HOME

Joachim Unseld: "Die böse Stiefmutter. Märchen haben halt immer Recht"

Er sollte den Suhrkamp-Verlag erben. Doch sein Vater heiratete eine junge Frau und verstieß den Sohn. "Das System Suhrkamp ist gebrochen", klagt Joachim Unseld.

Herr Unseld, in Ihrem Leben ist ziemlich viel dumm gelaufen.

Ach ja? Entschuldigen Sie mal, wenn Sie jetzt hier rausgehen, ein Ziegel fällt Ihnen auf den Kopf, Sie sind schwer verletzt, und ich würde dann sagen: "Ziemlich viel dumm gelaufen in Ihrem Leben!", dann würden Sie über mich denken: Was für ein Arschloch, das war ein Unfall! Es gibt immer Weichen im Leben, und wenn etwas bei mir schief lief, ist es das gebrochene Verhältnis zu meinem Vater und diese Sache mit dem Suhrkamp-Verlag.

In Ihnen muss doch ständig der Gedanke sein: Ich müsste jetzt drüben im Suhrkamp-Verlag sitzen - als Chef, Verleger, Herausgeber?

Nein! Nein! Nein! Ich sitze hier in meiner Frankfurter Verlagsanstalt ...

... und drüben im Suhrkamp-Verlag geht es drunter und drüber: Martin Walser hat nun mit all seinen Büchern, all seinen Rechten den Suhrkamp-Verlag verlassen.

Walsers Entscheidung ist fürchterlich. Aber ich kann seinen radikalen Schritt nachvollziehen, weil ich weiß, dass Verlegen immer etwas sehr Persönliches ist, eine Frage von Vertrauen - und das war nicht mehr vorhanden. Ich bedauere es unendlich, dass sich keine Personenkonstellation ergab, die Walser im Suhrkamp Verlag hätte halten können. Sein Weggang trifft den Verlag in seiner Substanz.

Wie? Ist Suhrkamp bald am Ende?

Nein, es wird schon noch 30, 40 Jahre gut gehen. Aber die Frage ist doch: Welche Rolle spielt das Haus noch? Welche Bedeutung hat es noch für die deutsch- sprachige Gegenwartsliteratur? Fördert, pflegt, glaubt Suhrkamp noch an junge Autoren? Ich bin skeptisch.

Ihr Vater hatte Sie als seinen Kronprinzen erzogen - doch nun regiert dort die Suhrkamp-Autorin Ulla Berkéwicz, die zuvor Schauspielerin war und Ursula Schmidt hieß.

Mein Gott, ja. Die Märchen haben halt immer Recht, die böse Stiefmutter - aber ohne Ironie: Seitdem diese Frau da war, ist alles kaputtgegangen in dem Verhältnis zu meinem Vater.

Ein Stachel, der wehtut?

Das geht niemanden etwas an. Aber es ist traumatisch, wenn Sie plötzlich nicht mehr arbeiten können. Mein Vater hatte alles dafür getan, dass ich sein Nachfolger werde, schon 1978 habe ich Anteile am Verlag bekommen, mein Typ war also gefragt. Aber plötzlich, nach 15 Berufsjahren sagt mein Vater: Das war's dann!

Man kann es so sagen: Ihr Vater wurde alt, heiratete eine junge Geliebte, verstieß Sie und hinterließ eine Nachfolgeregelung für seinen Verlag, die kein Mensch versteht.

So ist es, und Letzteres ist natürlich verantwortungslos. Aber mein Vater hat diese Realität nicht mehr gesehen. Martin Walser, der sich gut auskennt, hat in seinem "Tod eines Kritikers" eine gute Formulierung dafür parat. Julia Pelz, die Gattin des verliebten Verlegers ...

Sie sprechen nun von Ihrem Vater und Ulla Berkéwicz?

... sie hat ihm eine Liebe produziert, die es nicht gab. Aber dadurch, dass sie diese Liebe jahrelang produziert hat, gab es sie doch.

Was meinen Sie damit?

Sie hat die große Liebende gegeben, zunächst war sie Geliebtendarstellerin, dann die Ehefraudarstellerin, jetzt haben wir es mit einer Verlegerdarstellerin zu tun.

Sie sind verbittert.

Nein.

Das müssen Sie jetzt sagen.

Nein. Blicke zurück lohnen sich nicht.

Unlängst schrieb der Verlagsleiter Wolfgang Balk über Sie: "Er war - und ist - prädestiniert, die Verlage Suhrkamp und Insel im 21. Jahrhundert zu leiten."

Es ist doch schön, wenn andere so etwas über einen sagen. Ich habe allerdings alle Voraussetzungen, einen großen Verlag zu leiten, ich habe das gelernt.

Stattdessen sitzen Sie hier im Hinterhof, Ihre Frankfurter Verlagsanstalt hat 108 Bücher im Sortiment, Sie bringen zehn Bücher pro Jahr heraus, im Suhrkamp-Verlag gibt es 6800 lieferbare Titel, werden pro Jahr 500 Bücher gemacht.

Na und? Ich glaube nicht an die Herrschaft der reinen Zahlen. Ich habe keinen Hermann Hesse, der mir jeden Spaß finanziert. Was ich also hier mache, ist schwieriger. Aber die literarischen Resultate sprechen für sich.

Wenn man jedoch über Sie redet, schwingt fast immer Mitleid mit. Ach, heißt es, der Ausgebootete, der Loser ...

Ich bin kein Loser.

... der sich ins Abseits hat schieben lassen von Ulla Berkéwicz.

Was soll ich denn Ihrer Meinung nach machen? Diese Frau hat sich letztlich meinen Posten angeeignet. Ein Jahrzehnt lang hat sie so getan, als wolle sie das nicht machen. Schauen Sie sich diese Postkarte hier an.

Joachim und Siegfried Unseld, beide sind gut gelaunt, Sie stehen da Arm in Arm.

Ja, so hat uns der Maler Wilhelm Schlote gesehen. Mein Vater und ich - wunderbar vertraut, das war 1989.

Doch ein Jahr später waren Sie draußen aus dem Suhrkamp-Verlag.

Ich war gleichberechtigter Verleger, unter anderem zuständig für die junge deutsche Literatur. Ich habe die jungen Autoren auf mich gezogen, mein Vater hat das nicht ertragen. Das hat, wie er es nannte, seine Position als Verleger von Suhrkamp untergraben, dieses Allmächtige halt. Da war diese Angst des Älteren, wenn eine neue Generation kommt. Das hat er nicht ausgehalten, und im selben Moment kommt eine junge Frau, die ihm das Gefühl gibt, noch mal neu anfangen zu können.

Es geht ja das Gerücht, dass Sie damals auch eine Beziehung zu Ulla Berkéwicz, Ihrer späteren Stiefmutter, hatten.

Sie, Herr Luik, sind schon die ganze Zeit indiskret. Das ist doch Quatsch! Es gab mal ein Buch, "Abstieg vom Zauberberg", da wurde dieser Unsinn kolportiert, und irgendwie ist da wohl was hängen geblieben.

Den Streit, der zur Trennung zwischen Ihnen und Ihrem Vater führte, löste ein Wort aus: "Eines Tages", hatte er in einem Interview gesagt, würden Sie sein Nachfolger. Und dieses "eines Tages" soll Sie so gestört haben, dass Sie ...

Mein Vater hatte immer gesagt: Eines Tages soll jemand - er meinte mich - den Suhrkamp-Verlag machen. Aber durch die Hochzeit mit Frau Berkéwicz hat er seine Pläne revidiert, sich mit 65 zurückzuziehen und mit 70 mir das Haus zu überlassen.

Das soll Sie so genervt haben, dass Sie Ulla Berkéwicz anriefen und zu ihr sagten: "Sag dem Alten, der dein Mann ist, dass er künftig nur Interviews geben darf, wenn auch ich eines gebe." Darauf Berkéwicz: "Vielleicht ..."

Halt! Auch dies ist eine Kolportage. Nein. Ich bin zu ihm hin, eine halbe Stunde haben wir geredet. Ich habe ihn gefragt, warum kippst du meine zwei neuen Buchreihen aus dem Programm. Er sagte: "Weil ich das bestimme!" Darauf sagte ich: "Ich bin gleichberechtigter Verleger." Er: "Hast du das schriftlich?" Ich: "Moment, das haben wir so ausgemacht." Er: "Gut, dann widerrufe ich das jetzt." Ich habe ihn noch gefragt, was ich dann machen soll, und er meinte: "Das ist dein Problem."

Sie sollen bei diesem Treffen seinen Abschied aus dem Verlag mit diesen Worten verlangt haben: "Ich will jetzt alles."

Das ist die neue Dolchstoßlegende. Wenn man einen Putsch von oben will, muss man die Gemüter aufstacheln gegen den, den man in die Falle laufen lässt. Man sorgt für eine Geschichtsklitterung.

Wie auch immer: Vor diesem 23. Oktober 1990 waren Sie der Verleger des mythenreichen Suhrkamp-Verlags und ...

... danach war ich erst einmal nichts mehr. Ein Nichts. Ich bin da irgendwie noch in den Intrigantenstadel des Suhrkamp-Verlags hineingeraten, da waren ja schon einige auf Seiten dieser Frau. Ich sagte mir dann: Das ist nicht mehr mein Ding.

Max Frisch soll Ihrem Vater abgeraten haben, Sie zum Nachfolger zu machen: "Wenn du das tust, sage ich meinen Erben, sie sollen die Rechte zurücknehmen, wenn sie auslaufen."

Auch so ein Dolchstoß, mein Vater hat das nach dem Tod Frischs behauptet. Max Frisch hat mir selbst jedenfalls das nicht gesagt.

Und Ihr Vater sagte damals über Sie, "der kann's nicht". "Unfähig" seien Sie.

Das ist lächerlich. Nein. Ich habe einfach nicht mehr in seinen Lebensplan gepasst, nach seiner Hochzeit mit dieser jungen Frau, die nicht meine Mutter war. Im Mai 1990 wurde meine Mutter von meinem Vater geschieden unter der Absprache, dass ich der Erbe beider bin. Die Scheidung war unter dieser Voraussetzung billig für meinen Vater. Ein paar Monate später flog ich aus dem Verlag, wurde zudem enterbt.

Wie fühlt man sich in dem Moment des Türzumachens? Denkt man da an Randale, Totschlag, Mord?

Es gibt einen wunderbaren Roman von Rilke, den einzigen, den er geschrieben hat, "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", und da drin steht der ebenso wunderbare Satz: "Dazu genügt die Phantasie einer Concierge." Aber ich gebe Ihnen Recht, für mich war es ein brachialer psychologischer Missbrauch. Absolut traumatisierend. Ich habe danach zum Glück eine Gesprächstherapie mit jemandem gemacht, der so alt war wie mein Vater - einfach, um überhaupt wieder Vertrauen in diese Generation fassen zu können. Ich bin dann nochmals zu meinem Vater, sagte zu ihm: "Ich habe dir vertraut, man muss doch zwischen Vater und Sohn nicht alle Dinge schriftlich regeln." Und dann spricht der Vater zu mir, und ich stehe wie ein kleiner Schulbube vor seinem Schreibtisch: "Merke dir eine Sache, Joachim, Sicherheiten gibt es nicht im Leben." Dann sagt man sich: Das war einmal dein Vater. "Auf Wiedersehen, Vater." Das war eine Vater-Morgana.

Es war schon ein seltsames Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Vater: An seinem 65. Geburtstag sollen Sie ihn in Venedig im Haus des Autors Gaston Salvatore die Treppe hinabgestoßen haben.

Puh, auf so Zeugs sollte ich gar nicht eingehen. Rufmord. Mobbing. Gerüchte. Das wirkt doch nur bei einfachen Leuten, die sich dann denken: "Ach, der will ja nur die Kohle haben, der interessiert sich nicht für Literatur, aah, der wartet nur darauf, dass sein Vater tot ist!" Mich würde es interessieren, wer so etwas in die Welt setzt.

Sie werden doch darüber nachgedacht haben - sagen Sie es mir.

Keine Ahnung. Irgendwelche Leute wohl, die Lust am Rufmord haben. Aber ich habe keine Lust, mich mit diesem Zeugs zu beschäftigen.

Sie haben ja noch mal versucht, sich mit Ihrem Vater auszusöhnen - mit Hilfe von Star-Psychologen: Horst-Eberhard Richter war Ihr Sekundant, Ihr Vater kam mit dem Psychologen Tilman Moser zur Psycho-Séance.

Das ließ sich ganz gut an, aber mein Vater hat die Gespräche dann abgebrochen, weil er gesehen hat, dass er nicht gewinnen kann.

Ihre Beziehung - das war eine Frage von Sieg und Niederlage?

Bei ihm war das so. Immer Kampf, immer Krieg, immer Sieg. Beim Schachspielen hat er sich nie die guten Partner ausgesucht, sondern solche, gegen die er gewinnen konnte.

Vielleicht hätten Sie schon früher gegen Ihren Vater kämpfen, protestieren sollen.

Hören Sie doch mit diesen Psychoanalysmen auf! Protest! Protest! Mein Vater ist viel schwieriger zu fassen, als Sie denken. Seine psychologische Konstruktion war - um es höflich zu sagen - verworren, was die Beziehung zu mir, seinem Sohn, betraf.

Sie sprechen in Rätseln.

Mein Vater war keine geradlinige Persönlichkeit, er konnte sich nur durch allerhöchste Disziplinierung zusammenhalten. Er konnte sich nicht zurücklehnen, entspannen, mal lachen, frei sein. Familiär ist das Horror. Bei ihm hieß es immer: Ich muss. Ich muss. Ich muss. Sein Arbeitsplatz war voll gehängt mit Zetteln, so Sprüchen, die ihn motivieren, stimulieren sollten. Er musste laufend von außen Lob bekommen. Es war schon eigenartig, als Sohn und später als Angestellter mit diesem Mann umzugehen.

Marcel Reich-Ranicki hat über Ihren Vater gesagt, "so einen Kerl" habe er Zeit seines Lebens nicht gesehen.

Wahrscheinlich meint Reich-Ranicki sich selbst damit. Die Bekannten meines Vaters, ob Reich-Ranicki, Walter Jens oder Martin Walser, diese ganze Generation, das sind Menschen, die eine abgebrochene Kindheit und Jugend haben. 1945 kam für sie der Riesenbruch, den sie mit einem gewaltigen Über-Ich kompensiert haben, das alles Spontane darunter hat verkümmern lassen. Ein riesiges Narzissmus-Spektakel wurde da aufgeführt. Wollen Sie mal sehen, womit mein Vater gespielt hat?

Das ist eine Burg voller Soldaten mit Nazi-Uniformen und Nazi-Fahnen.

Das ist seine Kindheit. Mein Vater, 1924 geboren, ging durch diese ganze Nazi-Geschichte, wurde dann ins Wirtschaftswunderland entlassen. Er konnte nicht über sich selbst sprechen.

Dafür hatte er ja den Suhrkamp-Verlag: den Hort der Aufklärung.

Ja? Intellektuell schon. Aber können Sie ein deutsches Suhrkamp-Buch benennen, das den "Holocaust" beschreibt, wirklich faktisch beschreibt?

Es gab Adorno und Peter Weiß' "Ästhetik des Widerstands".

Die waren schon vor meinem Vater da. Ich meine diese Nebelkerzenliteratur der Soziologie, wo man meistens genial am Sujet vorbeizielte. Aber die konkretere Tradition des Benennens und Erinnerns ist beim Fischer-Verlag. Schauen Sie sich den Titel dieses Buches an!

"Ins Gelingen verliebt sein und in die Mittel des Gelingens", ein Zitat von Ernst Bloch.

Ja, aber das heißt, dass die Leute, die einem Erfolge verschaffen, Mittel sind.

So wie Sie das interpretieren, könnte der Satz von Adolf Hitler sein.

Natürlich. Aber alle beten diesen Spruch von Bloch nach, weil mein Vater ihn verbreitet hat.

An ihm müssen Sie sich noch immer abarbeiten.

Mein Leben lang, so wie er in mich hineinregiert hat. Mein Vater neidete mir - das kann ich mit Fug und Recht sagen - meine geradlinige Biografie in Friedenszeiten. Und da ist es schön, wenn man auch mal was kaputtmacht: "Jetzt spiele ich deinen Hitler und enttäusche dich! Ich bin dein Vater, ich enttäusche dich! So wie Hitler mein Vater war, der mich enttäuschte. Und ich enttäusche dich."

Ulla Berkéwicz hat Ihren Vater so beschrieben: "Da ging die Tür auf, und dann stand da plötzlich so ein edles Übermaß der Vorzeit im Türrahmen und füllte den vollkommen aus."

Wie schön für sie. Mein Vater und Frauen. Er hat mir immer gesagt, er wird nie im Leben zweimal heiraten, weil das nur Spießer machen. Entweder mit einer Frau zusammenbleiben oder mit vier Frauen, da hat man wenigstens Spaß. Und dann sein Vorsatz, nie etwas mit einer Autorin anzufangen ... Wenn ich es mir überlege, weiß ich wenig über meinen Vater.

Wieso? Sie saßen doch hier an diesem Tisch jahrelang mit ihm zusammen?

Ja, klar, aber es ging immer nur um das Geschäft, Suhrkamp, Suhrkamp-Verlag.

Und auch Sie machen sich Sorgen um diesen Verlag.

Ja. Ich finde es interessant, dass plötzlich nicht mehr von der Suhrkamp-Kultur die Rede ist, sondern nun eine so genannte Unseld-Kultur aufkommt.

Sie meinen: eine Ulla-Berkéwicz-Kultur?

Wie auch immer. Jedenfalls ist die Suhrkamp-Kultur usurpiert worden, also jene Kultur, wonach der Autor meilenweit über dem Verlag stehen und der Verlag ihm dienen sollte.

Ich sag's doch: In Ihnen ist dieser Stachel, der ...

... Ja, klar! Mir geht es wie der Frau Lot, aber ich dreh mich nicht um ... das macht dich kaputt, ich schaue nach vorn. Wissen Sie, mein Vater und auch ich haben mit den Autoren zusammengesessen und diskutiert, was im Schwange ist, was für Programme wir planen. Enzensberger wird heute nicht mehr gebeten, vorab ins Programm zu schauen.

Enzensberger hat ja gemeinsam mit Habermas, Kluge, Muschg und Singer seinen Rücktritt vom Stiftungsrat erklärt.

Auf eine wirklich plumpe Art sind die Leute, die die Geschichte der Bundesrepublik intellektuell begleitet und geprägt haben, vor den Kopf gestoßen worden! Es ist doch unsäglich, wenn Frau Berkéwicz in der Öffentlichkeit den Stiftungsrat, also gestandene Männer, die das Tausendfache von ihr geleistet haben, düpiert und sagt: "Die haben ihren Vertrag nicht gelesen. Die haben überhaupt nichts zu sagen!"

Sie hat ja Recht.

Natürlich hat sie formaljuristisch Recht und auch einen guten Anwalt. Wenn aber so die neue Unseld-Kultur aussieht, dann Gute Nacht. Das ist nicht mehr das System Peter Suhrkamps, nicht mehr der alte Stil des Hauses, den mein Vater mit Erfolg gepflegt hat.

Aus dem Verlag hört man nun merkwürdig Neues: Von okkulten Ritualen ist die Rede, verhexten Mitarbeitern, und die Chefin hält Zwiesprache mit dem toten Verleger.

Das muss ich nicht kommentieren.

Und eine Suhrkamp-Pressesprecherin erklärt: "Wir haben viel Unseld-Blut in uns."

Was für ein bizarrer Satz! Da wär ich wohl der Einzige, der das von sich sagen kann.

Als Ihr Vater vor zwei Jahren im Sterben lag, haben Sie das durch Zufall erfahren.

Es war in der Paulskirche bei der Verleihung des Börne-Preises an Hans Magnus Enzensberger. Der sagte mir, dass es meinem Vater sehr schlecht geht. Es war ein wahnsinniger Tag. Ich rief sofort an, wollte meinen Vater sehen, und die Antwort seiner Frau war: "Warum willst du das?" Ich habe ja den bösen Verdacht: Weil sie wussten, dass ich komme, haben sie meinen Vater so unter Schmerzmittel gesetzt, dass er bewusstlos war.

Das ist doch nicht Ihr Ernst?

Doch.

Sahen Sie Ihren Vater dann nochmals vor seinem Tod?

Sie wollten das nicht, sie wollten nicht, dass ich mit ihm spreche. Ich drohte, per Gericht mir das Recht einzuklagen, meinen sterbenden Vater zu sehen. Erst ein paar Stunden vor seinem Tod holte mich der Arzt zu ihm. Ich hielt die Hand meines Vaters, zum Reden war es zu spät.

Bei der Beerdigung Ihres Vater, schrieb später der Autor Bodo Kirchhoff, "war nicht der Verstorbene, sondern seine Frau die Hauptperson".

Das war keine Beerdigung, es war eine Inszenierung, schlechtes Theater. Ich saß irgendwo am Rand, als ob ich nicht dazugehörte. Frau Berkéwicz ließ alle warten, den Kanzler, die Autoren, alle, die ganze unruhige Trauergemeinde, vielleicht zehn Minuten lang. Und dann, den Schleier zurückgeworfen, beendete sie die Stille mit ihren Absätzen, und im langsamen Stechschritt zog sie an der Spitze ihrer Familie ein. Ich hatte nicht das Gefühl, mein Vater liegt dort im Sarg. Es war eine Beerdigung ohne Tränen, nein, es wurde Beerdigung gespielt. So wie nun Suhrkamp gespielt wird und das System Suhrkamp gebrochen ist.

Vielleicht ist das sogar im Sinne Ihres Vaters. Vielleicht will er gar nicht, dass der Verlag, "meine Geliebte", wie er ihn nannte, ohne ihn weiterlebt.

Dieser Hollywoodvariante könnte man tatsächlich anhängen, wenn man sieht, dass mein Vater dieses Haus einer nicht so begnadeten Autorin überlassen hat, die zudem keine Erfahrung im Geschäft hat. Wenn Suhrkamp nun unterginge, stünde er nach seinem Tod noch besser und größer da.

Es gibt ein Stück von Max Frisch, "Biografie: Ein Spiel". Ein Mensch erhält die Möglichkeit, sein Leben neu zu leben. Doch an jeder Wegkreuzung entscheidet er wie zuvor.

Ich würde dieses Leben sofort wieder leben. Leben ist doch herrlich. Man darf nicht nur in einer lauen Badewanne plantschen. Es muss hoch- und runtergehen, sonst wird man kein Mensch. Ich beklage mich nicht.

Sie wollen mir sagen, dass Sie glücklich sind?

Glücklich? Ich weiß es nicht, alles ist im Fluss. Wenn es zu einfach wird, macht es keine Freude mehr. Nur was du selbst geschaffen hast, kann dich wirklich erfreuen. Meine Familie, mein Verlag, meine Autoren. Ich habe vorhin das neue Manuskript von Bodo Kirchhoff bekommen, da fiebere ich beim Lesen, beim Lektorieren mit, das ist toll, aufregend.

Sie sind gerne Verleger?

Ja, es ist Kunst, Handwerk und Geschäft - und Sie müssen ein bisschen abgedreht sein. Ich möchte mit meinen Büchern - ohne die Probleme der Welt lösen zu können - eingreifen in das Leben da draußen. Und ich will es ordentlich machen, in diesen zwanzig Jahren, die ich noch habe. Ernst Rowohlt ist mir nahe, der Verleger Kurt Wolff - in deren Tradition sehe ich mich. Und das Schönste ist: Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig, ich gehöre 100 Prozent mir selbst.

Das Interview führte Arno Luik

print