HOME

Vorhofflimmern: Die Apple Watch hat nun ein EKG – was das für die Nutzer bedeutet

Mit dem iPhone verdient Apple das meiste Geld. Doch das spannendste Produkt ist längst die Apple Watch. Nun wurde in Deutschland das eingebaute EKG und eine Funktion zur Erkennung von Vorhofflimmern freigeschaltet. Die Uhr wird für den Konzern zur Herzensangelegenheit.

Die neue EKG-Funktion auf der Apple Watch wurde in Deutschland freigeschaltet

Die neue EKG-Funktion auf der Apple Watch wurde in Deutschland freigeschaltet

Als Apple im vergangenen September die Apple Watch Series 4 vorstellte, war klar: Diese Uhr stiehlt dem iPhone die Show. Das lag weniger am neuen Design, sondern vielmehr an einer Funktion, die man in einem solchen Gerät kaum erwartet hätte: In der Krone steckt ein elektrischer Sensor, mit dem man ein Elektrokardiogramm (EKG) aufnehmen kann. Dabei handelt es sich um eine Untersuchungsmethode, bei der die elektrische Aktivität des Herzens gemessen wird. Apple möchte damit, so lautet der eigene Anspruch, nicht weniger als Leben retten.

Bislang waren die neuen Herzfunktionen - EKG (exklusiv für die Series 4) und Erkennung von Vorhofflimmern (Series 1 bis 4) - nur in den USA verfügbar. Nun stehen sie nach der Installation der aktuellen Betriebssysteme (iOS 12.2 und watchOS 5.2) auch deutschen Nutzern zur Verfügung. Wir konnten die Funktionen bereits vor dem deutschen Marktstart testen.

Volkskrankheit Vorhofflimmern

Zunächst zur Erkennung von Vorhofflimmern, die für fast alle Apple-Watch-Modelle verfügbar ist. Die Funktion muss zunächst in den Einstellungen auf der Watch-App des gekoppelten iPhones aktiviert werden, läuft dann aber automatisch im Hintergrund. Dabei scannt die Uhr regelmäßig mit Hilfe des optischen Sensors auf der Unterseite den Herzrhythmus und sucht nach Auffälligkeiten.

Apple Watch Series 4: stern-Redakteur testet neue Sturzfunktion

Einen Hinweis, dass man zum Arzt gehen sollte, gibt die Uhr aber erst, wenn bei fünf Rhythmusprüfungen über einen Zeitraum von mindestens 65 Minuten Unregelmäßigkeiten entdeckt wurden. "Das heißt, man erwischt zwangsläufig eher längere Vorhofflimmern-Episoden und nicht die sehr kurzen, die am Anfang einer Erkrankung wahrscheinlicher sind", erklärt Thomas Deneke, Chefarzt einer Herz-Gefäß-Klinik in Bad Neustadt. Er selbst testet die neuen Funktionen bereits seit Dezember 2018, als sie in den USA freigeschaltet wurden. "Allerdings reduziert Apple durch den strengen Algorithmus auch die Gefahr, falsch-positive Ergebnisse zu haben." Auf diese Weise soll Panikmacherei vermieden werden.

Die unerkannte Gefahr

Herz-Kreislauferkrankungen sind mit einem Anteil von mehr als 38 Prozent die häufigste Todesursache in Deutschland. Vor allem Vorhofflimmern nimmt stetig zu. Das Phänomen bleibt jedoch häufig unerkannt. Schätzungen zufolge sind bis zu 1,5 Millionen Menschen hierzulande davon betroffen, das entspricht zwei Prozent der Bevölkerung. Bei den Über-80-Jährigen sind es bereits mehr als zehn Prozent. Je älter man wird, desto höher ist das Risiko für Vorhofflimmern. Es kann aber auch 20-Jährige treffen, eine Risikogruppe sind Spitzensportler. Schätzungen der AF Association zufolge leben in Europa 11 Millionen Menschen mit Vorhofflimmern.

Die Herzrhythmusstörung ist zunächst nicht lebensbedrohlich. Die große Gefahr liegt aber in einem erhöhten Risiko für einen Schlaganfall - der weltweit zweithäufigsten Todesursache. Experten gehen davon aus, dass 30 Prozent der Schlaganfälle mit Vorhofflimmern zusammenhängen.

Der neue Herzsensor der Apple Watch Series 4

Der neue Herzsensor der Apple Watch Series 4

EKG in der Krone

Die zweite große Neuerung ist ein in die Krone der Apple Watch eingelassener elektrischer Sensor, über den eine App ein Elektrokardiogramm (EKG) ableitet. Das geht schnell und intuitiv: Startet man die App, muss man den Finger für 30 Sekunden auf die Krone legen. Anschließend wird eine Auswertung direkt auf die Uhr gepusht, eine detaillierte Verlaufskurve wird in die Health-App auf dem gekoppelten iPhone übertragen. Diese kann man bei Bedarf an den behandelnden Arzt schicken. Sämtliche Gesundheitsdaten sind Apple zufolge verschlüsselt und werden nicht mit anderen Nutzern geteilt. Nicht einmal das Unternehmen selbst habe darauf Zugriff, betont der Konzern.

Bei der Apple Watch Series 4 handelt es sich um ein Ein-Kanal-EKG. Der Standard in Krankenhäusern ist dagegen ein Zwölf-Kanal-EKG, das mit mehreren am Körper befindlichen Elektroden aufgezeichnet wird. Wie aussagekräftig sind also die Daten, die mit der Uhr gesammelt werden? "Wenn es darum geht, Vorhofflimmern zu diagnostizieren, reicht das aus. Dafür benötigt man in der Regel keine dezidierte Zwölf-Kanal-EKG-Analyse", erklärt Chefarzt Deneke. "Für andere Rhythmusstörungen oder auch für die Detektion von Durchblutungsstörungen am Herzen benötigt man jedoch zwölf Kanäle. Aber dafür ist die Apple Watch nicht ausgelegt".

+++ Lesen Sie hier das komplette interview mit Chefarzt Thomas Deneke. Er erklärt, wie gefährlich Vorhofflimmern ist, was er von der Apple Watch Series 4 hält und was der Konzern noch besser machen müsste +++

Apple selbst informiert den Nutzer bei der Einrichtung darüber, dass die Uhr keine Herzinfarkte erkennen kann. Wer ein Engegefühl oder Schmerzen in der Brust spürt, sollte deshalb sofort den Notarzt rufen und nicht erst an seiner Uhr herumfummeln. Die Uhr ist vielmehr als Warn-Gerät zu verstehen.

Vergleich mit Krankenhaus-EKG

Die Genauigkeit der Uhr wollte Apple gemeinsam mit der Stanford-Universität in einer großangelegten Studie herausfinden, an der mehr als 420.000 Probanden teilnahmen. Dabei wurde der Algorithmus der Uhr mit Langzeit-EKGs verglichen. Schlug die Uhr Alarm, wurde überprüft, ob das EKG den Verdacht bestätigt. Das Ergebnis: Perfekt ist die Apple Watch nicht, es werden keine 100-prozentigen Übereinstimmungen erreicht - aber immerhin 85 Prozent. Das heißt, wenn die Uhr eine unregelmäßige Herzfrequenz erkannte, war dies zu 85 Prozent auch mit einem synchron angelegten EKG als Vorhofflimmern zu erkennen.

"Das ist schon ziemlich gut", lautet die Einschätzung von Chefarzt Deneke. Andere Systeme, etwa Implantate, erreichten ebenfalls keine 100 Prozent. "Natürlich kann man immer hoffen, dass es noch besser wird. Aber für einen ersten Aufschlag ist das bemerkenswert." Wenn die Uhr wie vorgesehen eingesetzt wird, "kann ich mir vorstellen, dass man Schlaganfälle verhindern und dadurch vielleicht auch das eine oder andere Leben retten kann."

Einen Aspekt kritisiert der Arzt jedoch: "In der Apple-Herzstudie wurden viele Patienten mit Vorhofflimmern erkannt. Aber nur wenige sind dann auch zum Arzt gegangen, um zu besprechen, was diese Ergebnisse konkret für sie bedeuten. Da ist bislang noch eine Lücke in der Motivation." Nur 57 Prozent der Menschen, bei denen ein unregelmäßiger Herzrhythmus festgestellt wurde, gingen am Ende wirklich zum Arzt. Das seien zu wenige, meint Deneke. Er schlägt vor, dass Apple die Nutzer in solch einer Situation stärker an die Hand nimmt, ihnen mehr Informationen bereitstellt und eine engere Anbindung an den medizinischen Sektor vornimmt. Das jedoch ist schwierig mit deutschen Datenschutzbestimmungen zu vereinbaren.

Apple Watch Series 4: stern-Redakteur testet neue Sturzfunktion

Gesundheit ist ein Milliardenmarkt

Für Apple ist der Ausbau der Herzfunktionen nur eine Etappe auf dem Weg zum großen Ziel: Nach dem Smartphonemarkt will der Konzern den Gesundheitssektor umkrempeln. Das erklärte Apple-Chef Tim Cook bereits vor einigen Jahren im Gespräch mit "Fast Company": "Unsere Strategie ist es, dir in jedem Abschnitt deines Lebens zu helfen. […] Wir dringen auch in den Gesundheitssektor vor, das ist ein Bereich, in dem viele, viele Menschen Verbesserungen wünschen".

In einem anderen Interview stellte der Apple-Chef klar, dass es sich nicht nur um ein Hobby handelt: "In der Zukunft wird man einmal zurückblicken und auf die Frage, was Apples größter Beitrag zur Menschheit gewesen ist, die Gesundheit nennen", sagt Cook. Und: "Wir wollen den Einzelnen dazu ermächtigen, seine Gesundheit selbst zu managen - eine Macht, die bislang bei den Institutionen liegt."

Das kann man anmaßend finden, doch die Strategie könnte sich auszahlen, glaubt die Gartner-Analystin Annette Zimmermann. Die Apple Watch sei die erfolgreichste Smartwatch weltweit und liege in puncto Verkaufszahlen vor Mitbewerbern wie Samsung. Im Gespräch mit dem stern sagt Zimmermann: "Apple hat definitiv große Pläne in diesem Bereich. Getrieben wird dies zunächst vom US-amerikanischen Markt, da dort die Gesundheitsversorgung und Versicherungslage für den Durchschnittsbürger nett gesagt 'eine Herausforderung' ist im Vergleich zu Europa. Der Bedarf für Gesundheitsdienste ist dort ein ganz anderer als bei uns. Diese Situation ist der Haupttreiber für Apple, einen Unterschied in diesem Markt zu machen."

Themen in diesem Artikel