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Presseschau: "Orhan Pamuk ist keiner von uns"

Die Vergabe des Literaturnobelpreises an den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk hat weltweit ein positives Echo hervorgerufen. In seiner Heimat gab es dagegen heftige Kritik.

In den meisten europäischen Ländern ist die Entscheidung des Stockholmer Nobelkommittees, den diesjährigen Literaturnobelpreis an Orhan Pamuk zu verleihen, positiv aufgenommen worden. Viele Kommentatoren lobten Pamuks Einsatz für Meinungsfreiheit und Menschenrechte in seiner Heimat. Lediglich über seine literarische Bedeutung waren die Meinungen geteilt.

Kritik an der Entscheidung kam ausgerechnet aus der Türkei. Nach Ansicht des Massenblatts "Sabah" hat Pamuk "mit Lügen sein Volk beschuldigt". Die liberale türkische Zeitung "Radikal" sieht in der Vergabe dagegen "eine Ehre für unsere Sprache, unsere Literatur und unser Land."

Mehrere Zeitungen brachten die Verkündung des Nobelpreises mit dem am gleichen Tag in Frankreich verabschiedeten Gesetz gegen die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern in Verbindung, das einmütig kritisiert wurde.

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"Sabah" (Türkei)

Das türkische Massenblatt "Sabah" lässt in einem Kommentar kein gutes Haar am türkischen Nobelpreisträger Orhan Pamuk:

"Wirklich erfreut, wirklich glücklich können wir nicht sein. Denn wir können Pamuk nicht 'als einen von uns' ansehen. Ganz im Gegenteil sehen wir ihn als jemanden, der 'uns verkauft' und 'mit Lügen sein Volk beschuldigt' hat. Das ist noch nicht alles. Wir können in Orhan Pamuk keinen 'starken und aufrechten Homo erectus' erkennen. Wir sehen ihn als jemanden an, der nicht zu seinen Sprüchen steht, der ins Lavieren kommt, wenn er in die Ecke gedrängt wird, der 'unfähig' ist, einen intellektuellen Standpunkt mutig zu vertreten. Natürlich können Intellektuelle über die Ordnung in ihrem Land streiten. Aber nicht, indem sie ihr Volk auf diese Weise kränken."

"Hürriyet" (Türkei)

Das türkische Massenblatt "Hürriyet" betrachtet den Literatur-Nobelpreis für Orhan Pamuk in einem Kommentar auf dem Hintergrund des in Frankreich verabschiedeten Gesetzes, die Leugnung eines Völkermords an den Armeniern unter Strafe zu stellen:

"Auf diese Auszeichnung sollten die Türken stolz sein. Überall in der Welt sprechen jetzt viele Menschen darüber, dass ein türkischer Schriftsteller den Nobelpreis erhalten hat. Viele Menschen werden die Romane eines Autors lesen, den sie zuvor nie gelesen haben. Sie, werden uns, die Orte, wo wir leben, unsere kulturellen Werte kennen lernen. Das sollten wir zu schätzen wissen. Diese Auszeichnung bringt auch für Orhan Pamuk große Verantwortung mit sich. Jeder Schritt, den er tut, jedes Wort, das er sagt, wird künftig mit anderen Augen gesehen. Und sicher gehört er zu den wenigen, die sich ein Recht darauf erworben haben, nach Frankreich zu gehen und ihnen (den Franzosen) vorzuhalten, welchen Fehler sie gemacht haben. Er muss hin gehen und sagen, in der Türkei bin ich nicht ins Gefängnis geworfen worden, obwohl ich gesagt habe, dass 'eine Million Armenier umgebracht wurden'".

"Radikal" (Türkei)

Die liberale türkische Zeitung "Radikal" erwartet vom Literatur-Nobelpreis für Orhan Pamuk einen Image-Gewinn für die Türkei. Das Blatt schreibt am Freitag:

"So spielt das Leben. Eine Stunde nach der verdrießlichen Nachricht aus der französischen Nationalversammlung kam die gute Neuigkeit: Der Literatur-Nobelpreis ist Orhan Pamuk zuerkannt worden. Sie wissen, was diese hohe Auszeichnung bedeutet. Die Türkei wird künftig auch als das Land Orhan Pamuks angesehen werden. Alle Welt, voran die an Literatur interessierten Kreise, werden noch einmal einen aufmerksameren Blick auf die Türkei, die türkische Literatur und Orhan Pamuks Stadt Istanbul werfen. Pamuk, dem dieser vertiefte Blick auf die Türkei, Istanbul und das Leben gelungen ist, ist eine Ehre für unsere Sprache, unsere Literatur und unser Land. Vergesst den französischen Unsinn, wir können uns mit Pamuk rühmen."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" begrüßt die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Orhan Pamuk und sieht den türkischen Autor als Vertreter des Westens:

"Ohne den Westen, ohne das, wofür unsere Kultur steht und was sie an Rationalität und Reflexion hervorgebracht hat, wäre Pamuk undenkbar. Er ist der Autor der modernen, amerikanisierten jungen Eliten von Ankara und Istanbul - wie gut, daß es diese Eliten gibt! Sie sind, wie auch Pamuk selbst, die äußerste Front unseres westlichen Lebensstils und seiner Überzeugungen. Nicht nur wir müssen den Islam verstehen. Das tun wir ja in Wahrheit unentwegt - bis hin zur Selbstaufgabe. Die islamischen Kulturen müssen sich endlich bemühen, uns zu verstehen. Ehe man jetzt wieder vom 'Dialog der Kulturen' redet und davon, daß Pamuk orientalische Erzählfreude mit westlicher Skepsis verbinde, sollte eines klar sein: Pamuk ist der Westen, sofern damit Freiheit, Autonomie und Menschlichkeit gemeint ist."

"Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (Essen)

Die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" sieht in Pamuk einen würdigen Nobelpreisträger, nicht nur aus literarischen Erwägungen:

"Hat Orhan Pamuk den Literatur-Nobelpreis verdient? Aus heutiger Sicht: unbedingt ja. Und zwar auch, weil er ein Demokrat und Moralist ist. Das hat das Schwedische Komitee allerdings ausdrücklich nicht so gesagt. Mögen die Reaktionen auch erfreut den Einsatz des Autors für die Menschenrechte bekräftigen (und sie tun gut daran, sie zu bekräftigen): Der Nobelpreis wurde ihm für Fantasie verliehen, und für Sinnbilder. Ein Quäntchen Politik steckt allenfalls in der Bemerkung, sie stünden für die Verflechtung der Kulturen."

"The Guardian" (Großbritannien)

Die Türkei soll einen offenen Blick auf ihre Geschichte richten, empfiehlt die liberale britische Tageszeitung "The Guardian" vom Freitag:

"Pamuk ist nach Artikel 301 des Strafgesetzbuchs verfolgt worden. Er wird von rechtsgerichteten Nationalisten benutzt, die behaupten, Europa untergrabe die Identität der Türkei. Dieser Artikel muss verschwinden, wenn die Türkei der EU beitritt. Aber es ist heuchlerisch von der Türkei zu verlangen, ihre Gesetze zu modernisieren, wenn Frankreich selbst sich in die entgegengesetzte - nicht-liberale - Richtung bewegt. Pamuks Weltklasseverdienst sollte als Quelle von Stolz betrachtet werden - ein Kompliment, keine Beleidigung - für eine manchmal übersensible Nation. Die Türken sollten die Bedeutung (des Preises) betrachten und einen offeneren Blick auf ihre Geschichte richten."

"La Croix" (Frankreich)

Die französische katholische Tageszeitung "La Croix" (Paris) schreibt über das Pariser Votum zur Leugnung eines Völkermords an den Armeniern und den Nobelpreis an Orhan Pamuk:

"Frankreich hatte den armenischen Völkermord 2001 offiziell anerkannt, und das war doch das Wesentliche, musste man noch darüber hinaus gehen? Die Standhaftigkeit von Präsident Jacques Chirac jüngst in Armenien, als er eine EU-Mitgliedschaft der Türkei an die Anerkennung des Völkermordes knüpfte, war das nicht ausreichend Druck auf Ankara? Hätte man nicht eher den türkischen Intellektuellen zuhören sollen, die in ihrem Land um die Aufarbeitung ihrer Geschichte wetteifern und die diese französische Initiative ungelegen fanden, geeignet, die Gräben noch zu vertiefen? Und unter diesen Orhan Pamuk, der am Donnerstag den Nobelpreis für Literatur zuerkannt bekommen hat."

"ABC" (Spanien)

Die konservative spanische Zeitung "ABC" (Madrid) spricht Orhan Pamuk größere literarische Bedeutung ab:

"Orhan Pamuk hat sicher seine literarischen Verdienste. Diese sind aber noch kein Grund, einem relativ jungen Autor, der noch kein Werk der Weltliteratur geschrieben hat, zu universellem Ruhm zu verhelfen. Dass die Wahl auf den Türken fiel, war vor allem eine politisch korrekte Entscheidung. Pamuk ist Muslim und Laizist. Das passt in die Zeiten der 'Konflikte' und der 'Allianzen' von Zivilisationen. Wenn es darum ging, die türkische Literatur zu fördern, war Pamuk ohne Zweifel eine richtige Wahl. Mit Weltliteratur hat dies jedoch nichts zu tun. Und das sollte die schwedische Akademie eigentlich wissen."

"Neue Zürcher Zeitung" (Schweiz)

Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt:

"Mit Orhan Pamuk ehrt die Schwedische Akademie einen Autor, der seit über dreissig Jahren mit unermüdlicher Konsequenz und Konzentration alles, was er sieht, riecht, schmeckt, liest und erlebt, in Literatur verwandelt; einen Schriftsteller, der sich weder in seinen fiktionalen Texten noch in Essays zur Tagespolitik scheut, Widersprüche beim Namen zu nennen; und einen politischen Kopf, der bereit ist, sich mit seinen Worten im eigenen Land in Gefahr zu begeben. Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an einen Mann, der - so bleibt zu hoffen - dem Westen wie dem Osten noch vieles zu sagen, noch viel zu erzählen hat."

"Tages-Anzeiger" (Schweiz)

Der "Tages-Anzeiger" aus Zürich sieht in der Entscheidung des Nobelkommittee eine Chance für die Türkei:

"Der Literaturnobelpreis ist keine Auszeichnung für politische Courage, sonst hätte er unbedingt, seinerzeit, an Emile Zola oder Salman Rushdie gehen müssen. Auch die gefährdeten Dissidenten im Sowjetsystem, Solschenizyn und Pasternak, bekamen den Preis für die literarische Qualität ihrer Romane. Diese war auch entscheidend für die Kür des jüngsten Preisträgers - so ist die Jury nun einmal gestrickt. Allerdings wird Orhan Pamuk nicht nur von Büchermenschen in der ganzen Welt bewundert. Sein Name ist auch denen ein Begriff, die kaum mehr als Zeitungsschlagzeilen und Teletextstreifen lesen. (...) Gerade für die Türkei ist Pamuks Wahl eine große Chance. Sie muss nur das Bild, das er von seiner Heimat entwirft, ein schmerzendes, aber auch liebevolles Bild, annehmen und sich darin wiedererkennen."

"Corriere della Sera" (Italien)

Die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" sieht in der Preisvergabe eine Niederlage für den neuen Fanatismus:

"Orhan Pamuk hat im Jahr 2005 drei Jahre Haft in türkischen Gefängnissen riskiert. Angeklagt war er wegen seiner Meinung - und seit gestern ist er Literaturnobelpreisträger. Eine herrliche Entschädigung für ihn, eine gute Nachricht für alle, die betrübt beobachten, mit welcher Leichtigkeit Schriftsteller, Journalisten und Intellektuelle ihrer Wort- und Meinungsfreiheit beraubt werden. (...) Dies ist ein Zeichen für einen neuen intoleranten und aggressiven Fanatismus, der die Freiheit als Symptom für einen korrupten Geist und die Freiheit des Wortes sogar als Zeichen für moralisches Verderben ansieht. Für diesen Fanatismus verkörpert der mit dem Nobelpreis geehrte Schriftsteller Pamuk eine Niederlage. Aber für alle anderen ist dies eine gute Nachricht."

"Aftenposten" (Norwegen)

Die konservative norwegische Tageszeitung "Aftenposten" (Oslo) sieht in der Vergabe des Literaturnobelpreises an den türkischen Autor Orhan Pamuk vor allem eine politische Entscheidung:

"Die Vergabe des Literaturnobelpreises an den Türken Orhan Pamuk wird weit über die literarische Welt hinaus Bedeutung erlangen. Die Schwedische Akademie hat in diesem Jahr eine Entscheidung getroffen, die direkt in eine konfliktreiche politische und im weitesten Sinne kulturelle Wirklichkeit eingreift. Vor nicht mal zehn Monaten hat die türkische Justiz ein Verfahren gegen Pamuk nach langem und intensivem politischen Tauziehen in juristischer Verkleidung niedergelegt. (...) Die Anerkennung seiner Autorenschaft durch den Nobelpreis wird es zweifellos schwerer machen, gegen eine freimütige und mutige Stimme in der Türkei dieser Tage zuzuschlagen. Wir gratulieren Orhan Pamuk zu einem wohlverdienten Nobelpreis. Hoffentlich hat der Preis auch positive Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit in der Türkei und auf andere Personen, die Verfolgung ausgesetzt sind."

"Kommersant" (Russland)

Zur Verleihung des Literaturnobelpreises an den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk schreibt die russische Tageszeitung "Kommersant" (Moskau) am Freitag:

"Für den diesjährigen Literaturnobelpreis war Orhan Pamuk notwendig. Und diese Notwendigkeit wuchs, je näher der Zeitpunkt der Verleihung rückte: Nach dem gerade erst beendeten israelisch- libanesischen Krieg und dem nicht enden wollenden Atomstreit mit dem Iran brauchte man eine Kompromissfigur. Aufgewachsen im islamischen Raum und ausgebildet in der europäischen Kultur, ist Pamuk in der Lage und willens sowohl die einen als auch die anderen zu verstehen. Damit wurde er zur idealen Kompromissfigur einer neuen Zeit, in der selbst eine Institution wie das Nobelpreiskomitee nur politische Zeichen setzen kann."