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Fußballbücher: Sieg der Guten

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist bei der EM in Portugal bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Das macht aber nichts. Dafür sind die Deutschen Spitzenreiter im Schreiben von Fußballbüchern. Eine Übersicht.

Volker Finke ist vieles. Trainer des Bundesligisten SC Freiburg zum Beispiel. Ein sehr kluger Mann auch, ausgebildeter Lehrer und so. Ein Anachronismus zudem. Der gebürtige Niedersachse steigt mit seinen Jungs auf und ab, steht oben in der Tabelle oder unten – nur eines steht er nie: Zur Disposition, wie jeder andere Übungsleiter seiner Zunft bei anhaltender Erfolglosigkeit.

Finke verlängert seinen Vertrag stets mit Handschlag und ist in Freiburg ein Heiligtum, weil er für etwas steht, dass dem Fußball bei all seiner verdammten Professionalität und Schnelllebigkeit überall sonst verloren gegangen ist: Für die Seele des Spiels. Deshalb ist Volker Finke der Lieblingstrainer aller Sportjournalisten und Fußballromantiker, was meist das gleiche ist. Sie lieben ihn dafür, dass er Sachen sagt wie: "Fußball kommt von innen heraus. Viel Bauch, viel Gefühl, viel Leidenschaft".

Ein Gleichnis für das Leben an sich

Wahrscheinlich wurden nie so viele Bücher über des Deutschen, ach was, der Welt liebsten Sport geschrieben. Und alle jonglieren mit Bauch, Gefühl, Leidenschaft, ganz in Finke’scher Diktion. Für manche ist die Sache ein Gleichnis für das Leben an sich. "Tor zur Welt" nennt Klaus Theweleit seine Gedanken über Sport und Leben, und weil der 62-Jährige ein anerkannter Soziologe ist, steht "Fußball als Realtätsmodell" als Untertitel auf dem Cover.

Tatsächlich geht es bei ihm um die Verstrickung von Fußball mit Politik und Wirtschaft, das aber erzählt Theweleit äußert unterhaltsam. Er kramt in seinen Erinnerungen: Wie er, dass Flüchtlingskind aus Ostpreußen, sich ein Deutschlandbild aus den Fußballberichten im Radio zusammen schusterte. Wie sein Traum von einer eigenen Karriere samt seines Knies von einem Dorfkicker zertrümmert wurde. Und schließlich weist der Karlsruher Professor für Kunst und Theorie nach, dass nicht Ollie Kahn und Ronaldo, sondern David Beckham und Pierluigi Collina uns 2002 den WM-Titel versaut haben.

Darauf wäre nicht mal Christoph Biermann gekommen, und dem fällt zum Fußball so einiges ein. Denn Biermann, Jahrgang 1960, ist nicht nur Journalist, sondern auch ein echter Fußballverrückter. Und schreibt ständig Bücher über seinen Sport, die man schon wegen ihrer Titel lieben muss, "Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen" zum Beispiel.

Sieger sind langweilig

Biermann sieht übrigens aus wie der Bundesliga-Torwart Thomas Ernst, eine ewige Verwechslungskomödie, die er extrem lustig in seinem neuen Werk beschreibt, das seine gesammelten Kolumnen aus der taz enthält. "Meine Tage als Spitzenreiter" heißt es, und zwar deshalb, weil der von Biermann favorisierte Club VfL Bochum mal zwei Spieltage lang auf Platz 1 der Bundesliga stand. Ein seltsames Gefühl für einen, der Sieger langweiliger findet "als jene, die interessant zu scheitern wissen". Außerdem trifft Biermann auf Ewald Lienen und Hans Meyer, erzählt von trostlosen Auswärtsfahrten und besucht Westfalia Herne, den Club seiner Kindheit – ein wunderbar anrührendes, humorvolles Buch, soviel steht mal fest.

Das trifft übrigens auch auf "Die 10" zu. Geschrieben haben es Rüdiger Barth und Giuseppe di Grazia, hauptberuflich Sportredakteure bei einem deutschen Wochenmagazin. Die beiden nähern sich in ihrem Buch mit spätpubertärer Begeisterung den Ikonen des Fußballs – jenen sagenumwobenen Spielmachern mit der Nummer 10, von Fritz Walter (bei der WM 54 übrigens mit der 16 am Start) über Pelé (sie finden: der Größte überhaupt) zu Platini und Zidane.

Mit Wärme und Bewunderung nähern sich die Journalisten ihren Helden, zeichnen ein großartiges Gespräch zwischen Günther Netzer und Wolfgang Overath auf und vergessen auch Marco Rösch nicht – den Spielmacher eines Bremer Landesligisten, der ein bisschen so ist wie wir, wie alle, die glauben, es wäre mehr für sie drin gewesen.

"Mein Hobby: Tore schießen"

So viel wie für Helmut Rahn vielleicht. Der Held von Bern war schon was Besonderes, ein Unikat, der immer was zu erzählen hatte. Deshalb (und weil er ein paar Mark nebenbei ganz gut gebrauchen konnte) ließ der Essener 1959 seine Autobiografie schreiben. "Mein Hobby: Tore schießen" hieß das Werk, war ziemlich unterhaltsam und ist jetzt im Wunder-von-Bern-Wahn neu aufgelegt worden. Eine Anschaffung rechtfertigt schon das 35-Seitige Nachwort des Spiegel-Schreibers Klaus Brinkbäumer, der die Geschichte nach dem Happy End erzählt: Helmut Rahn und die Schatten seines Schusses aus dem Hintergrund.

Das ist auch ein Teil der ZDF-Dokumentation "Das Wunder von Bern die wahre Geschichte", ein Sujet, dass der Haus-Historiker des Zweiten, Guido Knopp, für sich entdeckt hat, als er nach Hitlers Hausmeister und Hitlers Fleischereifachverkäuferin mit dem dritten Reich durch war. Von Sebastian Dehnhardt sauber recherchiert kommt das Begleitbuch zum Film daher, vom Dopingverdacht gegen die Deutschen bis zu Repressalien gegen die ungarischen Verlierer bleibt keine Frage offen.

Ein bisschen blutarm wirkt das Ganze. Im Gegensatz zum legendären Rundfunk-Kommentar des "Endspiels von Bern" von Herbert Zimmermann, dass jetzt auf einer Doppel-CD vorliegt. Tausendmal schon haben wir nun "Bozsik, immer wieder Bozsik" und "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen" gehört – es war noch nicht einmal zuviel. Seltsam.

Das umgekippte Tor in Madrid

Der jetztzeitige Nachlassverwalter des legendären Herbert Zimmermann ist Marcel Reif, der wohl beste deutsche Fußballreporter. Einer aus Leidenschaft, wie der Untertitel seiner Autobiografie "Aus spitzem Winkel" bekräftigt. Seine Geschichte ist spannend: Reif wurde kurz nach dem Krieg in Polen geboren, über den Umweg Israel landete seine Familie im Land der Täter, in Kaiserslautern. Wie Reif seine Liebe zum Fußball kultivierte und zum Beruf machte, wie das war mit seinem Aufsehen erregenden Wechsel vom ZDF zum RTL und dem umgekippten Tor in Madrid, davon erzählt er hochinteressant.

In den 50ern schrieb Sammy Drechsel die erste Bibel für Fußballträumer. "11 Freunde müsst ihr sein" war nicht nur das Standardwerk jedes E-Jungendlichen in den nächsten 30 Jahren, es war auch Zeitgeschichte pur. Schließlich erzählt Drechsel darin von seiner eigenen fußballverrückten Kindheit im Berlin der frühen 30er, und von den romantischen Werten, die jeder Fan auf den Sport projeziert: Anstand, Freundschaft, Fairness, den Sieg der Guten am Ende.

Drechsel ist seit langem tot, deshalb musste sein bester Freund einspringen, als es darum ging, dieses Standardwerk zu einem Hörbuch zu machen und es so dem Vergessen zu entreißen. Deshalb liest Dieter Hildebrand das Buch, schön altmodisch und wunderbar warm.

"Die wilden Fußballkerle"

Wie der Fußballnachwuchs heute tickt, kann man danach an anderer Stelle nachlesen. Zum Beispiel bei "Die wilden Fußballkerle", eine Kinderbuchreihe, mit der der Münchner Joachim Masannek in den letzten zwei Jahren für Furore gesorgt hat. Schließlich sind die Hauptpersonen lauter 10-Jährige Kicker, die übellaunig und seltsam fluchend haarsträubende Abenteuer bestehen und mit Hilfe ihres alkoholkranken Trainers Willi selbst den Nachwuchs der Bayern weghauen. Das ist ziemlich ungewöhnlich und macht Spaß, auch im gerade erschienenen Band 12. Und, Kreuzkümmelkacke nochmal: Darum geht es doch schließlich beim Fußball, oder?

Stephan Bartels / print