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Fußball-Presseschau: "Beckham glänzt wie sein Haargel"

Nach seiner Gala-Show gegen die Bayern huldigt die Presse David Beckham. Fast im Alleingang hatte der "Spice-Boy" die Münchener besiegt und sie dabei phasenweise wie eine "Schülermannschaft" aussehen lassen. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Uneinheitliche Bewertungen der 2:3-Niederlage in Madrid. Roland Zorn (FAZ) dreht den Schwarzsehern eine lange Nase und hofft auf Zugaben: "Es lebe das Vorurteil, das zu diesem Sport der unverhofften Wendungen und unerwarteten Volten gehört wie der Ball selbst. Alle Welt dachte, einen Klassiker mit Patina-Überzug vorgesetzt zu bekommen, einen Krisengipfel zweier kränkelnder Spitzenklubs von gestern, eine Zitterpartie, die nur von ganz weitem an die großen Tage von Real Madrid und Bayern München erinnern würde. Es kam ganz anders und wie so oft im Fußball, dessen Protagonisten sich immer wieder selbst widerlegen - und sei es nur für einen triumphalen oder traurigen Moment. Vergessen wir das nicht im luftleeren Raum gebildete Vorurteil und glauben an die wiederentdeckte Realität, die vielleicht auch nur ein schöner Tagtraum gewesen ist!"

Sven Goldmann (Tagesspiegel) deutet die Torflut anders: "Ohne Fehler fallen keine Tore, und ohne Tore hat das Publikum keinen Spaß. Die Krisenklubs aus Madrid und München haben den Zuschauern großartige Unterhaltung geboten. Möge ihre Krise noch ein wenig anhalten, am besten bis zum Rückspiel."

Andreas Burkert (SZ) hebt den Kampfesmut der Bayern hervor: "Was den Münchnern nach einer Ewigkeit mal wieder gelang, ist eine späte Antwort. Ein Signal, ein Lebenszeichen, das zuletzt gegen Hannover ausgeblieben war und in Dortmund und in Nürnberg und kürzlich auch in Aachen." Christoph Biermann (Spiegel Online) fügt hinzu: "Die großen Webfehler dieses Teams, dem ein Mann im offensiven Mittelfeld genauso fehlt wie Stabilität in der Innenverteidigung und Flexibilität im Sturm, wird Ottmar Hitzfeld in dieser Saison kaum noch lösen können. Doch in Madrid ahnte man zum ersten Mal, dass beim FC Bayern langsam wieder Leben einzuziehen beginnt."

Raus aus der spielerischen Depression

Boris Herrmann (Berliner Zeitung) kann dem Lob nicht viel abgewinnen: "Der FC Bayern hat sich in der ersten Hälfte wie eine Schülermannschaft verkauft, und danach immerhin eine ansprechende Reaktion gezeigt. Das ist kein Grund zum Jubeln, sondern eine Selbstverständlichkeit in einem Spiel, das vorab zum großen Charaktertest erklärt worden war. Die Münchner haben sich nicht blamiert, aber sie haben 2:3 verloren; und zwar zum fünften Mal hintereinander in einem Pflichtspiel auf fremden Rasen. Dem Verein droht eine Saison ohne Titel, da fällt es schwer, von einem Aufbruch in bessere Zeiten zu sprechen." Und an anderer Stelle schreibt er: "Der FC Bayern präsentierte sich als das schlechtere zweier kriselnder Teams."

Die Journalisten erklären David Beckham zum besten Spieler. Joachim Klumpp (Stuttgarter Zeitung) gibt zu: "Wohl selten hat nicht nur das Haargel von Beckham so geglänzt, sondern auch er, als Spieler. Und das keineswegs als Galaktischer, sondern einfach als Fußballer, der köpft, grätscht, flankt und Tore vorbereitet. In dieser Form ist er ein Verlust - für Real und die Champions League." Florian Haupt (Welt) ergänzt: "Zwei seiner Standardsituationen führten gegen die Bayern zu Toren, eine dritte bescherte dem parierenden Oliver Kahn einen der für ihn immer selteneren Momente des Ruhmes. Aber Beckham war viel mehr als nur der üblich präzise Schütze von Eckbällen und Freistößen. Zusammen mit den anderen Veteranen führte er sein Team aus der spielerischen Depression der letzten Monate. Beckham (102 Einsätze), Roberto Carlos (105) und Raúl (106) sind die Rekordspieler der Champions League, und es war vor allem die alte Garde, die Real Madrid in den ersten sechzig Minuten mal wieder wie Real Madrid aussehen ließ."

Ausgebranntes Barca?

Ronald Reng (taz) ergründet das Schwinden der Schönheit des FC Barcelona und legt den Finger in eine Bremer Wunde: "Der Fußball rollt längst zu schnell, er lässt großartigen Teams keinen Atem mehr zum Verweilen, seit 1990 feiert die Champions League jedes Jahr einen neuen Sieger, selbst Barça, das spielstärkste Team seit dem AC Mailand der frühen neunziger Jahre, wird nun offenbar nach nur einer Saison vom Thron gestoßen. Die traurige Sehnsucht nach der guten, alten Zeit, die doch nur ein Jahr zurückliegt, wohnt schon die gesamte Spielzeit über im Camp Nou. Barça, das im Sommer auf Schautournee nach Amerika ging, im Winter die Klub-WM in Japan spielte, hetzt von Spiel zu Spiel, ohne das nötige Training, ohne die nötige Fitness. Ronaldinho, der im Duell um den Ball ein ums andere Mal von den Liverpoolern einfach weggedrückt wurde, war ein schreiendes Denkmal dieser Kraftlosigkeit. Leo Messi, Symbol der Grenzenlosigkeit des Vorjahres, spielte wie er aussieht: ein schüchterner Junge unter Männern.

Man braucht keine außergewöhnlichen Anstrengungen mehr, um Barça zu besiegen. Man muss noch nicht einmal Fußball spielen. Man muss nur den von Barça verhindern. So wie dieses Jahr schon Madrid, Chelsea, Valencia genügte Liverpool Beharrlichkeit und eine vorzügliche defensive Ordnung. Nur Werder Bremen glaubte, gegen Barça mitspielen zu können und wurde prompt vorgeführt. Umso erstaunlicher ist es, dass in Deutschland nie über die Bremer Taktik debattiert wurde." Markus Jakob (Neue Zürcher Zeitung): "Sollte eine Mannschaft, deren Schlüsselspieler zwischen 19 und 27 Jahren alt sind, vom Erfolg bereits ausgebrannt sein?"

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