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Interview

Netzaktivistin über Privatsphäre: "Anhand einiger Daten lässt sich sogar erkennen, ob und mit wem man eine Affäre hat"

Das Silicon Valley hat ein Thema für sich entdeckt: Privatsphäre. Sogar Facebook-Chef Mark Zuckerberg plädiert für eine private Zukunft. Doch wie glaubwürdig ist das? Netzaktivistin Katharina Nocun spricht über den Sinneswandel der Tech-Hersteller und warum Streamingdienste unseren Serien-Konsum nicht heimlich überwachen sollen.

Netzaktivistin Katharina Nocun

Netzaktivistin Katharina Nocun

Frau Nocun, Mark Zuckerberg betont derzeit bei jeder Gelegenheit, wie wichtig Privatsphäre ist. Ein ernst zu nehmender Sinneswandel oder nichts als leere Worte?

Dass ausgerechnet jemand wie Mark Zuckerberg versucht, nach außen eine 180-Grad-Wendung zu verkaufen, ist wirklich interessant. Er sagt, Datenschutz sei wichtig für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Doch er hat weder vor, sein grundlegendes Geschäftsmodell zu ändern noch weniger Daten zu sammeln.

Immerhin sollen die Messenger sicherer werden.

Zunächst einmal ist fraglich, wie gut Facebook die Verschlüsselung umsetzt. Aber man muss Gespräche gar nicht mitlesen können, um herauszufinden, worum es darin geht. Allein die Tatsache, mit wem ich häufig schreibe sagt ja viel darüber aus, welche Beziehung ich zu jemanden habe. Schreibe ich jemanden nachts um drei eine Nachricht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man eine starke Bindung zu der Person hat.

Sie sprechen von den sogenannten Metadaten.

Je nachdem, wie die Einstellungen in den Apps gewählt sind, kann man auch noch Standort-Daten abgreifen. Anhand derer kann man nachverfolgen, wen man wann wo besucht hat. So lässt sich sogar erkennen, ob und mit wem jemand eine Affäre hat. Die Metadaten sind teilweise verräterischer als die Daten selbst.

Sehen Sie hier im Video: "Google verspricht mehr Privatsphäre"

Entwicklerkonferenz: Google verspricht mehr Privatsphäre

Zuletzt sprach auch Google häufig von Privatsphäre. In München wurde nun sogar ein 100-köpfiges Datenschutzzentrum eröffnet.

Wenn es Google mit dem Datenschutz ernst meinen würde, würde der Konzern offenlegen, was er alles über die einzelnen Nutzer speichert. Denn Google generiert seine Daten ja nicht nur aus Diensten wie Gmail, dem Play Store oder Youtube, sondern auch aus Webseiten, wo deren Werbebanner eingebaut sind. Sowohl Facebook als auch Google sträuben sich jedoch, eine vollständige Auskunft herauszurücken, obwohl man auf Basis der DSGVO einen Rechtsanspruch darauf hat.

Das ist rechtswidrig. 

Wenn diverse EU- und Bundestagsabgeordnete sehen würden, was diese Unternehmen alles über sie als Person gespeichert haben, müssten wir viele Datenschutzdebatten gar nicht mehr führen. Dann würden schnell grundsätzliche Verbote kommen.

Schon jetzt gibt es einen Skandal nach dem nächsten. Warum ändert sich so wenig?

Im letzten Jahr hat sich die Einstellung zum Datenschutz schon geändert. Auslöser war vor allem die Debatte um Cambridge Analytica. Spätestens da wurde klar, dass es bei personalisierter Werbung und den zugrundeliegenden Datensammlungen nicht darum geht, den Menschen Schuhe zu verkaufen, sondern dass damit auch politische Manipulationen auf einer ganz anderen Ebene möglich sind.

Meinen Sie, die Konzerne waren davon selbst überrascht?

Wenn Facebook sich allen Ernstes hinstellt und behauptet, sie seien geschockt gewesen wegen Cambridge Analytica, dann ist das absolut unglaubwürdig. Man weiß, dass der Konzern schon viel früher Bescheid wusste. Aber es wurde weder öffentlich gemacht noch hat man die Nutzer informiert. Bei Facebook herrscht eine Mentalität der Vertuschung. Ich hoffe, dass durch die DSGVO und die daraus folgenden Strafen die Anreize höher sind, solche Vorfälle in Zukunft offen zu legen.

In Facebook haben Sie kein Vertrauen mehr. Wie sehen Sie Apple in puncto Datenschutz?

Apple hat ein Geschäftsmodell, das nicht auf personalisierter Werbung beruht, sondern auf dem Verkauf von Geräten. Dementsprechend führt das Unternehmen Datenschutz mittlerweile als eines der Haupt-Verkaufsargumente an - und das finde ich auch glaubwürdig. Ich denke, dass die Reaktion von Google vor allem auch der Angst vor der Konkurrenz geschuldet ist. Die sehen plötzlich, dass da ein großer Konkurrent ist, der sich mit Datenschutz schmückt, und dass das bei den Nutzern gut ankommt.

Apple verdient sein Geld hauptsächlich mit dem iPhone. Zukünftig sollen die Einnahmen aber auch mit Spiele-Abos, Musik- und Serien-Streaming und Online-Speicher generiert werden. Für den Konzern ist das ein fundamentaler Wandel.

Gerade im Bereich Online-Streaming ist Datenschutz extrem wichtig. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass heute niemand mehr sehen kann, welche Trash-TV-Sendungen ich mir als Teenager nach der Schule angeschaut habe. Für die Jugendlichen von heute gilt das leider nicht mehr. Als ich einmal bei Netflix meine Nutzerdaten abgefragt habe, konnte ich sehen, wann ich in welchem Film vor- oder zurückgespult oder auf die Stop-Taste gedrückt habe.

Was ist so schlimm daran, wenn ein Streaming-Dienst weiß, wann ich einen Film pausiere?

Wenn sich jemand nachts um drei das kitschige Ende eines romantischen Liebesfilms wiederholt anschaut, sagt das etwas über die psychische Verfassung aus. Es gibt Menschen, die überspringen Gewaltszenen, andere schauen sich diese mehrfach an. Das Gleiche gilt für Sex-Szenen. Diese Daten ermöglichen sehr intime Einblicke in die Psyche von Menschen.

Die Anbieter erkennen anhand solcher Daten aber auch, welcher Schauspieler beim Publikum gut ankommt oder ob die zweite Staffel einer Serie mehr oder weniger Gewalt-Szenen haben sollte.

Das stimmt, aber dafür genügen auch anonymisierte Daten. Man muss kein Profil von mir als Person bilden. Ich denke, niemand würde eine solche Erfassung aktiv einschalten, wenn man die Wahl hätte. Das wäre jedem zu privat. Deshalb sollte Datenschutz in den Standardeinstellungen verankert sein, weil 90 Prozent der Nutzer diese niemals ändern.

Stört sie eigentlich das grundsätzliche Sammeln von Daten oder nur deren Auswertung?

Bei einigen Bereichen würde ich mir wünschen, dass grundsätzlich nie Daten erhoben werden. Auf Seiten, die sich mit sensiblen Themen wie Krankheiten, Sexualität oder Religionen auseinandersetzen, sollte kein personalisiertes Werbe-Tracking erlaubt sein. Außerdem kann man sich niemals hundertprozentig sicher sein, dass die gesammelten Daten nur für den geplanten Zweck genutzt werden und auch da bleiben, wo sie sollten. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn Google oder Facebook mal ein richtig großes Datenleck haben. Von daher ist Datensparsamkeit die beste Option.

Dennoch, ohne Daten geht es heutzutage nicht mehr.

Anonymisierung ist das Stichwort, wenn es um die Balance von Privatsphäre und größeren Nutzerkomfort geht. Häufig muss man keine Abstriche beim Datenschutz machen, um einen genauso guten Dienst zu haben. Ich empfehle etwa jedem, mal andere Suchmaschinen wie DuckDuckGo oder Startpage auszuprobieren. Die liefern in einigen Fällen sogar bessere Ergebnisse als Google.

Um einige Dienste kommt man im Alltag aber kaum herum.

In dieser Gesellschaft kann man bestimmten Unternehmen nicht aus dem Weg gehen. Wenn ein Video nur auf Youtube verfügbar ist, habe ich als Nutzer keine echte Wahl. Man kann sich nur entscheiden, das Video anzusehen oder halt nicht. Das ist auch ein Grund, warum wir eine allgemeingültige Regulierung für alle Unternehmen brauchen.

Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) gibt es nun seit einem Jahr. Hat sie etwas gebracht?

Die Reaktion von Unternehmen auf Datenauskünfte ist besser geworden. Und seit der DSGVO ist klar, dass Unternehmen Anfragen nicht einfach ignorieren können und Konsequenzen zu spüren bekommen. Allerdings schafft die DSGVO in den meisten Bereichen nur bessere Regeln für den Umgang mit den Daten. Das eigentliche Problem - das Sammeln - wird nicht gelöst.

In den nächsten fünf Jahren …

… wird es noch einige Datenskandale in der Größenordnung von Cambridge Analytica geben. Das wird noch einmal ganz neue gesellschaftliche Debatten auslösen. Und ich denke, dass wir mehr Regulierung im Bereich Datenschutz haben werden. Denn die Marktsituation, in der wir nur wenige große Player haben, wird sich noch verschärfen. Am Ende wird es auf die Gerichtsentscheidungen ankommen: Sie müssen zeigen, dass sich Unternehmen an die neuen Regulierungen der DSGVO halten müssen, da es sonst extrem teuer wird. Nur das wird zu einem Umdenken in den Abteilungen führen.

Lesen Sie hier: "Was auf deinem iPhone passiert, bleibt auf deinem iPhone", verspricht Apple. Nur: Wie soll das gehen? Der stern besuchte die ringförmige Zentrale und konnte als erstes deutsches Medium einen Blick in zwei streng abgeschirmte Labore werfen.

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Interview: Christoph Fröhlich