HOME

Gespräch mit Tim Cook: Apple-Chef: "Wir wollen nicht, dass die Menschen unsere Produkte zu viel benutzen"

Der stern traf Apple-Chef Tim Cook in Berlin und sprach mit ihm über Fitness-Trends, die Bedeutung von Achtsamkeit und die Entwicklung der Apple Watch.

Apple-Chef Tim Cook bei der iPhone-Keynote im September

Apple-Chef Tim Cook bei der September-Keynote. In diesem Rahmen zeigte er das neue iPhone und die Apple Watch Series 4.

Wenn Tim Cook auf Deutschlandbesuch ist, kann er sich die Stationen aussuchen. Große Dax-Unternehmen? Traditionsfirmen? Weltweit bekannte Marken? Die Türen würden sie ihm wohl alle weit aufsperren. Doch der Apple-Chef entschied sich im Rahmen seiner aktuellen Deutschlandreise für einen Besuch bei den Gründern der Yoga-App Asana Rebel. Der stern war dabei und konnte mit Cook über Fitness-Trends, die Bedeutung von Achtsamkeit und die Entwicklung der Apple Watch sprechen.

Stark ist das neue Schlank

Dass der Chef des wertvollsten Unternehmens der Welt ausgerechnet ein Start-up in Berlin-Kreuzberg aufsucht, mag auf den ersten Blick verwundern. Doch die Geschichte von Asana Rebel, das Ende 2015  in einer kleinen Wohnung gegründet wurde, ist eine Erfolgsgeschichte. Innerhalb von drei Jahren wurde die App zum Weltmarktführer im Yoga-Segment, die Hälfte der Nutzer lebt in den USA. Für Cook ist das die Blaupause eines modernen Start-ups: "Es ist eine Geschichte von der Macht des App Stores. Sie zeigt, dass ein leidenschaftlicher Mensch aus irgendeinem Land der Welt ein Business starten und nach kurzer Zeit weltweit aktiv sein kann. Mein Herz hüpft vor Freude, wenn ich so etwas sehe", sagt Cook dem stern.

Die App profitiert wie viele andere auch von einem neuen Schönheitsideal - Menschen wollen stark sein, nicht mehr nur schlank. Ein Trend, der von sozialen Netzwerken, Fitness-Firmen wie Asana Rebell und auch Apple befeuert wurde. "Wir beide versuchen, dass die Menschen gesünder leben. Was das heißt, definiert jeder für sich", so Cook. "Wir wollen die Menschen motivieren, häufiger aufzustehen, sich mehr zu bewegen und mehr Sport zu treiben. Menschen auf der ganzen Welt werden sich bewusst, dass sie mehr Verantwortung für sich übernehmen müssen. Dass Gesundheit mehr bedeutet, als einmal im Jahr zum Arzt zu gehen."

Achtsamkeit als Trend

Doch es geht nicht nur um die Optimierung des Körpers, sondern auch des Geists. Achtsamkeit-Apps wie Calm oder Balloon (entwickelt von Gruner + Jahr, dem Verlag, in dem auch der stern erscheint) sorgen für ein besseres Körpergefühl. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Zahl der Neuinstallationen bei den populärsten Selfcare-Apps stieg innerhalb eines Jahres um 36 Prozent, die Ausgaben der Nutzer sogar um 40 Prozent, wie Apptopia errechnet hat. Und auch die Zahl an Apps nimmt zu. Das Bedürfnis nach einem kurzen Moment Ruhe wird offenbar immer größer.

Das sieht auch Tim Cook so: "Ich denke, die Menschen sind heutzutage gestresster. Es passieren einfach viele Dinge in der Welt, die einen ablenken. Es gibt so viel Unruhe. Familien sind getrennt, manchmal über Länder hinweg, ständig prasseln die Nachrichten auf einen ein. All das summiert sich, sodass wir uns mehr Zeit nehmen müssen, um wieder zu uns zu finden."

"Ich war überrascht, wie oft ich mein Telefon pro Tag in die Hand nehme"

Der Konzern ist daran nicht ganz unschuldig. Mit dem iPhone machte Apple das Smartphone salonfähig, und damit viele Dienste, die heute um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Mit dem Betriebssystem iOS 12 hat Apple nun eine Funktion namens "Bildschirmzeit" eingeführt, die einen detaillierten Überblick über die eigene Smartphone-Nutzung gibt. Apple will damit Menschen animieren, bewusster über ihren Konsum nachzudenken.

"Wir wollen nicht, dass die Menschen unsere Produkte zu viel nutzen. Das war nie unsere Absicht", erklärt Cook. Es gehe darum, Kreativität zu fördern und den Nutzern neue Möglichkeiten zu bieten. "Aber sie sollen unsere Produkte nicht die ganze Zeit benutzen." Mit Bildschirmzeit habe man den Menschen nun ein Tool gegeben, das ihnen hilft zu verstehen, was sie tun.

Die Funktion hat auch dem Apple-Chef die Augen geöffnet: "Ich war überrascht, als ich gesehen habe, wie oft ich mein Telefon pro Tag in die Hand nehme." Die genaue Zahl verrät er zwar nicht  ("sie ist zu hoch"), aber sie hat für ein Umdenken gesorgt. Er habe die Zahl der Mitteilungen reduziert und wird nun mit einem Report auf dem Laufenden gehalten.

Die neue Funktion sei vor allem für Eltern ein Gewinn, so Cook: "Man ist nun sogar in der Lage, zu sehen, was die Kinder mit dem Telefon anstellen." Zuletzt gab es in Deutschland eine Debatte über Eltern, die im Schwimmbad häufiger auf das Display ihres Telefons als nach ihren Kindern sehen. Viele Erwachsene kommen ihrer Aufsichtspflicht nicht mehr nach, beschwerten sich Bademeister. Cook rät solchen Eltern, die Prioritäten zu überdenken: "Kinder sind nur einmal jung. Und nichts in der virtuellen Welt übertrumpft die Beziehungen in der echten Welt und den menschlichen Austausch."

"Für eine neue Produktkategorie braucht man Geduld"

Mehr Zeit für die wichtigen Menschen im Leben, und trotzdem alles Wichtige mitbekommen - diesen Spagat wollten Apple mit der ersten Apple Watch schaffen, als sie vor dreieinhalb Jahren auf den Markt kam. Damals gab es viele Mitbewerber. Die meisten sind allerdings wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Dass man sich durchgesetzt habe, liege an Apples langfristiger Ausrichtung, so Cook: "Wenn man in eine komplett neue Produktkategorie vorstößt, braucht man Geduld. Das Geschäft ist nicht über Nacht riesig! Und du musst massiv investieren."

Ein gutes Gerät zu bauen, das reiche auf Dauer nicht. "Am Ende ist das Gesamtpaket aus Hardware, Software und den entsprechenden Diensten entscheidend." Die Apple Watch, anfangs von Kritikern als Flop belächelt, hat sich zu einer wichtigen Erlösquelle des Unternehmens entwickelt. Apples weltweiter Marktanteil bei den Fitnesstrackern liegt bei 17 Prozent.

Viele Analysten glauben, dass Wearables - also mit Sensoren ausgestattete Uhren, Armbänder, Kopfhörer und Co. - der nächste große Wachstumsmarkt sind. Die Experten von CCS Insight glauben, Wearables könnten 2022 für bis zu 30 Milliarden Dollar jährlichen Umsatz sorgen. Die Analysten von Forrester sind zurückhaltender und schätzen das Marktvolumen auf neun Milliarden. Einig sind sich beide darin, dass Smartwatches die großen Wachstumstreiber sind. Betrachtet man nur dieses Segment, sind die Unterschiede sogar noch größer: Jede dritte smarte Uhr stammt aus Cupertino.

Tim Cook über die EKG-Funktion

Mit der jüngst vorgestellten Apple Watch Series 4 betrat Apple Neuland: Es ist die erste Uhr, die ein eingebautes EKG bietet und von der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde FCC zugelassen wurde. Noch ist die Funktion nicht verfügbar, sie wird im Laufe des Jahres zunächst in den USA via Software-Update nachgeliefert. Cook nutzt die Funktion bereits auf seiner Uhr: "Nun kann ich etwas, das ich erst wenige Male in meinem Leben gemacht habe, jeden Tag nutzen. Sogar mehrmals am Tag, wenn es nötig ist."

Für ihn ist das erst der Auftakt einer umfangreichen Überwachung des Körpers. "Wir tun das bei Autos, die überall Sensoren haben und bei denen Lichter angehen, die uns bestimmte Dinge verraten. Aber bei unserem Körper machen wir das nicht. Jetzt haben wir etwas, das uns hilft. Ich bin wirklich zuversichtlich, was diese Produktkategorie angeht und glaube, wir sind erst ganz am Anfang."