HOME

Orhan Pamuk: Schaum vorm Mund

Kaum war es heraus, dass der Schriftsteller Orhan Pamuk den Nobelpreis für Literatur erhält, da begann die rechte Presse in der Türkei mit einer Hetzkampagne gegen den Bürgersohn aus Istanbul, der "drittklassige Romane" schreibe.

er vergangene Donnerstag war kein schöner Tag für türkische Generäle und den sogenannten tiefen Staat, ein Geflecht aus Militärs, Richtern und Geheimdienstlern, die über die Republik herrschen, seit es sie gibt, ganz gleich, welche Regierung unter ihnen dient: Erst verabschiedete das französische Parlament ein Gesetz, das die Leugnung des Völkermordes der Türken an den Armeniern im untergehenden osmanischen Reich mit einer einjährigen Gefängnisstrafe und 45000 Euro Geldbuße ahndet. Und kaum eine Stunde später kam aus Stockholm die Kunde, dass der 54-jährige Türke Orhan Pamuk den diesjährigen Nobelpreis für Literatur erhält. Der leugnet nicht, dass es ein Massaker gegeben hat, von "Völkermord" hat er allerdings nie gesprochen. Überhaupt hat er sich zur Auslöschung armenischen Lebens in Anatolien während des Ersten Weltkrieges nur ein einziges Mal öffentlich geäußert, mit einem einzigen Satz: "Man hat hier eine Million Armenier umgebracht." Das trug ihm zwar prompt eine Klage wegen "Herabsetzung des Türkentums" ein, worauf bis zu drei Jahre Gefängnis stehen, doch wurde das Verfahren eingestellt.

Die rechte Presse startete jetzt eine Hasskampagne gegen Pamuk. So veröffentlichte die Zeitung "Yeniçagù" am Sonntag ein Bild des strahlenden Autors mit dem Text: "Pamuk, der den Preis wegen seiner ekelhaften Beleidigungen der türkischen Nation an sich raffte, hat jetzt Schaum vorm Mund." Und Kemal Kerinçsiz, ein ultranationalistischer Anwalt, der Pamuk verklagt hatte, schnaubte gegenüber dem stern: "Er hat den Preis nicht wegen seiner drittklassigen Romane erhalten, sondern weil er ein Vertreter der armenischen Lobby ist. Er darf ihn nicht annehmen und muss sich beim großen türkischen Volk entschuldigen. Sonst werden wir ihm nie verzeihen."

In einem Land, dessen Bevölkerung schon bei einem Platz unter den ersten zehn bei der Eurovision in ein Siegesdelirium gerät, kam das Lob für den ersten türkischen Nobelpreisträger auch sonst eher gepresst daher - wenn es denn überhaupt kam. Staatspräsident Ahmet Sezer gratulierte gar nicht, und Parlamentssprecher Bülent Arinç wollte Pamuk gleich an die Frankreich-Front schicken. Er müsse jetzt "ein Beispiel" geben und sagen, "was er von dem Gesetz hält".

Doch nicht nur in der Türkei, wo wirtschaftliche Sanktionen gegen Frankreich erwogen werden, wurde der Schriftsteller von der Politik vereinnahmt. Die "FAZ" stellt ihn an die "Zeitmauer der Kulturen" und wünscht sich, er möge "den Islamismus aushöhlen". Denn Pamuk sei "der Westen". Außenminister Steinmeier dagegen hält ihn für "einen Brückenbauer" zwischen Orient und Okzident.

Doch "Orhan Pamuk ist keine Mauer und keine Brücke", so der türkische Armenier und Journalist Hrant Dink zum stern, in gleicher Sache wie Pamuk verklagt, doch im Gegensatz zu ihm zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. "Er ist einfach nur er selbst." Und er ist auch nicht "der Westen" und kein Verfasser politischer Pamphlete, sondern Türke und ein großartiger Schriftsteller, aufgewachsen in einer begüterten, großbürgerlichen Familie im Istanbuler Stadtteil Ni­anta­i. Immer wieder hat er das Viertel und dessen Bewohner geschildert, melancholische Neurotiker vor der Kulisse eines westlichen Imitats, hinter dem sich ein so hinreißendes wie bedrohliches Kaleidoskop verbirgt, das osmanische Erbe der Türkei, "einer großen Zivilisation, die wir nicht erbten", wie er einmal geschrieben hat. Dieser Verlust ist sein Thema, besonders im historischen Krimi "Rot ist mein Name", aber auch in seinem einzigen politischen Roman "Schnee", dessen Held, ein linker Intellektueller, im wahnwitzigen Labyrinth seines Landes irgendwo zwischen Nationalismus, Verwestlichung und Islam verloren geht.

"Die Türkei befindet sich an der Grenze zwischen Okzident und Orient, das hat unsere Geschichte und unsere Kultur geprägt", hat er einmal gesagt. "Viele halten es für eine Krankheit, zugleich in der einen und in der anderen Welt zu leben. Aber ich begreife es als Chance." Und die hat Pamuk meisterhaft genutzt.

Stefanie Rosenkranz / print