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Sebastian Faulks: Bond und das Chamäleon

Eigentlich schreibt er nur Hochliteratur. Jetzt hat sich der Engländer Sebastian Faulks an Trivialem versucht und einen neuen 007-Roman verfasst - doch weder schüttelt er Bond, noch rührt er uns.

Von Stephan Maus

Dr. No, Goldfinger, Le Chiffre: Bond hat viele Feinde. Jetzt hat er einen neuen Freund: das Chamäleon. Stelle das Chamäleon unter eine Discokugel und beobachte sein Farbenspiel, dann bekommst du einen Eindruck von seiner Wandlungsfähigkeit. Mit bürgerlichem Namen heißt das Chamäleon Sebastian Faulks und ist Schriftsteller. Bekannt wurde er mit seiner "Französischen Trilogie", deren Handlung sich über zwei Weltkriege erstreckt. Auch mit seinem letzten Roman erntete er viel Lob: "Engleby" ist das stimmige Porträt einer verwirrten Psyche. Ebenso gefeiert wurde Faulks vorletzter Roman "Human Traces", der in einer Nervenheilanstalt spielt und die Entwicklung der Psychiatrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachzeichnet. Faulks hat sich als Spezialist für komplexe Charakterstudien etabliert. Von diesem Feingeist erscheint nun weltweit der neue James-Bond-Roman "Der Tod ist erst der Anfang". Das ist, als würde Martin Walser "Winnetou reloaded" veröffentlichen.

Faulks schrieb im Auftrag einer höheren Macht. Am 28. Mai 2008 wäre der Bond-Erfinder Ian Fleming 100 Jahre alt geworden. Um dieses Datum angemessen zu feiern, suchten die Fleming-Erben nach einem Autor für ein neues Bond-Abenteuer. Ein Jahr lang ließen sie die Öffentlichkeit spekulieren, wem sie die Lizenz zum Schreiben geben würden. Klassischen Thriller-Autoren wie John le Carré und Frederick Forsyth wurden die meisten Chancen eingeräumt. Doch die Fleming-Familie entschied sich für einen literarischen Autor. Faulks Mission hatte höchste Geheimhaltungsstufe. Das Cover wurde erst spät, aber dann umso feierlicher enthüllt, Redakteure bekamen nur unter Aufsicht Einblick in das Manuskript. Welche brisante Überraschung also birgt dieser neue Bond? Das Chamäleon rekelt sich in seinem Londoner Schreibbüro und züngelt spitzbübisch: "Wir erfahren, dass Bond ein energischer Homosexueller ist." Nach einer genüsslichen Pause fährt Faulks fort: "Kleiner Scherz." Leider. Denn bei diesem Bond gibt es keine große Überraschung.

Faulks hat jeder Versuchung widerstanden, Bond literarisch aufzupolieren oder ihm mehr Tiefe zu verleihen. Sein Programm war einfach: "Ich wollte Bond in Topform." Die kann 007 gebrauchen. Denn Dr. Gorner mit der Affenpfote will Groß­britannien vernichten. In einem iranischen Wüstenlabor synthetisiert er Drogen, um die britische Jugend zu verderben. Doch von ein paar Drogenhippies geht nun nicht das ganze Empire unter. Also beschließt Doc Affenpfote, einen britischen Anschlag auf ein sowjetisches Atomwaffenlager zu fingieren, um England durch den russischen Vergeltungsschlag auszulöschen. Klassischer Fall für Bond. Der Krieg ist so kalt wie die Cocktails, und während der Schurke auf der staubigen Achse des Bösen Drogen synthetisiert, destilliert Faulks in seinem Schreiblabor reinen Fleming.

Keine Neuinterpretation

Bond-Fans werden von diesem klassischen Thriller begeistert sein. Wer allerdings von dem Literaten Faulks eine gewitzte Variation des Bond-Mythos erwartet, wird enttäuscht. Dabei hätte man Bond zum 100- jährigen Jubiläum durchaus eine Verjüngungskur gegönnt. Schließlich war der Ur- Bond immer ein Kind seiner Zeit: Flemings glamouröse Allmachtfantasien trösteten eine ehemalige Großmacht nach ihrem Bedeutungsverlust. Bei Faulks ist Bond so hohl wie eine Patronenhülse aus seiner Walther PKK. Er hat keinerlei Zeitbezug mehr. 007 goes 08/15. Wie originell man den Mythos interpretieren kann, hat der letzte Bond- Film "Casino Royale" bewiesen. Daniel Craig zeigte einen rohen, unberechenbaren, verschlagenen Bond für die Zeiten von Irak-Krieg und Geheimdienstskandalen.

Faulks war nicht daran interessiert, mit seinem Bond spielerisch Stellung zu Zeitströmungen zu beziehen, so wie Fleming es immer getan hat. Er wollte keine Neuinterpretation. Er wollte einfach nur seinen Job erledigen. Darin ähnelt er sehr dem kaltschnäuzigen Bond.

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