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Interview

Seemann Jürgen Schwandt: Kapitän Rückgrat

Der Hamburger Seemann Jürgen Schwandt macht mit seinen Lebenserinnerungen späte Karriere als aufrechter Mahner und spannender Erzähler. Im stern-Interview erzählt Schwandt von seinem Leben auf See - und mahnt zu Haltung gegen Rechts.

Von Judith Liere und Kester Schlenz

Jürgen Schwandt

Jürgen Schwandt im Containerhafen Hamburg-Waltershof: Dem stern berichtet der Seemann von seinem bewegten Leben.

Den Beruf des Kapitäns umgibt auch heute noch ein Mythos, der keinem anderen Führer eines Transportmittels zuteil wird. Berühmte Piloten? Gut, Amelia Earhart und Charles Lindbergh – aber sonst? Sagenumwobene Lokomotivführer? Außer Lukas, dem Kumpel von Jim Knopf, fällt uns keiner ein. Und Busfahrer? Nun ja. Bei den Helden der Meere hingegen: Kapitän Ahab, Captain Jack Sparrow, Käpt’n Blaubär, Kapitän Nemo - und neuerdings auch Kapitän Schwandt.

Der 80-jährige Hamburger macht gerade eine späte Karriere als Kolumnist (in der "Hamburger Morgenpost"), Bestsellerautor (mit seiner Biografie "Sturmwarnung" im Ankerherz Verlag) und vor allem: als Star bei Facebook. Dort hat Jürgen Schwandt über 100.000 Fans, seine ein bis zwei Beiträge pro Tag sammeln jeweils oft mehrere Tausend Likes, inzwischen kann man sogar T-Shirts mit seinem Gesicht darauf kaufen. Schwandt steht für etwas, wonach sich viele Menschen sehnen: acht Jahrzehnte Lebenserfahrung, gepaart mit einer ziemlich klaren, kompromisslosen Haltung zu dem, was gerade los ist in Deutschland und der Welt. Er positioniert sich in einfachen, deutlichen Worten gegen Rassismus, gegen die AfD, für Toleranz und Gerechtigkeit. Und er erzählt Abenteuergeschichten aus einer längst vergangenen Zeit, als das Leben härter, aber übersichtlicher war, weniger kompliziert - zumindest in der nostalgischen Rückschau.

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Jürgen Schwandt muss man einfach nur mal zuhören

Der alte Mann mit dem tief zerfurchten Gesicht, dem weißen Bart und dem grummeligen Seebär-Ton berührt die Menschen. Eine Kommentatorin bei Facebook schreibt: "Wie fesselnd müsste es sein, sich einfach mal bei einem Pott Tee hinzusetzen und Ihnen nur zuzuhören.“ Genau das haben wir gemacht - und Jürgen Schwandt im "Duckdalben", dem Club der Deutschen Seemannsmission mitten im Hamburger Containerhafen, zum Interview getroffen.

Glückwunsch, Herr Kapitän. Sie starteten vor mehr als 60 Jahren als Matrose und sind jetzt, mit 80 Jahren, zum Bestsellerautor geworden. Wie erklären Sie sich das?
Schauen Sie, ich habe als Seemann in zehn Jahren mehr erlebt als die meisten Menschen an Land in ihrem ganzen Leben. Richtige Abenteuer. Ich habe schnell gelernt, dass die Menschen sich für authentische Geschichten interessieren. Und das Beste ist: Ich musste mir nix ausdenken. Ist alles wahr. Ich erzähle einfach, was gewesen ist.

Wie sind Sie zur Seefahrt gekommen?
Ich bin nach dem Krieg in den Trümmern von Hamburg groß geworden. Mein Vater war in Kriegsgefangenschaft, und erst einmal ging es für unsere Familie ums nackte Überleben. Dann wurde es langsam besser, aber ich fühlte mich immer eingeengt. Als ich auf der Realschule war, machte ein Lehrer mit uns Übungsfahrten auf einem alten Marinekutter, um uns von der Straße zu bekommen. Wir machten sogar eine Klassenfahrt damit. Da war es dann um mich geschehen. Das Leben auf dem Wasser hat mich sofort begeistert, und ich beschloss, direkt nach der Schule zur See zu fahren.

Aber Sie waren noch nicht volljährig und brauchten die Erlaubnis Ihrer Eltern.
Die bekam ich. Mein Vater war ein überzeugter Nazi. Auch nach dem Krieg noch. Als ich mitbekam, welche Sauereien wir Deutschen angerichtet hatten, welche ungeheuren Verbrechen begangen worden waren, habe ich meinen Vater damit konfrontiert. Er hat es nicht wahrhaben wollen. Wir stritten uns heftig, bis wir uns fast prügelten. Da ließ er mich ziehen.

Sie schreiben, Sie hätten als 16-jähriger Schiffsjunge auf einem "Totenschiff" angeheuert. Wie ist das gemeint?
Na ja, die Engländer hatten fast alles, was an Schiffen noch zu gebrauchen war, zu Reparationszwecken beschlagnahmt. Uns blieb nur der traurige Rest. Mein erster Kahn war ein heruntergekommenes Segelschiff, Baujahr 1883, die "Argonaut". Meine erste Reise ging durch die Nordsee nach Ostende. An Bord gab es kein fließend Wasser und keinen Strom. Trinkwasser wurde in Milchkannen mitgeführt und wirklich nur zum Trinken verwendet. Gewaschen haben wir uns mit Salzwasser. Ein WC gab es auch nicht. Wir nahmen einen Eimer. Geheizt wurde mit einem einzigen Kanonenofen. Es war trotzdem immer arschkalt. Im Winter fror manchmal meine Schlafdecke an der eisernen Bordwand fest. Zwei Matrosen und ich schliefen vorn auf Holzpritschen mit Strohsäcken im Schiffsrumpf. Mitten durch unsere Koje lief das Rohr der Ankerkette.

Und das fanden Sie besser als zu Hause?
Allemal. Ich war raus aus der Enge. Nur das zählte. Ich wusste: Ich musste mich durchbeißen.

Gutes Stichwort. Wie war die Verpflegung an Bord?
Schlecht. Unser Kapitän war auch der Eigner des Schiffes. Das heißt, die Verpflegung ging von seinem Geld ab. Der sparte, wo es nur ging. Jeden Sonnabend war Essensausgabe. Da gab es als Kaltproviant - also für morgens und abends - je ein halbes Pfund Margarine, Käse, Wurst und Marmelade. Und täglich etwas Brot. Damit mussten wir eine Woche auskommen. Mittags gab es immer nur Suppe.

Und? Blieb das Essen bei Ihnen drin in den ersten Wochen?
Wochen? Ich hab mir das erste halbe Jahr immer wieder die Seele aus dem Leib gekotzt. Ich war leider oft unter Deck und musste als Schiffsjunge in der engen, muffigen Kombüse kochen.

Hatten Sie das gelernt?
Nein.

Und wenn es den anderen nicht schmeckte?
Dann gab es was an die Ohren. Da lernt man ruck, zuck ordentlich kochen.

Hatten Sie Probleme mit der strengen Hierarchie?
Nein, denn ich musste ja da durch, um irgendwann oben zu sein.

Wie lange waren Sie Schiffsjunge?
Ein Jahr. Dann habe ich mich hochgearbeitet. Jahr um Jahr. Durch alle Stationen. Bis zum Kapitän.

War Ihnen mal langweilig an Bord?
Nee, schauen Sie, die See sieht nie gleich aus. Sie hat täglich, ach was, stündlich ein anderes Gesicht. Mal grau, mal blau, mal grün. Und wenn die Sonne bei leichter Brise auf den kleinen Wellen glitzert, dann geht mir noch heute das Herz auf.

Jürgen Schwandt

Das Trinken hat Schwandt aufgegeben, das Rauchen nicht


Manche Ihrer Schilderungen könnten aus einem Actionfilm von Steven Spielberg stammen. Was war das Schlimmste, das Sie je auf See erlebt haben?
Das war ein Orkan im Dezember 1955 im Nordatlantik. In den frühen Morgenstunden drehte der Wind von West auf Südwest und frischte immer mehr auf. Uns war klar, dass es ungemütlich werden würde. Aber es wurde eine Katastrophe. Kurz nach fünf Uhr erreichte der Sturm Orkanstärke.

Was geschah?
Es war die schwerste See, die ich je erlebt habe. Das Schiff zitterte und ächzte. Es war ein Pfeifen, Heulen und Jaulen. Wir hatten eine irrwitzige Neigung. Wer sich nicht festhielt, ging sofort zu Boden. Dann, abends gegen sieben, gab es einen gewaltigen Schlag. Danach war Stille. Und Dunkelheit. Die Maschine war ausgefallen. Das Schiff lag auf einmal quer zur See mit 45 Grad Schlagseite, die Wellen kamen wie Hauswände auf uns zu und knallten gegen das Schiff. Ein schwerer Brecher hat ein Loch in die Schiffswand gerissen und die Brücke verwüstet. Die Trennwände zur Funkbude und zum Kartenhaus waren weggerissen. Alles war voller Wasser.

Gab es Verletzte?
Aber ja. Sechs Kameraden. Vor allem Knochenbrüche. Medikamente hatten wir keine mehr. Leider auch kein Morphium. Das war alles oben im Kartenhaus zerstört worden. Und es hieß also: warten. Wir mussten den Orkan aussitzen. Die See hat dann russisches Roulette mit uns gespielt. Stunde um Stunde knallten die Brecher gegen unser Schiff.

Hatten Sie Todesangst?
Nein. Ich war seltsam ruhig. Ich hatte mit allem abgeschlossen. Es war der reine Fatalismus.

Wie haben Sie am Ende überlebt?
Wir hatten noch einen Notsender mit einem Dynamo an einem Rettungsboot. Mit dem haben wir SOS gefunkt. Am nächsten Morgen hat ein amerikanischer Truppentransporter unser Signal gehört. Das war unsere Rettung. Acht Tage später waren wir in Lissabon.

Und da haben Sie legendär gefeiert.
Ist das ein Wunder? Wir haben uns jeder 500 D-Mark Vorschuss auf die Heuer geholt und dann los in Richtung Kirchturm.

Warum denn das, um Himmels willen?
Weil da in der Nähe immer die Bordelle sind. Die Städte sind ja rund um die Kirchen entstanden. Und die Rotlichtviertel sind meist alt und nie weit weg von den großen Kirchen. Außerdem ist das auch ganz praktisch. Dann hat es Hochwürden nicht so weit.

Das lassen wir mal unkommentiert. Wie lief die Feier ab?
Wir haben einen ganzen Puff in Beschlag genommen und drei Nächte und zwei Tage gefeiert. Viel Alkohol und viel Sex. Einschließlich des Tigersprungs vom Kronleuchter.

Haben Sie und Ihre Kameraden regelmäßig Bordelle besucht?
Ja, klar. Schauen Sie: Wir waren junge Männer mit Bedürfnissen. Uns dampfte das Testosteron aus allen Poren. Und wenn wir mal an Land waren, konnten wir ja schlecht eine Beziehung aufbauen. Wie denn auch? In zwei Tagen im Hafen? Also ging man in den Puff. Manchmal hatten wir es übrigens gar nicht weit. "Susi’s Rolling Bar" in Shanghai war ein Doppeldeckerbus, der direkt vorm Schiff hielt.

Wir wollen Ihnen nicht zu nahe treten, Herr Kapitän, aber hat sich da nicht mit den Jahren ein etwas schiefes Frauenbild entwickelt? Immer bezahlter Sex im Suff?
Wo denken Sie hin? Ich habe die Damen immer mit Respekt behandelt. Und nie den Begriff Hure benutzt. Ich war ein Gentleman.

Dann lernten Sie doch noch Ihre große Liebe kennen. Und das nicht im Bordell, sondern bei einer Tanzveranstaltung.

So ist es. Sie war damals Kinder- und Säuglingskrankenschwester. Nach drei Jahren waren wir ein richtiges Paar. Und wir sind jetzt seit 45 Jahren verheiratet.

Haben Sie Ihrer Frau zuliebe später die Seefahrt aufgegeben?
Ich musste mich entscheiden. Es war schwer, aber es hat sich gelohnt. Ich hab dann beim Zoll angefangen.

Der mutigste Satz in Ihrem Buch lautet: Ich bin Alkoholiker.
Ja, nach vielen Jahren Saufen habe ich gemerkt, dass die Filmrisse immer häufiger wurden und ich schon morgens ein Wasserglas Whisky brauchte, damit die Hände nicht zitterten. Da wusste ich: Ich bin alkoholkrank.

Und was kam nach der Erkenntnis?
Ich habe mir alles an Literatur über Suchterkrankungen gekauft, und mir wurde klar, dass ich nie wieder in meinem Leben ein Glas Alkohol trinken durfte. Das war so ein Schreck, dass ich mich erst einmal furchtbar besoffen habe. Dann habe ich einen kalten Entzug gemacht. Zu Hause an Land. Mithilfe meiner Frau. Ich fiel ins Delirium tremens, hatte Schüttelfrost und Krämpfe, sah weißen Regen die Wände herunterlaufen. Aber ich habe es geschafft.

Ist die Seefahrt heute noch mit der von früher vergleichbar?
Nein. Absolut nicht. Die Containerhäfen liegen heute weit außerhalb. Die Seeleute fahren zu Dumpinglöhnen und haben kaum noch Zeit im Hafen. Wir haben auch hart gearbeitet und viel entbehrt, aber heute ist das ein brutales Geschäft.

Würden Sie trotzdem wieder Seemann werden?
Ja. Trotz allem.

Auch technisch hat sich viel verändert. Sie haben kürzlich in einem Simulator ein riesiges Containerschiff gefahren …

…und ich hab den Kahn mal eben in die Böschung gesetzt. Die Dinger sind heute so verdammt schwerfällig. Da müsste ich noch etwas üben.

Herr Kapitän, wenn Sie resümieren: Hat Sie die Seefahrt zu einem toleranteren Menschen gemacht?
Aber ja, ich bin viel rumgekommen. Das prägt. Wenn ich eines gelernt habe, dann dies: Es gibt überall - unabhängig von Hautfarbe, Religion und Nationalität - nette Menschen und eben auch Arschlöcher. Glauben Sie mir, die Verteilung ist in etwa überall gleich.

Haltung und Rückgrat - dafür stehen Sie. Sie kämpfen gegen Rechts, unter anderem auf Facebook. Sie sagen, Sie werden deshalb massiv bedroht? Von wem?
Von irgendwelchen Irren. Natürlich anonym. Feiglinge sind das. Wir hatten deshalb sogar Polizeischutz bei Lesungen.

Beeindruckt Sie das?
Überhaupt nicht. Wissen Sie, die Nazis sind damals auch deshalb an die Macht gekommen, weil die Leute Angst vor den Schlägertrupps der SA hatten. So fing es an. Mit Einschüchterung. Man muss sich solchen Leuten sofort in den Weg stellen. Immer und überall. Sonst geht es wieder los.

Schwandts Biografie "Sturmwarnung" ist im Ankerherz Verlag erschienen (29,90 Euro)