, eine Seltenheit in der Tech-Branche. Und auf den Fluren wird Englisch gesprochen - das Team ist global aufgestellt, die 155 Mitarbeiter kommen aus mehr als 40 Nationen.

Für Cook ist der Besuch aber auch ein Dienst in eigener Sache. Indem er mit Entwicklern spricht und als Sparringpartner fungiert - mit den Blinkist-Gründern diskutiert er etwa über die Einflüsse von Vorlese-Stimmen auf die Stimmung des Nutzers -, ist er nahbar. Und Cook ist auf die weltweite Entwicklergemeinde angewiesen. Sie ist das Wasser auf den Mühlen von Apples Software-Welt und tüftelt immer neue Anwendungen für Apples Geräte aus.

Das ist für Cook aus zwei Gründen wichtig: Zum einen werden die Nutzer durch immer neue Anwendungen bei der Stange gehalten, zum anderen verdient Apple bei jedem Verkauf einer kostenpflichtigen App (84 Prozent aller Anwendungen sind kostenlos) mit. Der Konzern verlangt eine Beteiligung von 30 Prozent des App-Kaufpreises und der In-App-Umsätze. Bei Abos sind es ab dem zweiten Jahr 15 Prozent. Eine Praxis, die auch bei anderen Plattformen wie Googles Play Store üblich ist.

Sind 30 Prozent zu viel?

Doch im Heimatmarkt USA gerät dieses Vorgehen nun unter Druck: Im Mai hat der Oberste Gerichtshof der USA eine Kartellklage gegen Apple zugelassen. Mit ihr wollen Verbraucher erzwingen, dass Apps für iPhone und iPad am Konzern vorbei direkt den Kunden angeboten werden können. Apple habe den Markt widerrechtlich monopolisiert, argumentieren die Kläger. Dadurch gebe es weniger Wettbewerb und den Verbrauchern entstünden höhere Kosten. Diese Behauptung findet Tim Cook abwegig: "Kein vernünftiger Mensch würde Apple jemals als Monopolist bezeichnen", sagt er im Gespräch mit dem stern. Zudem unterstreicht er, dass es in jedem Markt, in dem Apple aktiv ist, starke Konkurrenz gebe und man keinen dominanten Marktanteil habe.

Dass es Apps nur über einen App Store zu beziehen gibt, sieht Cook nicht als Einschränkung, sondern als Vorteil: "Bei uns kaufen die Kunden eine Erfahrung. Und diese Erfahrung beinhaltet einen vertrauenswürdigen Ort, an dem man Apps kaufen kann. Das stellen wir sicher, in dem wir kuratieren und alle Anwendungen überprüfen." Dadurch würden viele Apps nicht auf das iPhone kommen, etwa pornografische Angebote, erklärt Cook. "Aber jeder kann sein iPhone nehmen und diese Inhalte im Browser aufrufen. Wir bieten diese nur nicht selber an."

Doch nicht nur in den USA droht Ärger, sondern auch in Europa. Der Musikstreamingdienst Spotify legte im März bei der EU-Kommission eine Beschwerde gegen Apple ein. Darin wird dem Konzern aus dem kalifornischen Cupertino vorgeworfen, seine Macht zu missbrauchen und den eigenen Musikdienst Apple Music zu bevorteilen. Apple weist die Vorwürfe des Geschäftspartners und Konkurrenten zurück. Klären soll das nun die EU-Kommission.

Transformation von Apple

Diese Debatten stehen für Tim Cook an diesem Montag nicht im Vordergrund. Stattdessen plaudert er mit einer Angestellten über die Vor- und Nachteile von Algorithmen. Ein Thema, dass er nicht zufällig herausgepickt haben dürfte, schließlich macht der Apple-Boss keinen Hehl daraus, dass er trotz aller Technik den menschlichen Faktor in seinen Diensten für essenziell hält. Unter anderem durch das Kuratieren will sich Cook von den Portalen der Mitbewerber abheben.

Weil die Menschen ihre Geräte immer länger nutzen und das iPhone-Wachstum ausgereizt scheint, leitet Tim Cook die nächste Transformation des Konzerns ein: Sein Unternehmen will nicht mehr nur Hardware und die dazugehörige Software verkaufen, sondern verstärkt auf Dienstleistungen setzen. Auf diese Weise können mit jedem Gerät über Jahre hinweg kontinuierlich weitere Umsätze erzielt werden. Dazu setzt er neben dem App Store und der iCloud auf Apple Music oder den demnächst startenden Film- und Serien-Streamingdienst Apple TV+. Die sogenannten Services sollen das Fundament einer neuen Wachstumsstory werden.

Dass der Konzern mit seinen erstmals seit Jahren sinkenden iPhone-Preisen auch die Basis für das Service-Geschäft erweitern möchte, weist Cook aber von sich. "Wir versuchen immer, unsere Preise so niedrig wie möglich zu gestalten. Glücklicherweise konnten wir dieses Jahr die Preise des iPhones senken", so Cook.

Die Strategie scheint bisher aufzugehen. "Meine Einschätzung ist, dass Apple mit den neuen Diensten ein noch schnelleres Wachstum im kommenden Jahr erzielen wird. In diesem Jahr könnte Apple einen Services-Umsatz von 46 bis 50 Milliarden US-Dollar erreichen", schätzt die Gartner-Analystin Annette Zimmermann.

"Ich glaube nicht, dass der Wettbewerb sich vor uns fürchtet"

Die meiste Aufmerksamkeit bekommt derzeit der Film- und Seriendienst Apple TV+. Der Konzern startet ihn ab November für fünf Euro je Monat für bis zu fünf Familienmitglieder gleichzeitig. Auf die Frage, ob Netflix dies als Kampfansage empfinde, entgegnet Cook: "Ich glaube nicht, dass der Wettbewerb sich vor uns fürchtet. Der Videobereich funktioniert anders: Es geht nicht darum, ob Netflix gewinnt und wir verlieren. Oder ob wir gewinnen und sie verlieren. Viele Menschen nutzen mehrere Dienste, und wir versuchen nun, einer davon zu werden."

Ähnlich sieht es auch die Analystin Annette Zimmermann. Sie hält den niedrigen Preis für einen schlauen Schachzug: "Sie sind nicht zu gierig geworden. Bei fünf Euro im Monat kann man sich leicht entscheiden, ob man den Service zusätzlich zu Netflix & Co. bucht. Da stellt sich dann nicht mehr die Entweder-Oder-Frage."

Aus Sicht der Kritiker hat sich Apples Rolle im App Store geändert, weil der Konzern nun nicht mehr nur Anwendungen vertreibt, sondern auch zum Mitbewerber wird. Auf den Vorwurf angesprochen entgegnet Cook: "Wir haben 30 bis 40 Apps - gegenüber mehr als zwei Millionen anderen." Cook vergleicht den App Store mit einem Supermarkt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser eine Eigenmarke hat, ist sehr hoch. Und wer profitiert davon, wenn sich noch ein weiteres Produkt im Regal befindet? Der Kunde! Und das ist eine gute Sache."

Wettbewerb überall

Zerschlagung, wie sie etwa die US-Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren fordert, hält er für den falschen Ansatz. "Ich bin der erste, der sagt, große Firmen sollten eingehend untersucht werden. Ich habe damit keinerlei Probleme", so Cook. "Ich hoffe nur, dass die Menschen die großen Technikkonzerne nicht alle in einen Topf werfen."

Cook ließ in der Vergangenheit keine Gelegenheit aus, eine Linie zwischen seinem und anderen Konzernen im Silicon Valley - allen voran Google und Facebook - zu ziehen. Besonders im Bereich Privatsphäre versucht er sich von den Mitbewerbern abzuheben (lesen Sie mehr dazu in unserer Reportage aus Apples geheimen Labor). "Wenn die Menschen nur ein wenig unter die Oberfläche schauen, werden sie zu dem Schluss kommen, dass wir in all diesen Dingen in einer ganz anderen Position sind."

Blinkist-Mitgründer Holger Seim verfolgt die Debatte entspannt. Angst, dass Apple irgendwann vom Partner zum Mitbewerber wird, hat er nicht. "Sollte Apple eines Tages auch ein Angebot für lebenslanges Lernen bauen, haben wir eben auch Apple als Wettbewerber. Das spornt uns dann erst recht an, weil der Markt dadurch deutlich größer wird. Wenn so eine riesige Firma einsteigt, kann man sagen, man hat es geschafft."