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Gesundheits-Offensive: Apples spannendstes Produkt ist nicht mehr das iPhone

Apple war lange die iPhone-Firma. Doch der Fokus hat sich verschoben: Nach dem Mobilfunkmarkt möchte der Konzern den Gesundheitsmarkt umkrempeln. Die Ambitionen von Tim Cook sind groß, der Wettbewerb hart.

Jeff Williams ist einer von Tim Cooks engsten Vertrauten und leitet das Gesundheits-Team bei Apple.

Jeff Williams ist einer von Tim Cooks engsten Vertrauten und leitet das Gesundheits-Team bei Apple.

Getty Images

Vor zwei Wochen feierte Apple wieder seine große iPhone-Show. Der Konzern stellte drei neue Telefone vor, die allesamt schneller, besser und einige Modelle auch grüner sind als die Vorgänger. Die Kameras haben mehr Linsen, die Batterien sind dicker und auch sonst strotzen sie nur vor Superlativen, wie das Unternehmen bei jeder sich bietenden Gelegenheit betonte. Im Grunde war also alles wie immer in Cupertino. 

Und doch hat sich etwas verändert: War früher das neue iPhone der unangefochtene Star, widmet Apple den Produkten neben dem Telefon wieder mehr Aufmerksamkeit.

Das wurde bereits auf der Entwicklerkonferenz im Juni deutlich, als das iPad und der Mac in den Mittelpunkt rückten. Im vergangenen September stahl die Apple Watch Series 4 dem iPhone die Show. Und auch diesmal gehörte der kleinen Uhr der emotionale Höhepunkt: In einem Film ließ Apple Kunden zu Wort kommen, deren Leben durch die Apple Watch gerettet wurde. Die Botschaft war klar: Smartphones und Tablets mögen technisch beeindruckend sein, doch der Uhr kann man sein Leben verdanken. 

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"Wir dachten, da sucht jemand nach Aufmerksamkeit"

Als solche Meldungen zum ersten Mal im Netz kursierten, hielten viele sie für billig inszenierte Werbung. Die Skepsis war groß, nicht nur bei Medien, sondern auch bei Apple. "Als wir den ersten Brief eines Kunden erhalten haben, in dem er schrieb, dass die Apple Watch sein Leben gerettet habe, dachten wir da sucht nur jemand nach Aufmerksamkeit”, sagt Jeff Williams im Gespräch mit dem stern. Williams ist Chief Operating Officer bei Apple, quasi die rechte Hand von Tim Cook. Der 56-jährige ist verantwortlich für das Gesundheits-Team und war tiefgreifend in die Entwicklung der Uhr involviert. Seit dem Weggang von Jony Ive leitet er außerdem das Design-Team.

Doch es blieb nicht bei diesem einen Brief, es folgten viele weitere. Derzeit berichten Medien weltweit von einem Mann, der beim Mountainbiken stürzte und sich so schwer verletzte, dass er bewusstlos wurde. Seine Apple Watch rief automatisiert den Notruf und übermittelte die Standortdaten, kurz darauf wachte der Mann im Krankenwagen auf. "Wir hätten am Anfang nie gedacht, dass das Ganze mal solche Dimensionen annehmen würde”, so Williams.

Zukunft außerhalb der Hosentasche

Das iPhone ist zwar immer noch hochprofitabel und bleibt zumindest mittelfristig die Grundlage des Geschäfts. Etwa die Hälfte seines Geldes verdient Apple mit dem Telefon. Doch mit rund einer Milliarde Nutzern ist das Wachstumspotenzial weitgehend ausgeschöpft. 

Der Konzern macht aber ohnehin keinen Hehl daraus, dass er seine Zukunft außerhalb unserer Hosentaschen sieht. "Wenn man später zurückblicken wird und sich fragt, was Apples größter Beitrag für die Menschheit war, wird es um Gesundheit gehen", erklärte Tim Cook in einem Interview Anfang des Jahres. Und kein Produkt steht so sehr für diese Transformation des Konzerns wie die Apple Watch. 

Vorgestellt wurde die Uhr im Herbst 2014 als technischer Tausendsassa fürs Handgelenk, mit dem man das Hotelzimmer aufschließen und nach Feierabend eine Runde joggen kann. Mit der Unterstützung weiterer Sportarten wollte Apple neue Zielgruppen erschließen. An medizinische Funktionen war da noch nicht zu denken. "Ursprünglich haben wir den Herzfrequenzmonitor nicht aus gesundheitlichen Gründen in die Uhr eingebaut. Uns ging es lediglich darum, den Kalorienverbrauch bei Aktivitäten so genau wie möglich zu berechnen”, so Williams. 

Doch die Briefe der Kunden sorgten für ein Umdenken. Dem Konzern wurde bewusst, dass er mit den Handgelenken auch die Herzen der Menschen eroberte, im wahrsten Sinne des Wortes. Fortan trieb Apple mit jeder Generation die Entwicklung von einer Fitness-Uhr zu einem medizinischen Gerät voran. Mittlerweile kann die Watch sogar ein Elektrokardiogramm aufzeichnen (Was ein Chefarzt zur EKG-Funktion sagt, können Sie hier nachlesen).

Eine Frage der Verantwortung

So beeindruckend der Fortschritt auch ist, er wirft grundlegende Fragen auf. Denn im Gegensatz zu Medizingeräteherstellern ist Apple erst seit wenigen Jahren in diesem Markt aktiv. Und es ist eine Sache, wenn der Mauscursor nicht funktioniert, wie er sollte. Ein ganz anderes Kaliber ist es, wenn der Algorithmus zur Erkennung von Herzrhythmusstörungen fehlerhaft ist.

Mit großer Macht kommt große Verantwortung - was für Spider-Man gilt, gilt erst recht für einen internationalen Großkonzern. "Bei Gesundheits-Funktionen gehen wir mit größter Sorgfalt vor”, erklärt Jeff Williams. "Wir wissen, dass wir eine hohe Verantwortung haben. Wir wollten es beim EKG unbedingt richtig machen, zumal wir die ersten sind, die in solch einem Umfang aktiv sind. Deshalb haben wir die Apple Heart Study initiiert. Es war die größte Studie dieser Art in der Geschichte”, so Williams. 

Sumbul Desai während der Eröffnungskeynote der Worldwide Developers Conference

Sumbul Desai während der Eröffnungskeynote der Worldwide Developers Conference

AFP

Gemeinsam mit der Universität Stanford erstellte das Unternehmen eine Studie zur Bewertung der Benachrichtigungen eines unregelmäßigen Herzrhythmus auf der Apple Watch. Mehr als 400.000 Teilnehmer nahmen an der Studie teil. Und das war nur der Auftakt: Vor wenigen Wochen kündigte Dr. Sumbul Desai - sie ist Vice President Health von Apple und gehört zu den renommiertesten Expertinnen der USA - an, dass der Konzern die Möglichkeiten der Apple Watch nutzt, um drei weitere Studien zu lancieren. 

So wolle man unter anderem gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation WHO herausfinden, welche Faktoren die Gesundheit des Gehörs beeinflussen. Diese Studie sei die erste ihrer Art, in welcher über einen längeren Zeitraum Daten gesammelt werden "um zu verstehen, wie alltägliche Schallbelastung das Gehör beeinflussen kann”, so Desai. Für sie ist die permanente Überwachung gepaart mit persönlicher Technologie einer der größten Gamechanger der Medizin.

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Geschäft mit der Gesundheit

So nobel die Initiativen auch klingen, am Ende geht es aber natürlich auch um wirtschaftliche Interessen. Der Gesundheitsmarkt ist einer der umsatzstärksten überhaupt: Prognosen zufolge werden 2022 weltweit mehr als 10 Billionen US-Dollar ausgegeben. Und Apple möchte von diesem gigantischen Kuchen ein großes Stück abhaben.

Einem Bericht von Morgan Stanley zufolge könnte Apple in den kommenden Jahren Dutzende Milliarden Dollar pro Jahr mit seinen Gesundheitsgeräten, allen voran der Watch, einnehmen. 2027 könnte der Anteil im besten Fall auf 313 Milliarden emporschnellen. Diese Zahl scheint jedoch sehr ambitioniert zu sein, bedenkt man, dass Apples aktueller Jahresumsatz bei 266 Milliarden liegt. Eine realistische Schätzung geht von 90 Milliarden im Jahr aus, das entspräche rund 35 Prozent des aktuellen Jahresumsatzes. 

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Dass die Analysten dem Konzern solche Umsatzsteigerungen zutrauen, liegt an einem Punkt: dem Umgang mit der Privatsphäre. In Zeiten ständiger Passwort-Diebstähle und lauschender Lautsprecher gilt Apple als Vorkämpfer des Datenschutzes. Zwar war auch der firmeneigene Sprachassistent Siri deshalb zuletzt in die Schlagzeilen geraten, der Konzern hat jedoch schnell nachjustiert und hat bei Datenschützern noch den besten Ruf.

Apple selbst vermarktet die Watch als das persönlichste Produkt. Wenn die Nutzer nach dem Aufstehen also ihre smarte Uhr anlegen, ist dies längst nicht mehr nur ein Teil der Morgenroutine, sondern auch ein Vertrauensvorschuss, dass der Konzern mit den Daten kein Schindluder treibt. Denn was ist persönlicher als der eigene Herzschlag? 

Nicht einmal Apple selbst habe Zugriff auf die Daten, erklärt der Konzern. Alles bleibe zwischen der Uhr und ihrem Besitzer, beziehungsweise ihrer Besitzerin. "Sämtliche Prozesse finden direkt auf dem Gerät statt”, betont Kevin Lynch, der bei Apple die Software-Entwicklung der Watch leitet. "Alles unterliegt der Kontrolle des Nutzers. Das ist enorm wichtig, vor allem bei sensiblen Inhalten wie Gesundheitsdaten.”

Sie wollen sogar den Tod besiegen

Es ist bemerkenswert, wie weit die Technik in gerade einmal fünf Jahren gekommen ist. Glaubt man Kevin Lynch, bleibt die Schlagzahl hoch: "Es fühlt sich an, als wären wir erst ganz am Anfang dieser Entwicklung - nicht nur bei Apple, sondern weltweit.” Tatsächlich haben viele Unternehmen im Silicon Valley den Gesundheitsbereich für sich entdeckt. Investoren pumpen Milliarden in Firmen, die sich mit Biotech und Genetik beschäftigen. Google hat ein eigenes Team, das abgeschottet von der Welt daran forscht, wie man das Altern und am Ende sogar den Tod aufhalten kann. Dutzende Firmen und Startups arbeiten mit Hochdruck daran, unsere Körper zu vermessen, zu analysieren und zu optimieren.

Dass Gesundheitsexperten im Silicon Valley gefragt sind, spürt auch Apple. Ende August häuften sich Berichte, denen zufolge mehrere führende Gesundheitsexperten den Konzern verlassen haben, um sich anderen Unternehmen anzuschließen, darunter Google, der Gates-Stiftung oder der US-amerikanischen Krankenversicherung Anthem. Sie warfen das Handtuch, weil sie sich mit den großen, zentralen Fragen des Gesundheitswesens beschäftigen wollten, am Ende aber Features für die breite Masse entwickelten, heißt es in Berichten.

Bedenkt man, wie zuvor der Bankensektor, die Verkehrs-Industrie oder die Medien von der Digitalisierung erfasst wurden, stehen dem Gesundheitsbereich noch umwälzende Änderungen bevor. Wohin es geht, scheint man auch bei Apple noch nicht genau zu wissen: "Es gibt nicht den großen Master-Plan, in dem detailliert festgelegt ist, wie etwas zum größten Ding wird, dass Apple je gemacht hat”, erklärt Jeff Williams. "Das ist auch gar nicht unser Fokus. Wir halten lediglich die Augen nach Gelegenheiten offen, mit denen wir einen Unterschied in der Welt machen können.”