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Künstlerin: Oda Jaune - die abgründig schöne Witwe von Jörg Immendorff

Mit 18 wurde sie Malschülerin von Jörg Immendorff, mit 20 seine Frau, mit 27 seine Witwe. Seitdem versucht die Künstlerin Oda Jaune, sich aus dem Schatten ihres Mannes zu lösen - und hat dabei in Paris eine große Karriere hingelegt: mit Bildern, die zuerst anziehen und dann zutiefst verstören.

Oda Jaune

Die Künstlerin Oda Jaune

Picture Alliance

"Je länger ich male, desto weniger Worte habe ich" , sagt die Künstlerin leise, fast schüchtern. Das Reden über ihre Kunst fällt ihr schwer. Sie will sie nicht erklären, will nicht sagen, was ihre Werke bedeuten sollen. Sie weiß selbst nicht, aus welchen Tiefen ihrer Seele diese sonderbaren, deformierten Wesen kommen, die ihre Bilder bevölkern und sich in ihren Skulpturen manifestieren.

Schöne Werke beim ersten, flüchtigen Blick - viel helles Blau, Pastelltöne, weiche Formen. Doch schnell offenbaren sich Abgründe: Körper zerfließen, wachsen ineinander, winden sich, gebären groteske Organe. Es erscheinen gesichtslose Kreaturen mit aufgerissenen Mündern. Ausstülpungen, Umstülpungen, Auswüchse, Körper im Körper, Abnormitäten. Bilder von verstörender Schönheit, voller Gewalt und Sexualität.

Die Künstlerin Oda Jaune malt und formt sie in einem 43 Quadratmeter großen Atelier im Pariser Stadtteil St-Germain. Hier lebt und arbeitet die 38-Jährige. Erschafft Aquarelle, großformatige Ölbilder und formt bizarre Skulpturen aus einer Porzellan-Ton-Masse.

In Paris, wo sie seit 2008 zu Hause ist, gilt sie als arrivierte Künstlerin. In Deutschland dagegen war sie lange Zeit vor allem „die Witwe von“. War Jaune doch sieben Jahre lang mit Jörg Immendorff verheiratet, dem Großkünstler, der 2007 an ALS starb, einer bösartigen Nervenkrankheit. Immendorff galt als egomanisch, dröhnend. Es passte ins Klischee, dass das erfolgreiche Alphatier seine 30 Jahre jüngere Meisterschülerin, die schöne Bulgarin Michaela Danowska, heiratete, so Oda Jaunes bürgerlicher Name.

Studium in Düsseldorf

Jaune wurde in Sofia geboren, wuchs dort in einer Familie mit einer Neigung zu Deutschland auf. Schon mit 13 besuchte sie ein Jahr lang eine Waldorfschule in Heidelberg und nahm 1998 ihr Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie auf, wo Immendorff als Professor lehrte. Ihren neuen Namen hat ihr der Maler "geschenkt", wie sie sagt. Sie hatte es sich so gewünscht. Auch Jaunes ältere Schwester arbeitet als Künstlerin, ihr Vater ist ein bekannter Grafiker. Ihre Familie sei ihr sehr wichtig, sagt sie, aber sie wollte keine weitere Künstlerin mit dem Namen Danowska sein.

Eines Tages stand Jörg Immendorff dann vor ihr, in der Hand ihren "neuen" Pass. Er hatte ihn selbst gestaltet. Oda heißt im Altdeutschen "die Reiche" oder "die Erbin", Jaune ist Französisch und heißt Gelb, Immendorffs Lieblingsfarbe. So wurde aus Michaela Danowska Oda Jaune. 20 Jahre alt war sie damals. 2001 wurde ihre Tochter Ida geboren. Sechs Jahre später starb Immendorff. "Er war mein Mensch", sagt Oda Jaune. "Er ist langsam verschwunden. Jeden Tag ein Stück mehr. Und dann war er plötzlich weg."

Was empfindet sie heute, wenn sie an ihn denkt? "Liebe, die nicht vergeht", sagt sie. "Und großen Respekt für sein Künstler-Sein. Die Kraft, mit der er bis zum Ende Kunst erschaffen hat."

Sie hat immer zu ihrem Mann gestanden. Auch nach seiner Verurteilung 2004 zu einer Bewährungs- und Geldstrafe nach Kokain-Partys in einem Düsseldorfer Nobelhotel. Über die damaligen Ereignisse will Oda Jaune nicht mehr sprechen.

Umzug nach Paris

Als Alleinerbin blieb sie erst einmal in Düsseldorf im gemeinsamen Haus, wo beide ihre Ateliers hatten – Immendorff oben, sie unten. "Aber ich merkte" , sagt sie, "ich werde hier an Schmerz und Sehnsucht zugrunde gehen. Ich muss wieder glücklich sein und meine Tochter großziehen."

Werke von Oda Jaune
Oda Jaune

Diese Skulptur hat Oda Jaune der ewigen Liebe gewidmet. "The Caress", die Liebkosung, ist 1000 Kilo schwer. Das Werk sieht von Weitem wie eine klassische Pietà aus. Als hielte Maria den Leichnam Jesu in den Armen. Doch wer näher herangeht, erkennt, dass beide Personen gleichaltrig sind. Und ihre Münder fließen ineinander in einen nicht enden wollenden Kuss.

Ein Jahr blieb sie noch, um ihr Leben zu ordnen. "Aber es ging nicht mehr", sagt sie, "nicht mehr in diesem Haus, nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Land." Sie überlegte, wo die beiden eine Zukunft ohne die Last der Erinnerung haben könnten. Ida sollte eine Weltbürgerin werden und in einer großen, multikulturellen Stadt aufwachsen.

Also Paris. Jaune hatte eine Freundin aus Schulzeiten dort, aber sonst keinerlei Beziehung zu der Stadt. Und genau das wollte sie: neu anfangen. Ohne Ballast. Die Vergangenheit ruhen lassen. Mutter und Tochter bezogen eine kleine Wohnung, Jaune buchte einen Sprachkurs, suchte eine Schule für Ida und beschloss, wieder zu arbeiten. Die Bilder, die sie in Deutschland gemalt hatte, waren fast alle verkauft worden. Nur eine kleine Mappe mit Aquarellen hatte sie mitgenommen.

Jaune war hungrig nach Kunst. Schon am ersten Wochenende in Paris besuchte sie eine Ausstellung in der renommierten Galerie Templon. Dort traf sie den Besitzer Daniel Templon, stellte sich ihm vor, und schon am darauffolgenden Montag trafen sich der Galerist, eine Kollegin und Jaune in deren kleiner Wohnung. "Es war sonderbar", erzählt sie. "Beide blätterten schweigend in meiner Mappe, sahen sich immer wieder an und begannen dann rasend schnell auf Französisch miteinander zu reden. Dann schwiegen sie." Schließlich habe sich Templon zu Jaune umgedreht und auf Englisch gefragt: "Oda, können Sie in drei Monaten genug Bilder für eine eigene Ausstellung malen?"

Jaune dachte kurz nach, sah sich vor ihrem geistigen Auge drei Monate durcharbeiten und sagte Ja.
"Schön. Haben Sie noch größere Ölarbeiten?", fragte Templon.
"Die sind in Arbeit", log Jaune.
Zufrieden zogen die Gäste wieder ab. Jaune sagte ihren Sprachkurs ab, gewöhnte sich exzessives Kaffeetrinken zum Wachbleiben an und arbeitete Tag und Nacht.

"Da, wo die Sprache aufhört, fangen die Bilder an"

Im Februar 2009 wurde "May You See Rainbows" eröffnet, ihre erste Pariser Ausstellung. Schon am ersten Tag waren alle Werke verkauft. Und das – je nach Größe – bei Preisen zwischen 9000 und 45.000 Euro für ein Bild oder eine Skulptur. Ihre traumwandlerische Ästhetik des Abnormen wird zum Markenzeichen. Das Publikum schätzt das Geheimnisvolle, das Unerklärliche ihrer irritierenden Werke.

Jaune spricht Bulgarisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Aber zu ihren Bildern sagt sie auch in Paris – nichts. Sie mag Ludwig Wittgensteins berühmten Satz: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Sie sagt: "Da, wo die Sprache aufhört, fangen die Bilder an."

Aber was, so fragt sich der Betrachter dennoch, geht im Kopf einer Frau vor, die solche krassen Bilder malt?

Jaune kennt diese Frage. Besonders gern wird sie mit dem Zusatz "schöne Frau" gestellt, als ob ein schöner Mensch unbedingt zur Harmonie verpflichtet wäre. Und ein wenig gibt sie nun doch preis: "Die Realität, die Oberfläche interessiert mich nicht. Mich interessiert das, was tiefer geht. Was unerklärlich und unbequem ist, was wir verdrängen. Grausamkeit zum Beispiel. Oder Deformation. Aber eines wird oft missverstanden: Meine Arbeiten sind nicht brutal. Sie sind voller Zärtlichkeit."

"Eine Welt, in der alles möglich ist"

Eine befremdliche Zärtlichkeit. Häufig sind Kinder auf ihren Bildern zu sehen. Sie wirken nicht wie Opfer, aber sie sind Zwängen ausgesetzt. Etwas formt sie um. Aber immer finden sich Gesten des Trostes, Umarmungen, zarte Berührungen. Als ob die Dämonen, die sich in ihren Bildern materialisieren, auch sagten: Ich halte dich.

"Es ist etwas Unmittelbares", sagt Jaune. "Ich lasse beim Malen etwas aus den Tiefen meines Unterbewusstseins hinaus in eine Welt, in der alles möglich ist. Und diese Welt ist die Leinwand. Aber die Dämonen selber, sie kommen nicht aus dem Unterbewusstsein, sie sind die Geschöpfe der brutalen Welt um uns herum. Grausamkeit und Verbrechen muss ich mir nicht ausdenken. Ich kann sie nur transformieren."

Die französische Kunstsammlerin Anouk Martini befand einmal: "Oda zeigt uns Dinge, die wir lieber nicht sehen wollen."

Kunst als Konfrontation. Ein Motto, das Jaune auch selbst beherzigt: "Immer, wenn ich etwas nicht ansehen mag, sehe ich es mir an." Das Internet bietet ihr reichlich Stoff. Eine Zeit lang hat sie Begriffe wie "Hinrichtungen", "Schlachtungen" und "Massaker" gegoogelt, um sich dem Dunklen zu stellen. Und es in Kunst zu verwandeln.

Oda Jaune ist längst in Paris angekommen. "In Deutschland", sagt sie, "war ich immer die junge schöne Frau, die den berühmten Maler geheiratet hat. Es war sehr schwer, als Künstlerin wahrgenommen zu werden, weil sich immer das Klischee davorschob."

In Frankreich kennt kaum einer ihre Geschichte. Hier zählt einzig ihre Kunst.

Ein schönes Rätsel

Jaunes Tochter ist jetzt 17. Nach dem Abitur will sie Mode in London am Central Saint Martins College studieren. Ida hatte bereits Berührungen mit der Szene. Schon mit 15 war sie als Model auf dem Szene-Magazin "Zoo" zu sehen. Jaune zeigt ein Foto und sagt: "Sie ist so entschlossen. Ein wunderbarer, junger Mensch mit einer alten Seele. Wäre sie nicht meine Tochter, wäre ich gern mit ihr befreundet."

Bald wird Jaune nach Bulgarien fliegen. Um ihre Familie zu besuchen. Und um eine Ausstellung vorzubereiten. Bulgarien ehrt seine berühmt gewordene Tochter im November mit einer großen Werkschau in der Nationalgalerie in Sofia. Vorher wird eine ihrer Skulpturen im Land auf eine Reise gehen. Sie heißt "The Caress", die Liebkosung, wird gerade in Bronze gegossen und dann 1000 Kilo schwer sein. Von Weitem sieht das Werk wie eine klassische Pietà aus. Als hielte Maria den Leichnam Jesu in den Armen. Doch wer näher herangeht, erkennt, dass beide Personen gleichaltrig sind. Und ihre Münder fließen ineinander in einen nicht enden wollenden Kuss. Auf immer verbunden. Sie habe diese Skulptur der ewigen Liebe gewidmet, sagt Jaune.

Das Werk ist Teil der Ausstellung in der Nationalgalerie, wird aber ebenso an verschiedenen Orten in Bulgarien plötzlich auftauchen und wieder verschwinden. Spaziergänger werden es mitten auf einer Wiese oder irgendwo im Wald entdecken können – und mit einem Mysterium konfrontiert werden.

Genau das soll sie sein, die Kunst der Oda Jaune: ein schönes Rätsel.

Erdogan aus Gold