Fantasy-Literatur Blutsauger und andere Romantiker


Beißen oder nicht? Mit ihren Vampir-Romanen hat Stephenie Meyer ein ganzes Genre neu belebt: Romantische Gruselgeschichten sollen Frauen für die Fantasy-Literatur begeistern.
Von Andrea Ritter

Er sieht so gut aus, mit seinen hellen Augen. Und er ist so wahnsinnig galant. Ein Ehrenmann, sensibel und klug, äußerlich das Antlitz eines 17-Jährigen (ohne Pickel, natürlich), innerlich die Weisheit von hundert Jahren. Wie das geht? Ganz einfach: Er ist ein Vampir. Und sie in ihn verliebt.

Edward, der schöne Untote, und Bella, das Mädchen von nebenan - von dieser Romanze lebt eine der erfolgreichsten Jugendbuchserien der vergangenen Jahre: Stephenie Meyers "Biss"-Saga. 2006 erschien im Carlsen-Verlag mit "Bis(s) zum Morgengrauen" der erste Teil; es folgten zwei weitere Bisse: einer "zur Mittagsstunde" und einer "zum Abendrot". Über sieben Millionen Bücher wurden bereits verkauft, davon 700.000 in Deutschland. Der letzte Band ist bisher zwar nur auf Englisch zu haben, stieg aber trotzdem ganz oben in die deutschen Bestsellerlisten ein - das hat zuletzt Joanne K. Rowlings "Harry Potter" geschafft.

Anders als beim Zauberlehrling aus Hogwarts, dessen Geschichte man immerhin als Entwicklungsroman oder Satire auf das Internatsleben lesen kann, dreht sich bei Meyer alles um röschenrote Liebesträume. Im letzten Teil, so viel darf man verraten, wird endlich ordnungsgemäß geheiratet. Das geht zwar selbst eingeschworenen Fans zu weit - aber als gläubige Mormonin bevorzugt die Autorin nun mal einen keuschen Lebensstil. Die 34-jährige Hausfrau aus Phoenix, Arizona, trägt eine ordentliche Frisur und das geduldige Lächeln einer Grundschullehrerin. Sie hat drei Söhne, ist seit 13 Jahren verheiratet, und Schreiben, sagt sie, war zunächst nur eine Nebenbeschäftigung. Inzwischen lösen ihre Bücher einen gewinnträchtigen Hype aus: Es gibt Edward-und-Bella-Partys, Vampir-Verlobungsringe oder T-Shirts. Der Beginn der Romanze wird gerade unter dem Titel "Twilight" verfilmt. Und weil alles so gut läuft, soll es ein weiteres Buch geben, das die ganze Geschichte noch einmal erzählt. Aus der Sicht des Vampirs.

Zauberwort "Romantasy"

Mit ihrer Mischung aus Grusel und Romantik hat Stephenie Meyer der Fantasy-Literatur zu neuen Fans verholfen: Vor allem Mädchen und Frauen lesen ihre Bücher - eine Zielgruppe, von der nun auch andere Verlage profitieren wollen. "Romantasy" heißt das Zauberwort, mit dem der neu gegründete Penhaligon-Verlag im August an den Start geht. Zum Programm gehört die 19-jährige Britin Catherine Banner mit ihrer Trilogie um das Land "Manolia", in dem ein finsterer Tyrann sein Unwesen treibt. Die Serie "Söhne der Insel" von Jean Johnson wurde aus den USA eingekauft und für den deutschen Markt lieblich aufbereitet: Statt des halbnackten Muskelmanns der Originalausgabe ziert eine verträumte Seenlandschaft den Buchumschlag. Liebe ist in dieser Geschichte per Prophezeiung verboten - ein Fluch, der acht junge Männer auf eine harte Probe stellt.

Der Verlag Hoffmann und Campe bedient die Lust am amourösen Gruselabenteuer klassisch. Graf Stanislaw heißt der Blutsauger einer neuen Reihe, der, genau wie Stephenie Meyers Held, an der Schulter der Angebeteten mit seiner Beißhemmung hadert. Ziemlich abgekupfert wirkt die Variante des Heyne-Verlags: "Morgenrot" von Tanja Heitmann. Junge trifft Mädchen, Junge ist von einem blutgierigen Dämon besessen, Junge muss aufpassen, dass er Mädchen nicht beißt ...

Während noch fleißig kopiert wird, hat sich das Original bereits einem anderen Thema zugewendet: "Seelen" heißt der aktuelle Roman von Stephenie Meyer, der gerade auf Deutsch erschienen ist. Ohne Vampire. Dafür wimmelt es in dem telefonbuchdicken Wälzer von körperlosen Außerirdischen, die sich im Menschen einnisten. Das Buch, sagt Stephenie Meyer, sei Science-Fiction für Menschen, die keine Science-Fiction mögen. Und natürlich schafft Meyer es, auch diese Endzeitgeschichte richtig kuschelig zu erzählen: Romantic Science - das könnte dann der nächste Trend werden.

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