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Rassismus-Debatte Der Ankerherz-Verlag kämpft seit Jahren gegen die AfD – und wird nun von links attackiert

Stefan Kruecken leitet den Ankerherz Verlag
Stefan Kruecken leitet den Ankerherz Verlag
© Ankerherz
Seit Jahren macht sich der Ankerherz Verlag für Flüchtlinge, Seenotrettung und gegen die AfD stark. Doch nun wird das kleine Unternehmen plötzlich von der Antifa bedroht. Ein Lehrstück darüber, wie der politische Diskurs in Deutschland aus dem Ruder läuft. 

Ankerherz ist ein kleiner, feiner Verlag vor den Toren Hamburgs, der Biografien von Seefahrern im Programm führt und alles rund ums Thema Meer. Mit dem Kapitän Jürgen Schwandt hat das Haus dazu ein echtes Original am Start, das bei vielen Fans Kultstatus genießt.

Daneben gibt es auch maritime Kleidung und Accessoires zu erwerben. Ankerherz bietet nämlich mehr an als nur Bücher und Produkte: Der Verlag verkauft auch ein Lebensgefühl: Er steht für Toleranz und Weltoffenheit. Schon 2015 machte sich Ankerherz für die Aufnahme von Flüchtlingen stark, unterstützt die Seenotrettung und macht seit Jahren Front gegen Pegida und die AfD

Dafür wurde Verleger Stefan Kruecken heftig attackiert: "Eine Zeit lang habe ich eine Morddrohung pro Woche bekommen", sagt der 45-Jährige im Gespräch mit dem stern. Er habe eine eigene Akte beim Staatsschutz, zeitweise hätte er Lesungen nur unter Polizeischutz halten können. Keine Frage: Dieser Mann ist Gegenwind gewohnt.

Boykottaufrufe gegen den Ankerherz-Verlag

Aktuell steht sein Verlag erneut unter Beschuss. Diesmal jedoch aus einer ganz anderen Richtung: Er wird von linken Antifa-Gruppen bedroht. Seit einer Woche bekommt er Nachrichten und Mails, in denen er als "Feind" bezeichnet wird, der "beobachtet" werde. In anderen steht, er solle sich im Keller aufhängen. Gegen Ankerherz kursieren Boykottaufrufe, die Polizei habe ihm mittlerweile Objektschutz angeboten.

Auslöser für diese Anfeindungen und Bedrohungen ist ein harmloser, mittlerweile gelöschter Facebook-Post, in dem Kruecken schreibt, er halte die Debatte über strukturellen und institutionellen Rassismus in der deutschen Polizei für falsch. Es gebe Rassismus, bestimmt sogar, doch er könne nicht erkennen, dass 300.000 Polizistinnen und Polizisten generell und mit Vorsatz in der Organisation rassistisch seien. "Im Gegenteil: Die machten unter für sie immer schwierigen Bedingungen einen besonnenen Job", sagt Kruecken, der die Arbeit der Polizei ziemlich nah als Polizeireporter in Köln und in Chicago kennengelernt hat.

Man muss dem nicht zustimmen, man kann diese Sichtweise auch für den naiven Blick eines in Bezug auf Rassismus Unbeteiligten halten. Dass ihn das plötzlich auf die Feindesliste derer bringt, die sich eigentlich den Kampf gegen Faschismus auf die Fahne geschrieben haben, verwundert dann aber doch.  

In Mails wird er als "Heckenschütze" bezeichnet. "Ich sei gefährlicher als die AfD, weil ich der Polizeigewalt aus der vermeintlich linken Ecke kommend Vorschub leiste", zitiert Kruecken aus Mails. Mittlerweile seien einige hundert Hassnachrichten eingegangen.

Stefan Kruecken nahm Bernd Lucke in Schutz

Und die Kritik zieht weitere Kreise. So hat der Aktivist Stephan Anpalagan einen offenen Brief an den Verlag veröffentlicht, den der Blog "Volksverpetzer" auf seiner Seite publiziert hat. Darin werden die Worte über den strukturellen Rassismus kritisiert. Anpalagan geht aber noch weiter: Er erhebt den Vorwurf, Ankerherz würde rechtsradikale Personen verharmlosen. Kruecken hatte vor Monaten öffentlich sein Unverständnis geäußert über die heftigen Proteste gegen die Vorlesungen von AfD-Gründer und Ex-Mitglied Bernd Lucke.

"Ich habe nicht den Hauch von Sympathie für diesen Mann oder seine Ansichten", sagt der Verleger dazu, "doch ich bin zutiefst überzeugt, dass er in einem freien Land seinen Beruf ausüben und seine Meinung sagen muss." Wie eine Verharmlosung von Rassismus klingt das nicht.

Das ficht Anpalagan nicht an, der am Schluss seines Briefes schreibt: "Ihr seid nicht davon betroffen, wenn die AfD nach ihrer Machtergreifung 'aufräumen' will." Worte, die wie Hohn klingen in den Ohren von Kruecken, der in den vergangenen Jahren oftmals nur unter Polizeischutz öffentlich auftreten konnte.

Die AfD lacht sich ins Fäustchen

So stellt sich bei Stefan Kruecken ein Gefühl ein, das dieser Tage viele Menschen haben: dass der Spielraum in der Mitte immer kleiner wird und man von den Rändern droht, zerrieben zu werden. Ihm werde schon die Bezeichnung "Mitte-Extremist" an den Kopf geknallt, sagt der Verleger. 

So ist er gegen seinen Willen in eine Auseinandersetzung geraten, die eigentlich nur Verlierer kennt. Außer einem: Die AfD lacht sich derweil ins Fäustchen. "Jetzt habt ihr die Zecken an der Backe, die ihr immer gefüttert habt", haben Vertreter dieser Partei an Kruecken geschrieben. Der Partei kann nichts Besseres passieren, als wenn sich Antifaschisten gegenseitig zerfleischen.

So hat Kruecken mittlerweile das Gefühl, dass die Demokratie unter Beschuss ist. Soll er angesichts der Anfeindungen gegen seine Person aufgeben, sich aus der gesellschaftlichen Debatte zurückziehen? Für den Verleger keine Option. Im Gegenteil. Er sagt in Richtung seiner Kritiker von links und rechts: "Wir werden das weiter machen."


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