HOME

iPhone 11 Pro: Das Ende der Kamera (wie wir sie kennen)

Mit der neuen Dreifach-Kamera im iPhone 11 Pro will Apple zu Samsung und Huawei aufschließen. Den traditionellen Kamera-Herstellen dürfte diese Entwicklung nicht gefallen. Sie stürzten innerhalb weniger Jahre in die Bedeutungslosigkeit. Schuld sind Smartphones und deren Software.

Apple hat in diesem Jahr drei neue iPhones vorgestellt.

Sie war das Highlight der diesjährigen Apple-Keynote: die Kamera im neuen iPhone 11 Pro. Nicht ein, nicht zwei, sondern gleich drei Linsen prangen nun auf der Rückseite des Apple-Smartphones. Das zusätzliche Ultra-Weitwinkel-Objektiv soll nicht nur genutzt werden, um mehr ins Bild zu bekommen, sondern auch zur Verbesserung der Fotos. Minutenlang demonstrierte Apples Marketing-Chef Phil Schiller auf der großen Bühne, was für Aufnahmen mit dem neuen Telefon möglich sind. Zu sehen waren professionell wirkende Schwarz-Weiß-Aufnahmen, künstlerisch anmutende Porträts, plastische Landschaufsaufnahmen.

Und viele Zuschauer fragten sich: Wer braucht angesichts solch mächtiger Telefone  - denn nicht nur das iPhone knipst tolle Bilder, sondern auch die Geräte von Huawei, Google oder Samsung - eigentlich noch eine richtige Kamera?

Der schnelle Tod der Kompaktkamera

Diese Frage scheinen sich in den vergangenen Jahren viele Menschen gestellt zu haben. Und ein Blick auf die jüngsten Zahlen der Camera & Imaging Products Association (CIPA) zeigt, dass die klassische Kamera in diesem Duell selten als Sieger vom Platz geht. 2007 - das Jahr, in dem das erste iPhone vorgestellt wurde - setzte die Branche weltweit knapp 100 Millionen Kameras ab. 93 Millionen davon waren Kompaktkameras, wie sie früher fast jeder von uns auf Partys in der Tasche hatte. Der Höhepunkt wurde 2010 erreicht, als insgesamt 122 Millionen Geräte abgesetzt wurden. Von da an ging es bergab.

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden nur noch sieben Millionen Kameras verkauft - vier Millionen Modelle hatten austauschbare Linsen, richteten sich also eher an Profis und Hobbyfotografen. Die Kompaktkamera ist quasi vom Markt verschwunden. Anders ausgedrückt: Innerhalb eines Jahrzehnts rutschte eine ganze Branche in die Bedeutungslosigkeit. Alle vier großen Marken - Sony, Nikon, Fuji und Canon - vermelden Rückgänge. Dafür gibt es mehrere Gründe. 

Die neue Dreifach-Kamera im iPhone 11 Pro ermöglicht neue Foformate.

Die neue Dreifach-Kamera im iPhone 11 Pro ermöglicht neue Fotoformate

PR

Leugnung der Realität

Die Krise ist zum Teil selbst verschuldet, weil die Hersteller neue Kameras mit nur noch geringen Verbesserungen vorstellen, dafür aber immer mehr Geld verlangen. Zum anderen scheinen viele der dort verantwortlichen Manager nicht zu erkennen, dass sich die Nutzergewohnheiten radikal geändert haben. Wer sein Bild auf Whatsapp teilt, dem ist es egal, ob das Bild mit 80 oder 12 Megapixeln aufgenommen wurde. Kaum jemand schießt heute ein Foto und lässt dieses im Labor entwickeln. Anfang und Ende eines Fotos ist stattdessen der digitale Bildschirm. 

Bilder sind alltäglich geworden und nicht mehr ausschließlich das Produkt eines mehrere Hundert Euro teuren Geräts, das nur für diesen Zweck geschaffen wurde. Wir knipsen Selfies, halten Momente mit unserer Familie fest, zeigen der Welt über soziale Netzwerk, wie fluffig der Schaum auf unserem Milchkaffee aussieht. Diese Bilder entstehen nebenbei und sind Teil eines endlosen Streams, der sich von unseren Geräten direkt in die Cloud erstreckt.

Hochspezialisierte Kameras haben immer noch ihre Daseinsberechtigung. Für die breite Masse sind Smartphone-Kameras mittlerweile aber mehr als ausreichend. Dabei war diese Trendumkehr vor einigen Jahren noch nicht abzusehen.

Mathematische Tricks für schönere Bilder

Denn eigentlich waren die Telefonknipsen zum Scheitern verurteilt: Die Sensoren sind winzig, die Linsen klein, es gibt keine Wechsel-Objektive. Die Physik schien hier einen Strich durch die Rechnung zu machen. Dass Top-Smartphones vielen Kompaktkameras heutzutage ebenbürtig oder gar überlegen sind, liegt daran, dass die Entwickler die einstigen Schwächen der Smartphones in Stärken verwandelt haben.

Statt klassische Kameras in klein nachzubauen, perfektionierte man die vorhandenen Funktionen: Man konzentrierte sich auf die schnellen elektronischen Verschlussklappen, auf die mächtigen Prozessoren und clevere Software. Moderne Smartphone-Kameras sind ein Zusammenspiel aus Linsen, Hochleistungs-Chips und Künstlicher Intelligenz. 

Längst bilden Smartphones die Welt nicht mehr ab, wie sie ist. Stattdessen leben wir im Zeitalter der sogenannten Computational Photography, also der computergestützten Fotografie.

Als Apple am Dienstag das iPhone 11 Pro vorstellte, wurde Marketing-Chef Phil Schiller nicht müde zu betonen, was für Tricks da vollautomatisiert im Hintergrund abliefen, um noch mehr aus den Bildern herauszuholen. Ein Software-Update soll die Kamera mit Machine-Learning-Prozessen in die Lage versetzen, aus neun Einzelbildern mit unterschiedlicher Belichtungsdauer ein einzelnes, qualitativ in puncto Detailgrad angeblich überragendes Foto zusammenzusetzen. Apple nennt diese Funktion “Deep Fusion”.

Auch andere Hersteller greifen tief in die Trickkiste. Google nutzt in seinen Pixel-Phones das leichte Wackeln der Hand, um zusätzliche Bild-Details zu bekommen und so das Rauschen zu reduzieren. Smartphones von LG oder Huawei erkennen eigenständig, ob sich vor der Linse eine Katze oder ein Baum befindet und wählen automatisiert den dazu passenden Fotomodus. Das klappt nicht immer zu voller Zufriedenheit, doch die Trefferraten steigen. Wenn Huawei am 19. September in München das neue Mate 30 Pro vorstellt, dürfte auch hier die Messlatte wieder ein Stück höher gelegt werden.

Alles passiert im Hintergrund

Was ebenfalls zur enormen Geschwindigkeitssteigerung von Smartphones beiträgt, viele Nutzer aber nicht wissen: Moderne Smartphones nehmen Fotos bereits auf, sobald die Kamera-App gestartet wird. Im Grunde ist das logisch, schließlich wird in der App das Echtzeitbild angezeigt. Das Smartphone packt die Bilder im Hintergrund aber automatisch in den Speicher. Drückt man auf den Foto-Button, hat man das Foto in Wahrheit also schon längst aufgenommen - die Kamera-App wählt lediglich das letzte Bild aus dem im Hintergrund befindlichen Archiv. Dadurch hast man quasi keine Verzögerung mehr. Eine Tatsache, von der man vor einigen Jahren kaum zu träumen wagte.

Ähnlich funktioniert die Automatisierung bei schwierigem Umgebungslicht. Fotografiert man etwa gegen das Sonnenlicht oder im Dunkeln, starten viele Smartphones einen automatischen HDR- oder Nachtmodus. Dabei werden mehrere Bilder mit unterschiedlicher Belichtung aufgenommen - einige sind dunkler, andere heller. Die dunklen Flächen werden dann mit den Details aus den hellen Aufnahmen aufgefüllt, die überbelichteten Teile wiederum aus den dunklen Aufnahmen extrahiert.

Ein speziell darauf trainierter Algorithmus passt anschließend etwaige Verfärbungen an die Realität an. Einige Algorithmen sind sogar in der Lage, Bewegungen zu erkennen und so die Bewegungsunschärfe zu minimieren. Innerhalb von Sekundenbruchteilen entsteht aus einem unansehnlichen, dunklen Pixelbrei ein vorzeigbares Bild, für das man bei herkömmlichen Spiegelreflexkameras viel Know-How, Zeit und Handgriffe benötigt hätte.

Die Branche wird nicht verschont werden

Weil jedes Jahr Hunderte Millionen neue Smartphones verkauft werden, können Firmen wie Apple, Samsung und Huawei stetig Milliarden in die Forschung und Entwicklung im Kamera-Sektor investieren. 

Für die Hersteller klassischer Kompaktkameras sind das keine guten Nachrichten. Wenn Sie ihre Strategien nicht ändern, ergeht es ihnen wie den Herstellern von Navigationsgeräten oder Workstations - sie werden einfach nicht mehr gebraucht. Dass die neue und die alte Welt auch voneinander profitieren können, zeigt Leica: Gemeinsam mit Huawei entwickelt der deutsche Mittelständler die Smartphone-Kameras der Chinesen weiter.