Fußball-Presseschau Otto Zementidis scheitert mit Anti-Fußball


Allenthalben herrscht Erleichterung über die Niederlage der antiquierten Griechen unter Altmeister Otto Rehhagel. Spanien hingegen begeistert, auch Verlierer Russland erhält Blumen. stern.de präsentiert jeden Tag die Pressestimmen des aktuellen Spieltags.

Tim Bartz (Financial Times Deutschland) dankt dem Fußballgott, dass Griechenland durch das 0:2 gegen Schweden wohl ausscheiden wird: "In seinen fast siebzig Lebensjahren hat sich Otto Rehhagel ein gehöriges Maß an Leidensfähigkeit angeeignet. 'Ich bin immer noch mit meiner Beate verheiratet, dreiundvierzig Jahre. Was kann mir da noch passieren?', ließ er die Journalisten vor dem Auftaktspiel wissen. Spötter würden sagen, dass ein erneuter Titelgewinn der beharrlich destruktiv spielenden Griechen für die kontinentale Fußballgemeinde wohl noch eine Spur härter zu ertragen wäre als für Rehhagel ein weiteres Jahr mit seiner Gattin. Dieses düstere Szenario ist etwas unwahrscheinlicher geworden. Von einer kurz bevorstehenden Scheidung der Rehhagels ist zwar nichts bekannt. Dafür verloren die Griechen – trotz ihrer bewährten Defensivmasche, die so gar nicht passen will zur schönen neuen Welt des rasend schnellen Angriffsfußballs. Den Unterschied zwischen zwei fantasielosen Mannschaften machte schließlich Ibrahimovic. Der kapriziöse Stürmer, der zumindest im Verein so etwas wie eine Garantie für Tore ist, war es, der für Erlösung sorgte. Auch er war bis dahin abgeprallt an der menschlichen Wand, zu der sich die griechische Abwehr formiert hatte."

Christoph Biermann (Spiegel Online) fühlt sich wie in der Zeitmaschine: "Bei den Griechen gab es etwas anzuschauen, was es im Weltfußball wahrscheinlich sonst nur noch bei deutschen Kreisligateams zu sehen gibt. Rehhagel stellte gegen die schwedischen Giganten hinten eine Fünferabwehr auf. Dort gab wie beim Gewinn der Europameisterschaft 2004 der allerdings schwerfälliger gewordene Dellas den Libero hinter der Abwehr. Vierzehn Monate lang hatte Rehhagel auf diese taktische Variante aus der Vergangenheit des Spiels verzichtet, doch damit allein war die Fahrt in den 'Time Tunnel' nicht beendet. Der Frankfurter Kyrgiakos spielte gegen den Starstürmer Zlatan Ibrahimovic gute alte Manndeckung. Kurzum: Er lief ihm über den ganzen Platz hinterher. Vor allem aber sah man, warum dieser Fußball inzwischen ausgestorben ist. Er hilft nämlich nur, wenn es 0:0 steht."

Unter dem Titel "Zementidis geknackt" teilt uns Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung) seine Abneigung gegen Rehhagels Fußball mit: "Die Griechen haben den Schweden wie einem Großteil des Publikums mit ihrem anachronistischen Ballgeschiebe, Spielverzögern und Spielzerstören den Spaß früh verdorben. Doch was Rehhagels Mannschaft mit ihrer Verweigerungshaltung anstellte, beeindruckte den Gegner zumindest. Die Schweden fanden kein Mittel gegen den antiken Antikick. Dass Fußball für manche ein reines Vergnügen sein soll, blieb 45 Minuten lang unergründlich. Die Griechen jedenfalls waren sich keiner Schuld bewusst und blieben ihrem publikumsfeindlichen Programm auch nach dem Wechsel treu. Und auch die Schweden kamen zunächst auf keine einzige produktive Idee, wie denn das Mauerwerk zu durchbrechen sei. Zwischendurch schienen sich Süd- und Nordeuropäer sogar auf eine Art Zusammenarbeit im Fußball-Nirwana geeinigt zu haben, als Dellas flankte und Hansson fast ins eigene Tor geköpft hätte. So viel absurdes Theater war dem mit künftig zwölf Millionen Euro im Jahr höchstbezahlten Stürmer der Welt denn doch zu viel."

Ereignisreiches und rasantes Spiel im Kampf der Kulturen

Klaus Raab (tageszeitung) lässt sich von dem Esprit Spaniens und Russlands (4:1) anstecken: "Allein, was in den Minuten 20 bis 30 geschah, genügte, um das Spiel zwischen den zwei Hauptwundertüten des Turniers, von denen man vorher nicht genau wusste, was man von ihnen zu erwarten hatte, ein ereignisreiches nennen zu können. Die Russen zeigten in der ersten Hälfte vor allem eines: Warum man durchaus mit ihnen rechnete. Und die Spanier zeigten vor allem dies: dass mit ihnen noch immer unbedingt zu rechnen ist. Der Geheimfavorit hat das Geheime abgelegt."

Elisabeth Schlammerl (Frankfurter Allgemeine Zeitung) hält die hohen Ambitionen Spaniens für gerechtfertigt: "Die spanische Nationalmannschaft dürfte die ohnehin schon hohen Erwartungen im eigenen Land noch geschürt haben. Es dauerte nur eine gute Viertelstunde, ehe Rasanz in das Spiel kam. Bis dahin hatten sowohl die Russen als auch die Spanier vor allem mit Ballsicherheit und netten Stafetten im Mittelfeld geglänzt. Dass in Innsbruck zwei Mannschaften ins Turnier starteten, die lieber angreifen als verteidigen, war aber schon bald klar, aber die Russen hatten nicht viel Schussglück. Ganz im Gegensatz zu den Spaniern, die nach glänzender EM-Qualifikation und Vorbereitung hoffen, nach 44 Jahren endlich einmal wieder von einem Turnier mit einem Titel zurückzukehren."

Thomas Renggli (Neue Zürcher Zeitung) nennt den kleinen und entscheidenden Vorteil des Siegers: "Das Duell zwischen Spanien und Russland ist im Fußball auch ein Kampf der Kulturen: hier der ewige Favorit mit seinem unerschöpflichen Talentreservoir, der an großen Turnieren seit 1964 noch jedes Mal einen Weg in die sportliche Sackgasse gefunden hat, da die neue Macht im Geschäft, die im Windschatten der Rohstoffindustrie ihre Bescheidenheit auch auf den Rasenplätzen dieser Welt abgelegt hat. Die beiden ungleichen Kontrahenten lieferten sich (wenigstens in der ersten Halbzeit) einen packenden Kampf auf hohem Niveau. Spanien verdiente sich den Sieg nicht als initiativere, sondern als wesentlich abgeklärtere Mannschaft, die aus individuellen Fehlern kompromisslos Kapital schlug. Die Russen machten zwei entscheidende Fehler: Sie rannten zu unbedarft nach vorn, und sie agierten immer wieder zu eigensinnig und verspielt. Außerdem bekundeten sie in der Rückwärtsbewegung mit den wendigen und schnellen gegnerischen Stürmern große Probleme."


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