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Präsidenten-Biografie: Joachim Gauck - amtsmüde und schusselig?

Wir kennen ihn als souveränen Staatsmann. Doch laut einer neuen Biografie ist Bundespräsident Gauck ein Schussel - und mit seinem Amt überfordert. Erstaunlich: Gauck hat an dem Buch mitgearbeitet.

In Vier-Augen-Gesprächen will Bundespräsident Joachim Gauck die Chefs der im neuen Bundestag vertretenen Parteien ins Gebet nehmen. Das Staatsoberhaupt ist besorgt, dass die Bildung einer neuen Regierung nicht vorankommt. Handelt so ein amtsmüder Präsident? Eigentlich nicht, doch eine neue Biografie, die in diesen Tagen im Suhrkamp-Verlag erscheint, malt ein bestenfalls zwiespältiges Bild Gaucks. Ja, er liebt den staatsmännischen Auftritt, die große Rede, auch das öffentlichkeitswirksame Ermahnen der Parteipolitiker. Doch auch der Job des Bundespräsidenten hat seine "Schwarzbrot"-Seiten - und die gefallen dem 73-jährigen Ex-Pastor aus Rostock offenbar so gar nicht.

Die "physischen und psychischen Anforderungen des Amtes" überfordern Gauck, zitiert das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" aus der Biografie. Nach Aussage des Autors Mario Frank, 55, mehren sich die Hinweise, dass Gauck an der "intellektuellen und körperlichen Bürde des Amtes" schwer zu tragen habe. Schon in den ersten Monaten seiner Amtszeit habe Gauck geklagt über die vielen Zusagen, die seine Vorgänger gemacht hätten. "In diesem Tempo und in dieser Intensität" dürfe es nicht weitergehen. Von "Ermüdungserscheinungen" spreche Gaucks Beraterin und Ex-Freundin Helga Hirsch, 65.

Gauck hat mitgeschrieben

Stehen wir also kurz vor dem Rücktritt eines weiteren Bundespräsidenten? Daran glaubt Biograf Frank dann doch nicht. Zu sehr sei die öffentliche Bühne das Lebenselixier Gaucks. Der große Respekt, die Anerkennung, das Bad in der Menge - all das werde den obersten Repräsentanten eine volle Amtszeit im Schloss Bellevue halten.

Gauck hat sich bisher gegen solche Beschreibungen nicht ausdrücklich gewehrt. Im Gegenteil: Der Bundespräsident hat tatkräftig an dem Buch mitgewirkt. Wann immer möglich, stand er seinem Biografen zur Verfügung - offenbar manchmal sogar so lange, dass seine Mitarbeiter den Präsidenten nachdrücklich an seine Pflichten erinnern mussten. Und: Gauck hat die Gelegenheit genutzt, im Buch abweichende Meinung selbst zu formulieren.

Als er am Montag darauf angesprochen wird, warum er das Buch so habe durchgehen lassen, sagte Gauck am Rande einer Ausstellung: " Wir sind ein freies Land." Lese man die Biografie insgesamt, bekomme man ein anderes Bild, als wenn man sich nur auf ein Kapitel konzentriere.

Schussel und Spät-Revolutionär

Doch der Biograf bringt auch andere Facetten von Gaucks Wesens zur Sprache, die durchaus heikel sind. So rüttelt der Autor an Gaucks Image als Widerstandskämpfer und relativiert seine Rolle im Umbruch von 1989. "Erst Mitte Oktober tritt Joachim Gauck als Akteur auf die Bühne der Herbstrevolution", zitiert "Der Spiegel" den Biografie-Text. "Als er anfing, sich intensiv mit der Staatssicherheit zu beschäftigen, war das Ringen um den Nachlass längst im Gange." Kurz gesagt: Als Gauck sich engagierte, war der heikle Teil der friedlichen Revolution in der DDR im Grunde schon gelaufen. Frühere Bürgerrechtler, die den Rostocker seit jeher nicht als ihresgleichen anerkennen, dürften sich bestätigt fühlen, urteilt "Der Spiegel". Gauck, dem in der Biografie trotz Stasi-Bespitzelung zudem ungewöhnliche Reise-Privilegien attestiert werden, lässt dies unwidersprochen stehen.

Ebenso wie die Darstellung seiner früheren Mitarbeiter aus der Stasi-Unterlagenbehörde, er sei ein Schussel. Ob eine vergessene Aktentasche im Taxi oder ein liegen gelassener Schlüssel an der Airport-Kontrolle - keine dieser kleinen Peinlichkeiten habe Gauck als Behördenchef ausgelassen, heißt es. Vergesslich habe er gewirkt, wird eine frühere Sekretärin zitiert. Und: Das Bearbeiten der Post und das Leisten von Unterschriften seien Gauck lästig gewesen. Das passt ins Bild. Ein großer Auftritt, den der heutige Präsident so liebt, sieht anders aus.

Gespräche über Psychologie mit Frauen

Groß genug soll dem Bundespräsidenten, der im vergangenen Jahr den #Aufschrei-Aktivistinnen in der Sexismus-Debatte einen "Tugendfuror" vorwarf, aber stets der Auftritt bei Frauen sein. "Er kann unheimlich flirten. Und es ist ihm dabei ganz egal, in welchem Alter die Frau ist", wird in der Biografie eine Jugendfreundin zitiert. Das will der Präsident dann doch kommentieren: Er habe "viele Bücher über Psychologie" gelesen, erläutert Gauck seine angebliche Flirtneigung, und "über solche Fragen und Themen konnte ich vor allem mit Frauen reden."

Noch mehr reden als ohnehin schon wird man über die Biografie spätestens sobald das Buch veröffentlicht ist. Es wird Joachim Gauck zu einem weiteren großen Auftritt verhelfen. Ob er diesen genießen wird, bleibt abzuwarten.

Dieter Hoß