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Farbänderung : Warum das Chamäleon eine ehrliche Haut ist - und hat

Warum wechseln Chamäleons ihre Farbe? Zur Tarnung? Nicht nur: Sie verständigen sich auch damit. Und neuerdings wissen wir sogar, wie es funktioniert.

Von Patricia Edmonds

Zwei Chamäleons begegnen sich auf einem Ast

Chamäleons wechseln ihre Farbe auch, um ihrem Gegenüber die Stimmung anzuzeigen.

Und nun zu den Oscars für die besten Spezialeffekte der Tierwelt. Der Gewinner ist: das Chamäleon, der größte Freak der Natur. Seine durchgeknalltesten Tricks: Eine Zunge, die viel länger als der gesamte Körper ist, in Sekundenbruchteilen aus dem Maul schießt und millimetergenau Insekten schnappt. Zwei Teleskopaugen, die in entgegengesetzte Richtungen schauen können. Und dann gibt es natürlich noch den berühmtesten Chamäleon-Effekt: die Hautfarbe. Ein nahezu magischer Trick, so vermutete schon Aristoteles, mit dem sie sich ihrer Umgebung anpassen. Auch die moderne Wissenschaft war lange davon überzeugt. Doch mittlerweile wissen wir noch von einem anderen Zweck der Zauberei: Kommunikation. Sie teilen sich durch ihr Wechselspiel mit, was sie gerade beschäftigt, ob sie einen Partner suchen, Konkurrenten verjagen wollen, sich nach Licht oder Wärme sehnen. Zumindest glauben Wissenschaftler das heute.

Ihre neuesten Entdeckungen haben sie an Chamäleons gemacht, die in Gefangenschaft gehalten wurden. Denn in freier Wildbahn haben die Baumbewohner keine sichere Zukunft. Rund 40 Prozent der mehr als 200 bekannten Arten sind auf der Insel Madagaskar zu Hause. Die meisten übrigen leben auf dem afrikanischen Festland. Vor allem weil die Wälder in der Heimat der Echsen abgeholzt werden, stuft die Internationale Naturschutzunion auf ihrer Roten Liste neun Chamäleon-Arten als vom Aussterben bedroht ein, 20 weitere sind gefährdet und 35 potenziell in Gefahr.

Das Rätsel um den Farbwechsel ist gelöst

Zu Beginn dieses Jahres veröffentlichte Michel Milinkovitch, Professor für Evolutionsgenetik, seine bahnbrechenden Ergebnisse über das Farbenspiel der Chamäleons.

Milinkovitch und seine Kollegen machten sich auf die Suche und stießen auf den Kristalleffekt. Unter einer Lage von Hautzellen, die die Pigmentierung kontrollieren, entdeckten die Forscher eine weitere Schicht von Zellen. Und in diesen fanden sie Nanokristalle. Diese kleinen Kristalle reflektieren und brechen einfallendes Licht und erzeugen dadurch unterschiedliche Farben. War das die Erklärung? Tatsächlich, in der Haut des Chamäleons sind die Kristalle wie auf einem Gitter angeordnet und können die Abstände zueinander verändern. Je weiter sie sich auseinanderschieben, desto weiter verschiebt sich auch die von ihnen reflektierte Farbe auf dem Lichtspektrum von Blau über Grün, Orange und Gelb bis zu Rot. Genau diesen Farbverlauf beobachtet man häufig bei Pantherchamäleons, wenn sie von der Ruhe in einen aufgeregten Zustand wechseln. Ein Rätsel war gelöst.

Ist das Chamäleon grantig, wird es rot

Auch Nick Henn ist ein Kenner der Farbenlehre. Er weiß, wie man Chamäleons zum Erröten bringt. Im Keller seiner Ingenieursfirma hält der Züchter bis zu 200 Tiere. Seine Zöglinge sollen es schön haben in ihren Metallgehegen: In jedem Käfig wachsen Pflanzen, auf die sie klettern können. Ihre Positionierung ist so kompliziert wie die Sitzordnung auf einem UN-Gipfeltreffen. Damit es nicht zu diplomatischen Verwicklungen kommt, dürfen die Weibchen keine Männchen sehen, und die Männchen wiederum bekommen weder Weibchen noch Rivalen zu Gesicht. Henn öffnet den Käfig von Ember, einem jungen Pantherchamäleon-Männchen. Es ist eine sogenannte "Red bar"-Variante, die im Distrikt Ambilobe im Norden Madagaskars zu Hause ist. Embers Rumpf trägt rote und grüne Streifen, seine Körperseiten ziert ein waagerechter wasserblauer "Rallyestreifen". Als Henn Ember mit einem langen Stock sanft anstupst, damit er darauf klettert, wird das Chamäleon grantig und zeigt das auch sofort: Seine roten Streifen werden greller.

Auf dem Stock trägt Henn das Tier um die Ecke zu einem anderen Käfig. Hier wohnt Bolt, ein männliches Pantherchamäleon. Als der Züchter die Tür öffnet und die beiden Chamäleons sich sehen, geht es los: Bolt bewegt sich ein paar Zentimeter auf Ember zu; seine bisher grünen Greifhände färben sich leuchtend gelb, während sich das Grün rund um die Augen, am Hals und auf dem stachligen Rücken in rötliches Orange verwandelt. Auch Ember errötet. Aber Bolts Rot leuchtet weitaus stärker. 

Die Farben der Liebe

Henn beendet die Show und bringt Ember zurück in seinen Käfig. Sonst hätte Bolt vielleicht versucht, Ember zu stoßen oder zu -beißen. Forscher haben herausgefunden, dass Chamäleons eine unauffällige "Unterwerfungsfarbe" annehmen können, wenn sie unterlegen sind. Eine kluge Lösung der Evolution, denn sie sind zu langsam, um vor stärkeren Gegnern davonzulaufen.

So viel zum Kampf und der Rivalität. Aber wie sieht es mit der Liebe aus? Nick Henn geht weiter zu Katy Perry: Die Chamäleon-Dame ist lachsrosa gefärbt. Die Botschaft ist eindeutig: Ich bin bereit, mich zu paaren. Ihre Käfignachbarin Peanut hingegen hat das bereits hinter sich und ist nun rosa mit dunklen Streifen. In ihrem dicken Bauch trägt sie die Eier. Käme ein Männchen in Katys Nähe und beeindruckte sie mit seinen Balzfarben und seinem wippenden, schwankenden Tanz, gäbe sie vielleicht nach und ließe sich begatten. Käme jedoch dasselbe Männchen in Peanuts Nähe, würde diese dunkler werden, helle Punkte bekommen und drohend das Maul aufreißen. Die Sprache der Farben. 
 

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