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Apple kürt die besten Apps des Jahres: Das große Geschäft mit den kleinen Kacheln

Apple hat am Montag in New York die besten Apps und Spiele des Jahres bekanntgegeben. Dass der Konzern ein eigenes Event dazu veranstaltet, zeigt: Es geht um viel Geld, Einfluss - und um die Zukunft der App. Denn die muss nicht unbedingt auf dem Smartphone stattfinden.

Von Christoph Fröhlich, New York

Apps zum Erstellen von Filmen und Bildercollagen stehen dieses Jahr im App Store besonders hoch im Kurs.

Apps zum Erstellen von Filmen und Bildercollagen stehen dieses Jahr im App Store besonders hoch im Kurs.

New York zur Weihnachtszeit, das hat bisweilen etwas Magisches. Schlittschuhlaufen im Central Park, überall funkelnde Lichter, Plastiktannen stapeln sich in den Schaufenstern. Nur der Schnee rieselt an diesem Dezembernachmittag nicht sanft vom Himmel, wie man es aus kitschigen Weihnachtsfilmen gewohnt ist. Stattdessen drückt der kühle Nordwestwind die Flocken beinahe senkrecht durch die Luft. Big Apple versinkt zum ersten Mal in diesem Jahr im Schnee.

Gut, dass man hier drinnen von dem Schmuddelwetter nichts mitbekommt. Hier, das ist ein sechsgeschossiges Apartment im hippen New Yorker Stadtteil Tribeca, das an diesem Montag zum Schauplatz eines Apple-Events wird, das es so bislang noch nicht in der 43-jährigen Firmengeschichte gab. Denn es werden nicht wie sonst mit viel Tamtam neue Geräte oder weitere Dienste aus Cupertino vorgestellt, stattdessen steht der App Store im Mittelpunkt. Apple kürte in Anwesenheit von 50 Entwicklern aus aller Welt die besten Apps des Jahres (welche das sind, können Sie hier nachlesen). 

stern-Redakteur Christoph Fröhlich (rechts) im Gespräch mit Apples weltweitem Marketing-Chef Phil Schiller.

stern-Redakteur Christoph Fröhlich (rechts) im Gespräch mit Apples weltweitem Marketing-Chef Phil Schiller.

"Entwickler auf der ganzen Welt inspirieren uns mit innovativen Apps, die die Kraft haben, die Kultur zu beeinflussen und unser Leben zu verändern und das ist auch in diesem Jahr wieder so", erklärt Apples Marketing-Chef Phil Schiller, der für das Event nach New York gereist ist. "Wir freuen uns, eine so vielfältige Auswahl von App Store Gewinnern 2019 bekannt zu geben, die zeigen, dass großartiges Design und Kreativität von großen und kleinen Entwicklern aus allen Teilen der Welt kommt."

Man braucht nur: eine Idee

Dass man sich mit einer guten Idee auch als kleines Studio am Markt behaupten kann, zeigen Ben Sandofsky und Sebastian de With, die beide das Studio Lux Optics gegründet haben. Mit der mächtigen Kamera-Anwendung "Halide" sorgte das Entwicklerstudio bereits vor einigen Jahren für Aufsehen in der Fotografenszene. Mit "Spectre Camera" gewannen die beiden nun den begehrten Preis für die iPhone-App des Jahres. 

"Spectre ist eine KI-basierte App, die jede Menge Technologie nutzt, um Aufnahmen mit langer Belichtungszeit zu machen”, erklärt Co-Gründer Sebastian de With. "Mit computergestützter Fotografie können wir nun ein Stück weit die Grenzen der Physik umgehen." Bislang brauchte man viel Know-How, um mit herkömmlichen Kameras gute Langzeitbelichtungen aufnehmen zu können. Man musste wissen, wie eine Blende funktioniert und wie man die Verschlusszeit optimal einstellt. Nun genügt ein simpler Tastendruck. "Das Interesse an Fotografie wird immer größer. Der Markt für solche Apps hat sich verzehnfacht", sagt de With.

Sebastiaan de With (rechts) heimste mit "Spectre Camera" die begehrte Trophäe der iPhone-App des Jahres ein.

Sebastiaan de With (rechts) heimste mit "Spectre Camera" die begehrte Trophäe der iPhone-App des Jahres ein.

Großes Geschäft mit kleinen Kacheln

Auch sonst ist der App Store in den letzten Jahren geradezu explodiert - von den Umsätzen, dem personalen Aufwand, bis zur Rolle für den Konzern. Der kleine Software-Laden, der vor elf Jahren mit gerade einmal 500 Apps an den Start ging, ist mittlerweile eine Multi-Milliarden-Dollar-Maschine, an dem weltweit Millionen Jobs hängen (lesen Sie hier mehr zur Geschichte des App Store).

Wie viel Geld Apple genau mit Apps verdient, verrät der Konzern zwar nicht. Doch hier und da plaudert man Details aus: Etwa, dass die Nutzer 2018 allein zwischen Weihnachten und Neujahr 1,22 Milliarden US-Dollar für Apps und Spiele ausgegeben haben. Eine Summe, die in wenigen Wochen noch einmal getoppt werden dürfte. 

Die Gesamteinnahmen mit Apps werden sich in diesem Jahr der 50-Milliarden-Dollar-Marke nähern, schätzt der Analyst Neil Cybart. Da Apple 30 Prozent der Einnahmen einbehält, liegt der Gewinn-Anteil bei rund 13,5 Milliarden US-Dollar. Damit verdient Apple allein mit den daumennagelgroßen Kacheln mehr als McDonald’s oder Coca-Cola.

Und das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht: Weil immer mehr Geräte genutzt werden, steigen auch die Downloadzahlen. 2020 dürfen die weltweiten Konsumausgaben von iOS und Google Play zusammen voraussichtlich einen Betrag von 105 Milliarden Dollar erreichen, schätzt der Analysedienst App Annie. 

Diese Grafik zeigt das Verhältnis der beiden App Stores (links Apple, rechts Google). Zwar erzielt Googles Play Store aufgrund der größeren Verbreitung des Android-Betriebssystems mehr Downloads - umsatztechnisch hat aber Apples App Store deutlich die Nase vorn. Das macht die Plattform für viele Entwickler attraktiver.

Diese Grafik zeigt das Verhältnis der beiden App Stores (links Apple, rechts Google). Zwar erzielt Googles Play Store aufgrund der größeren Verbreitung des Android-Betriebssystems mehr Downloads - umsatztechnisch hat aber Apples App Store deutlich die Nase vorn. Das macht die Plattform für viele Entwickler attraktiver.

Games sind Wachstumsmotor

Der Wachstumsmotor sind auf beiden Plattformen Games: “Es ist zu erwarten, dass die weltweiten Verbraucherausgaben für Spiele in 2020 die Marke von 75 Milliarden US-Dollar überschreiten”, schreiben die Experten von App Annie in ihrer Jahresvorschau. Mobile Games waren im vergangenen Jahr für 77 Prozent der App-Einnahmen verantwortlich. 

Angesichts dieser Zahlen verwundert es nicht, dass Apple gleich die Vertreter mehrerer Spielefirmen nach New York eingeladen hat. Eine von ihnen ist Eva Gaspar aus Barcelona. Sie ist Geschäftsführerin der Abylight Studios, mit dem Abenteuerspiel "Hyper Light Drifter" hat sie nun den Preis für das iPad-Spiel des Jahres eingeheimst. "Unser Spiel ist kein typisches Blockbuster-Game, sondern eine sehr persönliche Erfahrung. Umso mehr freut es uns, dass Apple es als Spiel des Jahres ausgezeichnet hat. Das macht uns unglaublich stolz. Ich hoffe, dass das Spiel dadurch noch bekannter wird und mehr Menschen für Gaming begeistert."

Das Loft im New Yorker Stadtteil Tribeca wurde Schauplatz eines Events, das Apple bislang noch nie veranstaltet hat.

Das Loft im New Yorker Stadtteil Tribeca wurde Schauplatz eines Events, das Apple bislang noch nie veranstaltet hat.

Wenige Große gegen viele Kleine

Eine Auszeichnung von Apple hilft einem solchen kleinen Studio natürlich im Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Denn zur Wahrheit gehört auch: Im App Store überleben vor allem die dicken Fische. Daten der Analysefirma Sensor Tower zeigen, dass das oberste Prozent der App-Hersteller rund 80 Prozent der Downloads abgreift. Oder anders ausgedrückt: 99 Prozent der Publisher kämpfen um die verbleibenden 20 Prozent des Marktes. Beim Geld sieht es sogar noch dramatischer aus: Das obere Prozent der Firmen sackt 93 Prozent der weltweiten Einnahmen ein, bei Spielen liegt der Anteil sogar bei 95 Prozent. 

Damit die kleinen, sympathischen Indie-Titel nicht von all den Blockbuster-Games mit ihren riesigen Budgets überschattet werden, setzt Apple auf ein weltumspannendes Netzwerk von Redakteuren, die jeden Tag empfehlenswerte Apps und Spiele aus der Masse hervorheben. Zugleich mischt Apple aber selbst mit: Vor wenigen Wochen startete der Konzern mit Apple Arcade einen eigene Spiele-Flatrate, in der man Zugriff auf mehr als 100 Games für nur fünf Euro pro Monat bekommt. Wie viele Nutzer der Dienst hat, ist nicht bekannt, man sei aber sehr zufrieden mit dem Auftakt, hört man immer wieder aus Apple-Kreisen.

Aufwendig gestaltete Spiele und Kreativ-Anwendungen sind die App-Trends des Jahres.

Aufwendig gestaltete Spiele und Kreativ-Anwendungen sind die App-Trends des Jahres.

Einige Kritiker finden die Entwicklung bedenklich: Indem der Konzern nun nicht mehr nur Anwendungen vertreibt, sondern auch zum Mitbewerber wird, ändert sich auch Apples Rolle im App Store. Der Konzern selbst sieht darin kein Problem. Auf den Vorwurf angesprochen entgegnete Apple-Chef Tim Cook vor wenigen Wochen im stern-Gespräch: "Wir haben 30 bis 40 Apps - gegenüber mehr als zwei Millionen anderen." Cook vergleicht den App Store mit einem Supermarkt: "Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser eine Eigenmarke hat, ist sehr hoch. Und wer profitiert davon, wenn sich noch ein weiteres Produkt im Regal befindet? Der Kunde! Und das ist eine gute Sache."

Die Zukunft der App ...

Eine wichtige Rolle dürfte aber auch die Exklusivität der Arcade-Titel spielen. Schließlich hat Apple etwas davon, wenn viele Apps nur für iPhone, Mac und iPad, aber nicht auf Android-Geräten zur Verfügung stehen. Für den Konzern ist der App Store längst nicht mehr nur eine Gelddruckmaschine, sondern auch ein wichtiges Instrument, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Mit guten, exklusiv erhältlichen Anwendungen will Apple die Nutzer im eigenen Ökosystem halten. "Die Unterstützung von externen Entwicklern ist für Apple nach wie vor von größter Bedeutung", sagt der Analyst Neil Cybart gegenüber dem stern. "Ein Gerät wie das iPad etwa ist so konzipiert, dass die Hardware verschwindet und der Nutzer ungestört mit den Apps interagieren kann. Ein florierendes App-Ökosystem macht also auch die Produkte wertvoller."

Cybart sieht Apple in diesem Bereich gut aufgestellt. Allerdings glaubt er, dass die Bedeutung von klassischen Apps für Smartphones und Tablets in naher Zukunft sinken wird. “Das aktuelle App-Paradigma besteht in erster Linie darin, eine App auf unser Smartphone, Tablet oder den Laptop herunterzuladen. Im Wesentlichen bewegen wir uns jedoch weg von der Datenbeschaffung aus verschiedenen Apps hin zu einem kuratierten und dynamischen Feed, der sich ständig verändert und auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist." Heißt im Klartext: Bislang agieren Apps verhältnismäßig stumpf, viele schicken allen Nutzern die gleichen Informationen. In Zukunft sollen sie jedoch smarter werden.

Ein erster Schritt in diese Richtung sei das Siri-Zifferblatt der Apple Watch, so Cybart: "Die Apple Watch war das erste Gerät, das wirklich damit begann, das aktuelle App-Paradigma in Frage zu stellen. Hier geht es darum, dem Träger übersichtliche Mengen an Informationen, Daten und Kontexten in Form von Karten bereitzustellen, die von einem digitalen Assistenten ausgewählt werden. Diese werden dem Träger auf der Grundlage der Tageszeit und des Zeitplans personalisiert." Konkurrent Google hat mit seinem Assistant und vorher mit Google Now schon länger mit diesem Prinzip herumexperimentiert.

... findet in unseren Ohren statt

Das wichtigste Produkt der nahen Zukunft befinde sich aber weder am Handgelenk noch in der Hosentasche, glaubt Cybart - sondern in unseren Ohren. "Apple verwandelt die AirPods in die zweite Plattform für das, was nach dem App Store kommt. Anstatt es mit gepushten Ausschnitten von Informationen und Daten über einen digitalen Sprachassistenten zu tun zu haben, was wahrscheinlich ideal für mobile Bildschirme bleiben wird, wird es bei den AirPods darum gehen, unsere Umgebung durch die Förderung von intelligentem Sound zu erweitern. Apples größte Chance bei Apps besteht darin, das bestehende Interesse und die Dynamik des App Store zu nutzen und damit einen Vorsprung zu erlangen, wenn es darum geht, dass Entwickler neue Arten von App-Erlebnissen im Wearables-Zeitalter entwickeln."

Nach knapp vier Stunden ist das Event vorbei. Mittlerweile ist es dunkel in New York, die Autos sind von einem weißen Schneefilm überzogen. Die Menschen huschen eilig durch die Straßen, die Mützen tief ins Gesicht gezogen. Und wenn man genau hinschaut, sieht man sie immer häufiger - kleine, weiße Stöckchen, die aus Ohren ragen. AirPods. Gut möglich, dass die Menschen gerade die Anfangstage der nächsten Stufe der Apps miterleben - und dabei eigentlich nur Musik hören.