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Rajaa Alsanea: Ein sehr gefährliches Buch über die Liebe

Sie hat einen Roman über junge Frauen in Saudi-Arabien geschrieben und daraufhin Todesdrohungen erhalten. Rajaa Alsanea gilt als "Rebellin von Riad" - was sie gar nicht gern hört.

Von Jan Christoph Wiechmann

Rajaa Alsanea sitzt im vierten Stock der Universität von Chicago, Abteilung Zahnmedizin, und sagt, dass sie keine Rebellin ist. Und schon gar keine Feministin oder welchen Titel man ihr auch immer anheften mag. Und sie ist hier in Chicago auch nicht auf der Flucht. Sie macht ihren Master in Amerika, ist aber keine große Freundin der USA. Amerikaner seien eher kalt und materialistisch und glaubten, dass das einzige Verkehrsmittel der Saudis Kamele sind. Sie hat Heimweh, sagt Rajaa, sogar schreckliches Heimweh. Sie sehnt sich nach Riad. Nach menschlicher Wärme und familiärer Nähe, und ja - auch nach Kontroversen. Rajaa Alsanea hat das Undenkbare gemacht.

Sie hat über die Liebe geschrieben. In Saudi-Arabien hat das keine Frau je gewagt. Jedenfalls nicht so wie sie, über vier Freundinnen, die sich leidenschaftlich nach der großen Liebe sehnen. Die offen über die Liebe sprechen. Und die schließlich an ihr scheitern, weil nicht Gefühle entscheiden, sondern Eltern. Und Tanten. Und die Fesseln der Tradition.

Im Buch ist alles anders

Mit "Die Girls von Riad" hat sie in Saudi- Arabien vor zwei Jahren einen Sturm ausgelöst. Rajaa war damals 23. Sie kam aus einer reichen saudischen Familie und hatte gerade ihr Physikum gemacht. Zunächst wurde ihr Roman nur im Libanon veröffentlicht, später, nach Aufhebung der Zensur, auch in Saudi-Arabien. Wo Frauen nicht selbst Auto fahren dürfen. Wo die Sittenpolizei streng über Geschlechtertrennung wacht. Wo viele ihren Ehemann vor der Ehe gar nicht kennen. Im Buch ist alles anders. Sie küssen sich auch vor der Ehe. Sie verkleiden sich als Männer, um die Freiheit zu genießen, sie trinken Champagner. Schiiten verlieben sich in Sunniten. Doch dafür kriegen sie die Quittung. Sie werden geschlagen und geächtet oder landen im Gefängnis. Sie zerbrechen. Weil sie an etwas glaubten. Eine Liebe in Riad. Offiziell existiert die Liebe in Saudi- Arabien nicht. Sie lebt im Untergrund wie ein Staatsfeind. Das Tragen der Farbe Rot am Valentinstag ist unter Strafe gestellt, selbst das Verschenken von Rosen. Aber seit drei Jahren tut sich etwas im konservativen Königreich. Seit die Regierung erkannte, dass man religiösen Fanatikern nicht alles überlassen darf. Und da kam das Buch. Alsaneas Buch.

Zunächst erhielt sie nur E-Mails, die Gott darum baten, Rajaa zu bestrafen. Dann verklagten sie religiöse Organisationen wegen Blasphemie. Schließlich er hielt sie Drohungen - "wir wissen, wo du lebst und in welchem Auto du dich bewegst". Vor allem aber erhielt sie Zuspruch. Von Tausenden Mädchen, die sie auf der Straße umarmten. Von jungen Frauen, die ihre eigenen Erlebnisse mit ihr teilten. Auch von Großeltern, die sich nach größerer Freiheit sehnten, selbst von Ministern und der Königsfamilie. Es wurden Gegenwerke verfasst über brave Mädchen, die glücklich werden in der arrangierten Ehe und wieder Gegenwerke zu den Gegenwerken. Und so entstand eine Diskussion. Über das Für und Wider der Zwangsheirat. Und am Ende bekam Rajaa Alsanea einen Titel: "Intellektuelle des Jahres".

"Die erste weibliche Botschafterin"

Es gibt gute Gründe, sie eine Intellektuelle zu nennen, aber Rajaa macht sich auch daraus nicht viel. Sie hat Tabus gebrochen und eine Debatte entfacht im ganzen arabischen Raum, aber sie nennt das lieber "Tore öffnen". Sie möchte lieber nicht so radikal sein. Lieber eine Botschafterin. Einer aus dem Königshaus hat ihr gesagt: "Du klingst wie eine gute Botschafterin." Da hat sie lachend geantwortet: "Das wäre ich wirklich gern: Die erste weibliche Botschafterin meines Landes."

Rajaa Alsanea trägt ein rosa Kopftuch und einen schwarzen Hosenanzug. Sie hat eine Visagistin kommen lassen, ist stark geschminkt. Sie lässt ihre Schönheit gern wirken und weicht den Blicken der Männer nicht aus. Sie nutzt ihre Freiheit in den USA und geht gern aus, lebt aber gut behütet bei ihrem Bruder. Sie hat festgestellt, dass das mit der Liebe auch in den USA nicht so einfach ist. Dass Partnerschaften zwischen Muslimen und Christen kaum eine Chance haben. Ehen schon gar nicht.

In einem Jahr will sie zurückkehren nach Riad. Sie wird eine private Zahnklinik aufmachen und Bücher schreiben. Sie sagt, sie möchte zurück, um die Gesellschaft zu ändern, zu öffnen. Sie wird dann 26 sein, recht alt für eine unverheiratete saudische Frau, aber sie sagt, das sei kein Problem. Man könnte sich gut vorstellen, dass sie nach ihrer Rückkehr die Liebe sucht, so heimlich und leidenschaftlich wie die Heldinnen in ihrem Buch. Sie könnte jetzt ein Plädoyer für grenzenlose Liebe halten, doch sie sagt: "Ich bin gegen vorehelichen Sex. Ich bin selbst gegen Küsse vor der Ehe." Aber das klingt ja ganz anders als in ihrem Buch. Dürfen sich die Partner denn vorher sehen? „Liebend gern, aber leider nicht öffentlich, das ist so schwer in meinem Land. Vielleicht besser unter Aufsicht der Eltern auf dem Sofa." Sagt sie und muss nun los, zum Seminar, Zahnwurzelbehandlung, sie will die Beste werden. Sie lächelt freundlich und verschwindet im Fahrstuhl, die Frau mit der Angst vor der Rebellion.

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