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Apple-Chef: "Chaosfabrik" Silicon Valley: Tim Cook kritisiert Tech-Branche

Tim Cook hat in einer Rede vor Stanford-Absolventen das Silicon Valley mit harschen Worten kritisiert. Vor allem der Umgang mit der Privatsphäre sei aus dem Ruder gelaufen, erklärte der Apple-Chef.

Apple-Chef Tim Cook während der Eröffnungs-Keynote der WWDC

Apple-Chef Tim Cook während der Eröffnungs-Keynote der WWDC

AP / DPA

An den Elite-Unis der USA gehört es zum guten Ton, dass hochrangige Politiker oder Chefs von Weltkonzernen die Abschlussreden halten. Vor wenigen Wochen trat Bundeskanzlerin Angela Merkel vor Harvard-Absolventen, am Wochenende sprach Tim Cook vor dem Abschlussjahrgang der Stanford-Universität. Es ist nicht die erste Rede von Cook, doch diesmal dürfte es auch für ihn etwas Besonderes gewesen sein: Sein Vorgänger Steve Jobs hielt an diesem Ort vor 14 Jahren eine seiner bekanntesten Reden.

Cook versuchte in seiner rund 17-minütigen Rede, den jungen Uni-Absolventen ein Bewusstsein für die aktuellen Herausforderungen der modernen Welt zu vermitteln. Dabei stand ein Thema im Fokus: Privatsphäre. Das Silicon Valley, in dem traditionell viele Harvard-Absolventen ihre ersten Jobs bekommen oder ihre eigenen Unternehmen gründen, sei verantwortlich für eine Reihe revolutionärer Erfindungen, so Cook. Doch in den vergangenen Jahren sei einiges aus dem Ruder gelaufen. Es herrsche zunehmend "der Glauben, man könne Verdienste für sich in Anspruch nehmen, ohne dafür Verantwortung zu tragen", führte er weiter aus. Das werde jeden Tag deutlich, "mit jedem Dateneinbruch, mit jeder Datenschutzverletzung, jedem zugedrückten Auge bei Hassrede und Fake News, die unseren nationalen Diskurs vergiften."

"Wir verlieren die Freiheit, ein Mensch zu sein"

Der Apple-Chef beklagte sich darüber, dass schlechte Ergebnisse oft mit guten Absichten gerechtfertigt werden. "Ob ihr wollt oder nicht - was ihr erschafft, definiert, wer ihr seid." Es fühle sich für ihn merkwürdig an, das überhaupt aussprechen zu müssen, aber "wenn du eine Chaosfabrik gebaut hast, kannst du die Verantwortung für das Chaos nicht einfach abstreifen". Das sei besonders wichtig im Umgang mit der Privatsphäre. "Wenn wir es als normal und unvermeidlich akzeptieren, dass alles in unserem Leben gesammelt, verkauft und sogar geleakt werden kann, verlieren wir weit mehr als nur Daten. Wir verlieren die Freiheit, ein Mensch zu sei", erklärte er pathetisch.

"In einer Welt ohne digitale Privatsphäre beginnt man sich selbst zu zensieren, auch wenn man außer anders zu denken nichts falsch gemacht hat. Das beginnt ganz klein, Stück für Stück. Weniger riskieren, weniger hoffen, sich weniger vorstellen, weniger wagen, weniger erschaffen, weniger versuchen, weniger reden, weniger denken." Die abschreckende Wirkung der digitalen Überwachung sei tiefgreifend und berühre alles.

Dass Cook die Themen Datenschutz und Privatsphäre in den Mittelpunkt seiner Rede stellte, überrascht nicht. Der 58-Jährige betont bei jeder Gelegenheit, wie wichtig Privatsphäre sei. Er bezeichnet sie sogar als “fundamentales Menschenrecht”. Cook versucht sich zunehmend in diesem Punkt von seinen Mitbewerbern zu unterscheiden. Für die Werbekampagne "Privacy on iPhone" hat Apple Medienberichten zufolge mehr als 54 Millionen US-Dollar in die Hand genommen.

Auf der Entwicklerkonferenz WWDC stellte Apple Anfang Juni einen eigenen, datensparsameren Login-Service vor. Damit können Nutzer sich entscheiden, Dienste-Anbietern wie AirBnB nicht ihre echte E-Mail-Adresse, sondern eine von Apple automatisch generierte Wegwerf-Adresse zu geben. Die Mails werden dann von Apple an die tatsächliche E-Mail weitergeleitet.

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