HOME

Russland-Bücher: Autoren attackieren Putin

Russlands Beziehungen zum Westen waren nie zuvor so innig, während kritische Journalisten um ihr Leben fürchten müssen. Gleich drei politische Bücher rechnen in diesem Herbst mit Regierungschef Putin ab.

Das Bild Russlands unter Präsident Wladimir Putin ist widersprüchlich. Die westliche Politik, vor allem die deutsche, hat noch nie so gute Beziehungen zum östlichen Riesenreich unterhalten. Für ausländische Firmen bietet das durch Ölmilliarden reich gewordene Russland schier unendliche Verdienstmöglichkeiten. In den Medien erscheint Putin dagegen als autoritärer Herrscher, der die Demokratie erstickt, Menschenrechte und Pressefreiheit mit Füßen tritt und das Sowjetreich wiedererrichten will.

Der Dialog zwischen Politikern, Geschäftsleuten und Journalisten ist derzeit schwierig: Jede Seite hält der anderen ihr falsches Russland-Bild vor. Eine ausgewogene Gesamtschau fehlt. Dabei wäre sie dringend notwendig, um das kommende Schicksalsjahr 2007/2008 in Russland zu verstehen: Putins Amtszeit geht zu Ende, und was nach ihm kommt, ist ungewiss.

Die politischen Bücher zu Russland in diesem Herbst schlagen sich auf die Seite der Pessimisten - aus eigener leidvoller Erfahrung der Autoren. Das ausführlichste Sündenregister Putins hat Boris Reitschuster erstellt, der Korrespondent des Nachrichtenmagazins "Focus" in Moskau. In seinem zweiten Buch "Putins Demokratur" listet er alle Fehlentwicklungen auf, die der Kremlchef seiner Ansicht nach zu verantworten hat: den Tschetschenien-Krieg, die Zerstörung des Ölkonzerns Yukos, die Beamtenwillkür und Korruption, die Unterdrückung jedweder Opposition gegen den Kreml, die imperiale Großmannssucht.

Reitschuster hält sich in seiner Argumentation eng an hitzige Putin-Gegner wie den Ex-Schachweltmeister Gari Kasparow. Doch seine grundsätzliche Mahnung an die westlichen Putin-Bewunderer stimmt: Der Ex-Geheimagent hat die Schrauben in seinem Reich so fest angezogen, dass sie irgendwann brechen müssen; und dann stehen sehr unruhige Zeiten bevor.

Von Putin zu Sushi eingeladen

Die russische Journalistin Elena Tregubova hat wegen kritischer Artikel über Putin ihre Stellung als Kreml-Berichterstatterin und den Job bei der Moskauer Zeitung "Kommersant" verloren. Davon erzählt sie in ihrem Buch "Mutanten des Kremls". Zunächst war Tregubova Putin sogar ziemlich nahe gekommen. Als Leiter des Geheimdienstes FSB lud er die attraktive Journalistin 1998 zu einem Sushi-Essen zu zweit ein, und Tregubova rätselt bis heute, ob es Putin dabei um Anmache oder Anwerbung ging.

Im Detail und manchmal sehr witzig schildert Tregubova die kleinliche Kontrolle von Putins Stab über die russische Presse. Das Buch leidet etwas unter der Eitelkeit der Autorin, die sich gern in den Mittelpunkt schreibt. Doch ein rätselhafter Bombenanschlag gegen Tregubova und jüngst der Mord an der Tschetschenien-Reporterin Anna Politkowskaja zeigen, wie gefährlich kritische Journalisten heute in Russland leben.

Tregubovas "Kommersant"-Kollege Waleri Panjuschkin hat sich für sein Buch die wohl interessanteste Figur des modernen Russlands ausgesucht: den Öl-Oligarchen und inhaftierten Putin-Gegner Michail Chodorkowski. Die Biografie "Michail Chodorkowski" schildert dessen Weg vom Funktionär des sowjetischen Jugendverbandes Komsomol zum Privatisierungsgewinnler und Chef von Russlands größtem Ölkonzern Yukos bis ins sibirische Straflager.

Panjuschkin macht aus dem Oligarchen keinen Heiligen, aber er setzt gegen die von Staat und gelenkten Medien erhobenen Vorwürfe seine eigene Version: Chodorkowski habe mit Putins sowjetischen Methoden brechen wollen. "Der Fall Chodorkowski handelt davon, wie ein Mensch in Russland die Freiheit erlangt und was ihm danach blüht."

Umschwung nach Yukos-Zerschlagung

Es lohnt, den Fall Yukos-Chodorkowski nachzulesen, denn darin liegt wahrscheinlich der Schlüssel zum Verständnis der acht Jahre Putins im Kreml. "Putin hat in seiner ersten Amtszeit alles richtig gemacht und in seiner zweiten Amtszeit alles falsch", sagt ein Geschäftsmann in Moskau. Der Umschwung sei die Zerschlagung von Yukos gewesen.

Friedemann Kohler/DPA / DPA