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Jony Ive: Apple verliert den Mann, der das iPhone entwarf. Was bedeutet das für den Konzern?

Jony Ive arbeitete drei Jahrzehnte für Apple. Er gestaltete den iMac und rettete die Firma vor dem Bankrott. Mit dem iPod erschuf er ein Kultobjekt. Mit dem iPhone das erfolgreichste Produkt aller Zeiten. Nun verlässt er Apple. Für den Konzern könnte das dennoch eine Chance sein.

Jony Ive legt seinen Job als Chef-Designer bei Apple nieder

Jony Ive legt seinen Job als Chef-Designer bei Apple nieder

Getty Images

Wenn wir in unsere Hosentaschen greifen und anschließend auf einer Glasplatte herumwischen, verdanken wir das zum Teil Jonathan Ive. Der 52-jährige verbrachte sein halbes Leben beim Technologie-Hersteller Apple und war verantwortlich für das Design zahlreicher Produkte – unter anderem für den iMac, den iPod und das iPhone. Mit seinem minimalistischen Design wurde der Brite zu einen der erfolgreichsten Produkt-Entwickler der vergangenen Jahrzehnte. Seine vielleicht größte Gabe war es, Computer zu entwerfen, die nicht aussehen wie Computer. Heute tragen wir sie in unseren Händen, an unseren Handgelenken, in unseren Ohren.

Umso bemerkenswerter ist daher die Nachricht, dass Ive nach 27 Jahren bei Apple seinen Job als Chef-Designer niederlegt. Er gründet eine eigene Firma namens LoveFrom und will sich nun noch einmal außerhalb von Computern und deren Betriebssystemen austoben. Die Bande zu seinem Ex-Arbeitgeber möchte er aber nicht kappen, auch zukünftig wolle er mit dem Konzern zusammenarbeiten, erklärte er. Apple-Chef Tim Cook stellte ebenso gemeinsame Projekte in Aussicht.

Diese Mitteilung dürfte aber vor allem der Beruhigung der Aktionäre dienen. Denn ein verschwiegener Konzern wie Apple wird bei wichtigen Projekten auf Außenstehende verzichten. Das dürfte Ive, der jahrzehntelang in streng abgeschotteten Design-Laboren arbeitete, am besten wissen. Wer raus ist, ist raus.

Jony Ive, das schüchterne Genie

Jonathan "Jony" Ive war lange Zeit einer der wichtigsten Männer bei Apple. In Steve Jobs‘ Biografie, die wenige Wochen nach dessen Tod erschien, wird der Apple-Mitgründer mit den Worten zitiert: "Wenn ich einen spirituellen Partner bei Apple hätte, dann ist es Jony.“ Für Jobs war er unersetzbar – ein größeres Lob konnte man von dem genialen, aber bisweilen auch für seine verbalen Ausfälle berüchtigten Apple-Chef nicht bekommen.

Ive galt als kreative Antriebsfeder des Konzerns. Am Ende entschied er, wie die Geräte aussehen, die Millionen Menschen weltweit nutzten. Diese Verantwortung sei für ihn häufig eine große Last gewesen, erzählte er dem Journalisten Ian Parker vor einigen Jahren. Sein persönlicher Geschmack entschied über das Schicksal von mehr als 100.000 Mitarbeitern und den Börsenwert des Konzerns. Ive beschrieb sich in dem lesenswerten Porträt selbst als "sehr, sehr müde" und "immer angespannt“. Lange Auszeiten gönnte er sich nicht, mehr als drei Wochen am Stück war er nie verreist.

Das Rampenlicht mied Apples oberster Ästhet so gut es geht. Er gab selten Interviews, auf der Bühne war er fast nie zu sehen. Viele kannten ihn nur aus den wenige Minute langen Videos, die häufig bei Produktpräsentationen von Apple zu sehen sind. In den Clips saß Ive häufig in einem strahlend-weißen Raum und  beschrieb mit sonorer Stimme und wohlklingenden PR-Phrasen die neuen Geräte. Selbst simple Produktvideos wurden bei Ive zur Kunstform erhoben - und später häufig persifliert. Für einen Künstler, als der sich Ive immer verstand, ist sogar das ein Kompliment.

Ive hatte fast gekündigt

Ive wollte Geräte immer auf das Wesentliche reduzieren. Er machte die Computer in unseren Büros schöner und Technologie leichter bedienbar. Bisweilen übertrieb er es aber auch: Das iPhone machte er so schlank, dass es anfällig für Verbiegungen wurde. Auch beim Macbook sparte er ein paar Millimeter zuviel ein, seitdem sorgen die Tastaturen für Ärger.

Fast wäre er nicht der Design-Papst geworden, als der er heute angesehen wird: Im Jahr 1997, Ive war 30 Jahre alt und arbeitete fünf Jahre bei Apple, schien das Schicksal der Firma besiegelt zu sein. Das Unternehmen stand kurz vor der Zahlungsunfähigkeit und galt als Übernahmekandidat. Dann kehrte Steve Jobs zurück, und als Ive das erste Mal auf den Apple-Mitgründer traf, hatte er bereits sein Kündigungsschreiben in der Tasche.

Doch das Gespräch nahm andere Bahnen. "Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon mal erlebt zu haben. Jemand zu treffen und es macht einfach nur - Klick! Es war bizarr, weil wir beide etwas schräg sind und diesen Klick einfach nicht gewohnt sind", sagte Ive später.

In den vergangenen Jahren beschäftigten sich Ive vor allem mit Architektur. Der 52-Jährige war federführend am Design der ringförmigen zentrale Apple Park beteiligt. Hier schuf er ein Denkmal aus Stein, Glas und Metall, in dem seine und Steve Jobs‘ Vision zusammenlaufen. Um das Tagesgeschäft kümmerten sich derweil andere. Als die Bauarbeiten endgültig abgeschlossen waren, rückte Ive wieder in seine alte Position. Doch die Leidenschaft schien abgekühlt zu sein, er machte Schlagzeilen mit Projekten außerhalb des Apple Parks - etwa einem Volldiamant- Ring für 250.000 US-Dollar.

Personalie sorgt für Diskussionen

Einen neuen "Chief Design Officer" - so lautete Ives offizieller Titel - wird es bei Apple nicht mehr geben. Stattdessen wird Tim Cook auf eine Doppelspitze vertrauen: Evans Hankey und Alan Dye, beide haben schon seit vielen Jahren Führungsrollen inne. Sie werden an Jeff Williams berichten, der quasi das Tagesgeschäft leitet.

Das Team konnte mit der Apple Watch bereits zeigen, dass es auch ohne Ive erfolgreiche Produkte mit hohem Wiedererkennungswert entwickeln kann. Die Neuaufstellung kann für Apple eine Chance sein, die ausgetretenen Pfade der Vergangenheit zu verlassen. Die Börse nimmt den Wandel jedenfalls gelassen hin.

John Gruber, einer der am besten informierten Apple-Blogger weltweit, sieht jedoch auch Risiken. "Mir wird mulmig bei dem Gedanken, dass Apples Chef-Designer nun an das Operations-Team berichtet." Design sei für den Konzern so essenziell wie für kaum eine andere Firma. Er sei deshalb der Meinung, es müsse einen neuen Chef-Designer geben, der nur der Ästhetik verpflichtet ist. "Ich glaube nicht, dass Apple wegen Ives Abgang ein Problem bekommt. Ich glaube, Apple hat ein Problem, weil es ihn nicht ersetzt."

Quellen: Apple, Daring Fireball, New Yorker