Neue Nationalgalerie Berlin "Genie und Wahnsinn in der Kunst"


Van Gogh, der sich ein Ohr abriss, Edvard Munch, der seine manischen Züge in seinen Schreibildern auslebte - Genie und Wahnsinn liegen in der Kunst nah zusammen. Das zeigt eine Ausstellung in Berlin.

Sie lassen den Kopf hängen, stützen ihr Haupt ab, blicken versonnen in die Ferne: Melancholiker und Depressive sind seit jeher beliebte Figuren der abendländischen Kunst. Maler wie Albrecht Dürer und Caspar David Friedrich, aber auch Künstler aus dem optimistischen Amerika wie Edward Hopper und Andy Warhol haben immer wieder jenen Weltschmerz dargestellt, bei dem der Trübsinn in den Tiefsinn übergeht. "Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst" - unter diesem Titel führt bis zum 7. Mai eine große Schau in Berlins Neuer Nationalgalerie in die spirituellen Geheimnisse des künstlerischen Schaffens.

Rund 300 000 Menschen sahen bereits im Pariser Grand Palais die Ausstellung, mit der Kurator Jean Clair Melancholie zur universellen Bezugsgröße bedeutender Meistwerke von der Antike bis zur Gegenwart erklärte. Moritz Wullen und Jörg Völlnagel, die die Berliner Ausstellung gestaltet haben, sehen die Melancholie auch als "Grundverfassung des 21. Jahrhunderts" voraus. Sie warten mit 380 Werken auf - von einer korinthischen Alabasterfigur aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. über Arnold Böcklins "Toteninsel" bis zu Werken von Jörg Immendorf und Sigmar Polke. Die Schau, vom privaten Freundesverein der Neuen Nationalgalerie gefördert, zeichnet sich als Publikumsrenner ab wie zuvor die MoMA- und Picasso-Präsentationen.

Verstrickungen aus 2000 Jahren Kunstgeschichte

Die Ausstellung fächert ein Panorama aus 2500 Jahren Kunstgeschichte auf. Eine zentrale Stellung nimmt dabei Dürers "Melancholie" von 1514 ein, die Peter-Klaus Schuster, Dürer-Fachmann und Berliner Museumschef, als Summe aller Bilder zum Thema erklärte. Der Kupferstich steht in innerer Beziehung zu so unterschiedlichen Werken wie Caspar David Friedrichs poetisch-meditativen Landschaften und dem trauerenden "Dicken Mann" aus Polyester des Australiers Ron Mueck vom Jahr 2000.

Melancholie treibt zu künstlerischen Höchstleistungen

"Melancholiker stehen sich selbst näher als der Welt", fasst Wullen jenen Zustand zusammen, den der griechische Arzt Hypokrates im 5. Jahrhundert v. Chr. auf einen Überschuss an schwarzer Galle im Körper zurückführte. Doch Melancholie ist auch "eine intellektuelle Haltung", betont Völlnagel, die Menschen auch immer wieder zu kreativen Höchstleistungen anspornt.

Leidenskultur zieht sich durch die Epochen

Jede Epoche hat sich auch eine eigene Leidenskultur als Leitkultur geschaffen. Dazu gehören Dürers melancholische Zweifelnde, die sich in der Frühzeit der Aufklärung aus Objekten wie Waage, Sanduhr und Zirkel keinen Reim machen kann, und Jean Antoine Watteaus elegische "Landschaft mit Flötenspieler" von 1716 als Selbstdarstellung des aufstrebenden Bürgertums.

Tod und Vergänglichkeit im Barock

Im Barock und in der Romantik kreiste die Schwermut um den Tod und die Vergänglichkeit. Philipp Otto Runge (1777-1810) malte immer wieder Selbstporträts, als ob er sich stets seiner selbst vergewissern wollte. Auch in der Moderne bleibt kreative Trübsal für die Kunst bestimmend.

Moderne ist Schwerpunkt der Ausstellung

Die Berliner Schau setzt einen Schwerpunkt auf das 20. und 21. Jahrhundert. Mit Polke, Baselitz, Immendorff und einem eigenen Raum für Anselm Kiefer bekommen die deutschen Maler, die sich auch auf Friedrich und Dürer beziehen, mehr Raum. Als Schwenk zur "linken Melancholie" wie Walter Benjamin sie nannte, kommt auch die DDR zum Zuge. In einem eigenen Raum im Obergeschoss laufen tagsüber Videos zeitgenössischer Künstler, abends sollen dort Lesungen und Performances stattfinden - eine "Black Box" als Dunkelkammer der Kunst.

Die Ausstellung "Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst" in der Neuen Nationalgalerie von Berlin ist vom 17. Februar bis zum 7. Mai 2006 zu sehen.

Esteban Engel/DPA DPA

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