Südosteuropäische Literatur Wenn Freiheit verramscht wird


Kroatien ist diesjähriger Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse. Doch auch die anderen Balkanländer bringen interessante Schriftsteller hervor. Illusionslos und mit einer erfrischenden Nähe zur sozialen Realität beschreiben sie das Leben in den Übergangs-Gesellschaften Südosteuropas.
Von Rudolf Stumberger

Wie lebt es sich hinter den sieben Bergen von Siebenbürgen? Im Zagreber Vorort Utrine? In den Hochhaussiedlungen von Sofia? Auch knapp 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Rumänien, Bulgarien und den Balkan von der westlichen Welt abgeschnitten hatte, ist das erträumte goldene Zeitalter für die meisten Menschen immer noch in weiter Ferne.

Man schlägt sich eben durch, lachend oder verzweifelt: "Die Zeit in der wir leben ist gut. Es wird nicht langweilig, ganz im Gegenteil, es ist zum Verrecken aufregend, ein scharfer Mix aus klassischem Drama, Horror und Thriller... nur dass man manchmal auch etwas leichtere Literatur haben möchte, so einen Herz-Schmerz-Roman mit Happy-End", lässt etwa der kroatische Schriftsteller Edo Popovic seinen Romanhelden sagen.

Man schlägt sich so durch

Es sind die Schriftsteller, die das Leben in diesen Übergangsgesellschaften beschreiben, und sie tun es mit einer aus deutscher Perspektive geradezu erfrischenden Nähe zur sozialen Realität.

Baba, der frühere Erfolgsautor, ist ständig betrunken, seine Ehefrau Vera lässt sich per E-Mail therapieren, während der frühere Rechtsanwalt Kanceli in einer Wohnung ohne Möbel lebt. Sie alle sind Bewohner des Zagreber Vororts Utrine, wo man in den Kneipen noch einheimisches Bier bekommt. Und genau hier setzt Babas Unbehagen ein, wenn er konstatiert, dass zehn Jahre nach der Zeitenwende "die einzig nennenswerte Veränderung darin bestand, dass die Anzahl der Kneipen, in denen man einheimisches Bier bekommt, abgenommen hatte... [und] dass diese legendäre Demokratie, von der man soviel erzählt hatte, im Grunde nichts anderes ist, als ein Arschtritt für das einheimische Bier."

"Ausfahrt Zagreb-Süd" heißt das Buch, in dem diese desillusionierenden Sätze stehen, und Popovic schildert darin jene Generation "die im 20. Jahrhundert gesoffen hat und im 21. nüchtern geworden ist". Vera wird Baba verlassen, Kanceli wird sich verlieben. Wenn er wissen will, in was für einer Welt er lebt, braucht er nur die neun Stockwerke nach unten zu gehen und eine Runde durch das Viertel zu laufen, in dieser Stadt, die am 40. Breitengrad liegt und auf der an diesem "sommerlich windstillen Tag" eine Mixtur aus Stickstoff, Sauerstoff und Kohlenmonoxid lastet. Der Spaziergang wird freilich zu einem Abgesang auf jedwede goldenen Zeiten: "Die Menschen, die er heute Morgen traf, zeugten davon, dass sich nichts verändert hatte, dass es heute genau so war wie gestern und dass es morgen schlechter sein würde."

So öde, dass nicht einmal Gedanken zu Besuch kommen

Gut 650 Kilometer Luftlinie südöstlich sitzt in der bulgarischen Hauptstadt Sofia der Ex-Schriftsteller Martin im 16. Stock auf dem Balkon eines sozialistischen Plattenbaus und betrinkt sich. Es ist einer jener "heißen und öden Sommer, an einem Abend, der so leer war, dass nicht einmal Gedanken zu Besuch kamen." Martin ist das Geschöpf des bulgarischen Schriftstellers Vladimir Zarev, der mit seinem Roman "Verfall" einen überraschenden literarischen Erfolg feiern konnte.

"Verfall" erzählt in zwei parallelen Handlungssträngen die Lebenswege von Bojan und Martin. Während Bojan mit Zigarettenschmuggel zu Geld und Macht kommt, kommt Martin, ein zu sozialistischen Zeiten geachteter Autor, mit der neuen Welt nicht zurecht: "Im Sommer 1997 folgte mein allerletzter Versuch, etwas Sinnvolles zu tun und - um meine Familie über Wasser zu halten - meine Ehre zu verkaufen und Glanz und Elend der Worte hintanzustellen." Martin versucht sich als telefonseelsorgender Sexual-Berater, doch ohne das Geld, das seine Ehefrau Veronika verdient, könnte die Familie nicht überleben. Die Ehe ist in der Krise: "Wann tust du endlich was? Wenn schon nicht für mich oder für die Kinder- dann wenigstens für dich? Ich kann diesen Anblick nicht mehr ertragen, wie du durch die Gegend schleichst und vor Sinnlosigkeit alterst."

Mit Freiheit bombardiert

Die neue Zeit und die neue Freiheit hat für die Bewohner der Plattenbausiedlung also keineswegs die große Erfüllung aller Hoffnungen gebracht. Seit die Demokratie "ausgebrochen" ist, werden sie "mit der Freiheit von allen Seiten geradezu bombardiert", bis diese auf den "Markt geworfen und verramscht wird". Dafür wächst die Angst: "Die Angst vor 1989 war eine andere. Sie war irgendwie frecher, leichter, weil der Widerstand uns mit einer Aureole versah, während gleichzeitig für alles Lebensnotwendige gesorgt war: Strom, Urlaub am Meer und ein Kotelett dazu." Die Lage der Intellektuellen im Bulgarien der Nachwendezeit, wie sie von Zarev beschrieben wird, ist düster: "Des Beruhigungsmittels der Sicherheit beraubt, nicht an die Armut gewöhnt, die über sie kam, verlustig des Glanzes, geistiger Richter zu sein, verbleib dem schreibenden Brüdern selig nur gegenseitiger Überdruss und ein namenloser Ekel gegenüber allem und jeden."

Gut 320 Kilometer Luftlinie nordöstlich von Sofia entfernt im rumänischen Bukarest sind es "Bohne"," Paganel" und "Bastârcã", die im "Zerissenen Anorak" sich einst als Schulkameraden die Hucke voll gesoffen haben. "Bohne ist so eine Art Privatunternehmer geworden, aber die meiste Zeit ist er pleite", schreibt der rumänische Schriftsteller und Soziologiedozent Dan Lungu in der Titelgeschichte seiner Kurzgeschichten-Sammlung "Klasse Typen".

Aller Wende-Illlusionen beraubt

Paganel hat Technik studiert, dabei "zwei Jahre als Diplomingenieur verplempert", bis er sich nach der Wende zum "Fliesenlegen nach Spanien" abgesetzt hat, und Bastârcã hat angefangen, auf Hochzeiten Trompete zu spielen. Wirklich leid tut dem Ich-Erzähler in dieser Story eigentlich nur, dass er "Dorina Amiçsulesei nicht flachgelegt habe". Die jetzt nämlich "in der Politik mitmischt, wo sie das Blaue vom Himmel lügt. Aber nicht so ein bisschen wie jeder normale Mensch, sondern volles Rohr, denn die Konkurrenz ist groß". Auch im postkommunistischen Rumänien ist das Vertrauen in die Politik nicht eben groß. Lungus Protagonisten haben als Jugendliche mit Alkohol und anarchistischen Nonsens dem Ceauçescu-Regime getrotzt, doch diese Zeiten sind längst vorbei, und wie die Menschen in Zagreb und Sofia sind auch Lungus Figuren aller Wende-Illusionen beraubt.

Es ist ein ebenso bedrückendes wie schonungslos genaues Bild, das diese drei Schriftsteller von den Menschen und Städten dieser südosteuropäischen Länder zeichnen. Und es sind vor allem die Männer, die unter die Räder kommen, während die Frauen den Alltag in der neuen Zeit besser bewältigen. Doch bei aller Bitterkeit und Tristesse liest sich das alles durchaus kurzweilig und spannend. Denn man muss es mit Humor nehmen, das Leben. Dann geht es schon weiter. Irgendwie.


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