„Baugeschichten“ („Building Stories“) hat der Berliner Architekt Francis Kéré seinen Bildband genannt, in dem er sehr persönlich von seinen Projekten sowie aus seinem Leben erzählt. In einem kleinen Dorf im afrikanischen Burkina Faso geboren, musste er als siebenjähriger erstgeborener Sohn von 13 Geschwistern zu Verwandten ziehen, um zur Grundschule zu gehen. Sein Vater brauchte als Dorfvorsteher Hilfe, um seiner Post gerecht zu werden, er konnte weder lesen noch schreiben.
Nach mehr als 50 Jahren kann der bescheidene Kéré mit einer Liste von Architekturpreisen aufwarten. Den ersten erhielt er bereits 2004: Er hatte das für ihn persönlich wichtigste Projekt 2001 umgesetzt, indem er für sein Heimatdorf Gando eine Grundschule entworfen und mithilfe des ganzen Ortes baute. Dafür wurde er mit dem wichtigen „Aga Khan Award for Architecture“ ausgezeichnet, der ihm bald viele Türen öffnete.
Durch ein Stipendium erhielt Kéré mit 20 einen Ausbildungsplatz in Deutschland, bei dem er eigentlich nur lernen wollte, wie man stabile Mauern baut. Sein Sprachkurs fand ausgerechnet in Bayern statt, sodass ihn wegen seines Dialekts später in Berlin kaum jemand verstehen konnte. Er musste Deutsch ein zweites Mal lernen.
Über sich selbst sagt Kéré, er sei „kein Intellektueller, sondern ein Macher“. Seine nachhaltige Bauweise sei stets Improvisation gewesen, aus Geldmangel. So erfand er für Afrika Dächer, die besagte Grundschule ohne Klimaanlage kühlt und später in London einen Pavillon, der Regen zur Bewässerung der Kensington Gardens auffängt. Das Buch über sein Leben, seine Arbeiten sowie seine Skizzen publizierte er bei Tadchen. Wie er neben all seinen Bauaufträgen auch dafür noch Zeit gefunden hat, erzählt er im Interview mit dem stern.
Sie sind ständig auf Reisen und arbeiten ununterbrochen. Wie entspannen Sie sich?
Es ist der Ortswechsel, der mich gelassen bleiben lässt. Wenn ich in Burkina Faso ankomme, bumm!, bin ich in einer anderen Realität. Und kehre ich nach Deutschland zurück, sehe ich Leute, die sich ständig beschweren – weil ein Zug zwei Minuten zu spät gekommen ist, glauben sie, die Welt gehe unter. Du kommst gerade daher, wo echter Mangel herrscht und die Leute glücklich sind, wenn du ihnen eine Wand gebaut hast, die die Regenzeit übersteht – und dann das. Dieses Spannungsfeld baut Stress ab. Sich einfach hinzusetzen und nichts zu machen, ist doch langweilig. Wenn ich nichts tun kann, werde ich müde. Die kreative Arbeit ist für mich erholsam.
Wenn man also den Job macht, den man liebt, dann ist alles gut?
Ja! Meine Tochter hat mal gesagt, ihr Traumberuf wäre, „aus ihrem Hobby den Beruf zu machen, genau wie Papa“.
Christoph Schlingensief wollte in Afrika eine Opernbühne bauen. Aus der Idee ist dank Ihrer Hilfe in den vergangenen 15 Jahren ein ganzes Operndorf geworden, doch eine Bühne gibt es noch nicht. Wird dort jemals eine Oper zu sehen sein?
Es gibt sehr viele Veranstaltungen dort. Das Dorf wird dann zu Residenzen für Künstler aus ganz Afrika. Eine Oper, wie es sie in Europa gibt, war niemals Schlingensiefs Ziel. Aber in Burkina Faso fällt wegen Terrorismus vieles flach. Dennoch ist es nach wie vor ein Reiseziel, wegen seiner Kultur, wegen Film und Theater. Daher spielen auch die Räumlichkeiten des Operndorfs eine große Rolle – und natürlich der Name von Christoph. Seine Idee ist sehr wichtig. Vor drei Wochen haben wir mit Aino Laberenz, Schlingensiefs Witwe, wegen des Baus einer überdachten Veranstaltungshalle im Zentrum des Dorfes gesprochen. Aino ist nun eigentlich der Kopf, ich bin der Handwerker, Unterstützer, Berater, Architekt.
Wann haben Sie dann noch die Zeit gehabt, dieses Buch zu schreiben?
Unterwegs, im Flugzeug, im Auto. Wenn ich mich engagiere, ist das wie mit meinen Projekten, insbesondere die Amerikaner sind davon immer überrascht. Sie sagen, wir seien stets drei Schritte weiter als sie. Aber so arbeite ich, so lebe ich. Bei dem Buch hat das sehr gut funktioniert, weil ich Nina Tescari hatte. Sie war meine Studentin in Mendrisio, im Tessin, und auch mit mir in Afrika. Sie ist super in Englisch und Französisch. Ich habe geredet und geredet, sie hat das aufgenommen und transkribiert. Manchmal war die Zeit knapp, dann ist sie noch mit ins Taxi gesprungen und mit mir bis zum Flughafen gefahren. Sobald ich gelandet war, haben wir gelesen, gelesen, gelesen. Es hat zwei Jahre gedauert, das Buch fertigzustellen.
Ihnen wurden die wichtigsten Architekturpreise verliehen und Sie sind 2022 unter die 100 einflussreichsten Menschen gewählt worden. Sind Sie stolz auf sich?
Hm. Also, ich bin glücklich, wenn ich zum Beispiel Leute treffe, die mit mir studiert haben, sie sich mir vorstellen und sagen: „Oh, weißt du, ich bin der Direktor hier!“ So ist es etwa in Amerika passiert. Dann lachen wir. Im nächsten Augenblick werden sie ernst, schauen mir tief in die Augen und sagen: „Tut mir leid, dass wir dich damals nicht ernstgenommen haben!“ Ich hatte während des Studiums stets gesagt: „Ich möchte meine Hütten sehen.“ Mit anderen Worten: Ich möchte in meinen Heimatort Gando zurückkehren.
Ich werde etwas emotional
Gerührt schweigt Kéré kurz. Dann erklärt er:
Mein Professor hat mich sozusagen gezwungen, mein Abschluss zu machen. Ich wollte in Deutschland eigentlich nur das Wissen erlangen, meine „Hütten“ und damit das Leben zu verbessern. Ich werde etwas emotional. Es berührt mich sehr, dass sich die Außenwahrnehmung längst geändert hat. Und Ihre Frage berührt mich auch, Sie merken es ja. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, das Studium zu beenden. Zum Stolz weiß ich nichts zu sagen. Aber es ist noch sehr viel zu tun. Ich bemühe mich, den Menschen etwas mitzugeben. Dass es in meiner Familie und in Burkina ein paar Leute gibt, die die Arbeit, die ich begonnen habe, fortführen können. Zu wissen, dass wir schon die Ersten vor Ort haben, die studieren können, stimmt mich glücklich und zuversichtlich.