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Ausstellung über 1000 Jahre deutsch-polnische Geschichte: Dürer, Kopernikus und Solidarnosc

Deutsche und Polen leben "Tür an Tür" - die Kulturgeschichte, die sie verbindet, ist im Berliner Martin-Gropius-Bau zu erleben. "Eine Jahrhundertausstellung", findet Klaus Staeck.

Von Anja Lösel

Wladyslaw Bartoszewski, 89, hatte schon viele Leben: als Widerstandskämpfer und Auschwitz-Überlebender, als Journalist, Historiker, Außenminister und Staatssekretär. Nun sitzt er im Berliner Gropiusbau und erzählt mit heiserer Stimme die anrührende Geschichte von seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Er hat überlebt. Und wozu? "Nicht, damit ich das Leben genieße. Sondern damit ich Zeugnis ablege und die Wahrheit sage." Das hat er getan und das tut er auch heute noch, hier im Martin-Gropius-Bau, wo er zur Eröffnung der Ausstellung "Tür an Tür" spricht: "Wir glauben an das andere Deutschland."

Die Schau ist eine große Geste, die Bartoszewski nur allzu gern mitträgt. Je eine Million Euro gaben Polen und Deutschland, damit sie zustande kommen konnte. Bundespräsident Christian Wulff und der polnische Präsident Bronislaw Komorowski sind gekommen, um 1000 Jahre Kunst und Geschichte der beiden Länder zu feiern. Und sie finden überraschend viel Gemeinsames - vom Astronom Nikolaus Kopernikus bis zur Solidarność-Bewegung, die letztlich zum Fall der Berliner Mauer führte.

Nikolaus Kopernikus

"Eine Jahrhundertausstellung", findet Klaus Staeck. Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, selbst mit einer Arbeit in der Schau vertreten, ist überwältigt. "Es ist ein Signal der Völkerfreundschaft", sagt er. Kuratorin Anda Rottenberg will "frischen Wind in eingefahrene Vorstellungen bringen" und sagt: "Die Ausstellung ist für diejenigen gedacht, die ihre Sichtweise ändern möchten."

Vor 1000 Jahren begann die gemeinsame Geschichte mit der rheinischen Adeligen Richeza, die durch ihre Hochzeit zur Königin von Polen wurde. Unendlich viele Gemeinsamkeiten gibt es. Aber wer weiß schon, dass der Astronom und Himmelsforscher Nikolaus Kopernikus sich als Pole fühlte, obwohl er in Preußen geboren war? Oder dass der Nürnberger Holzschnitzer Veit Stoß 20 Jahre lang in Krakau lebte und dort den prächtigen Marienaltar fertigte. Und dass die Hauptfigur der Landshuter Hochzeit, die in Niederbayern alle vier Jahre mit großem Pomp als Volksfest gefeiert wird, die polnische Königstochter Hedwig ist. Stattdessen kriegen wir die alten Vorurteile nicht los, die Erinnerung an Gewalt und Hass sind immer noch da.

Willy Brandt in Warschau

Klar, die Gemälde von Albrecht Dürer, Lucas Cranach und Hans Holbein, die kostbaren Kronen, Teppiche, Madonnen sind wunderschön. So richtig spannend wird es aber erst, wenn es um die jüngste Vergangenheit der beiden Nachbarländer geht. Wenn etwa mit einem Spiegel-Titelbild an Willy Brandts Kniefall in Warschau erinnert wird. Oder wenn der israelische Künstler Yael Bartana seinen Film "Entartete Kunst lebt" zeigt: Die Figuren aus dem 1920 entstandenen Bild "Kriegskrüppel" von Otto Dix, das die Nazis zerstörten, werden darin wieder lebendig. Trotzig schleppen sie sich an Krücken und mit Hinkebein über die Leinwand.

Gerhard Richter hat Bilder aus Konzentrationslagern in seinem "Atlas" zusammengetragen: tote Kinder, ausgemergelte, kahlgeschorene Frauen, Männer, die sich zur Erschießung vor einer Wand aufstellen müssen.

Ein paar Fotos erinnern daran, dass deutsche Künstler 1981 in Düsseldorf eine Versteigerung zugunsten ihrer polnischen Kollegen organisierten. Klaus Staeck war natürlich auch dabei. Piotr Uklański ließ 4000 Soldaten auf der Danziger Werft den berühmten Schriftzug Solidarnosc mit ihren Körpern nachstellen. Für ein grandioses Foto.

Der Fotograf Brasse

Das bewegendste Kunstwerk ist aber dann doch eins aus der alten Abteilung: der gekreuzigte Christus von 1340 aus Lindenholz. Kopf und Oberkörper sind gespalten und zerstört, und doch ist dieser Rumpf, der da mit einem weit nach oben gereckten Arm allein an einer weißen Wand hängt, so eindringlich zum Frieden mahnend wie kaum ein anderes Kunstwerk.

Doch, noch eins lässt einen gar nicht mehr los. In einer Ecke läuft ein Film von 2005 über den polnischen Fotografen Wilhelm Brasse, der heute 95 Jahre alt ist. Zusammengesunken sitzt er da mit seinen weißen Haaren und dem dunklen Pullover. In dürren Worten erzählt er vom Grauen, das er erlebte. Weil er sich weigerte, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen und in die Wehrmacht einzutreten, wurde er ins Lager Auschwitz gebracht. Die Nazis bestimmten ihn zum Lagerfotografen. Alle Insassen musste er im Bild festhalten und, viel schlimmer noch, auch die Misshandlungen und medizinischen Experimente. Um die 60.000 Bilder hat er wohl damals gemacht. Viele davon für den sadistischen Lagerarzt Josef Mengele, der seine gynäkologischen Experimente an kleinen Mädchen stolz für die Nachwelt dokumentierte. Eigentlich sollte Brasse kurz vor der Befreiung alle seine Bilder verbrennen, doch sie wurden gerettet. Fotografieren aber konnte Wilhelm Brasse nie wieder, er leidet heute noch unter den Folgen der Schreckenstaten, die er miterleben und im Bild festhalten musste.

Martin-Gropius-Bau, 23. 9. bis 9. 1., www.gropiusbau.de