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Thor Kunkel: "Die Vorwürfe sind Unsinn"

Im stern.de-Interview wehrt sich Skandalautor Thor Kunkel gegen die Vorwürfe, dass die in seinem Roman "Endstufe" beschriebenen "Nazipornos" erst nach dem Krieg entstanden seien.

Herr Kunkel, die Literaturkritik hat Ihren Roman "Endstufe" einhellig verrissen, doch an der Echtheit der Pornofilme, die in den vierziger Jahren gedreht worden sein sollen, hat bislang niemand gezweifelt. Jetzt behauptet Werner Grassmann, Mitbegründer des Hamburger Abaton-Kinos, in dem die Filme Anfang der Siebziger liefen, sie stammten aus den fünfziger und sechziger Jahren.

Das stimmt natürlich nicht. Ich habe mehrere Zeitzeugen gesprochen, die versichern, die Filme wurden in den vierziger Jahren gedreht. Einer dieser Zeitzeugen, Horst Schanbacher, wird das auch eidesstattlich versichern. Und wenn es drauf ankommt, werde ich auch die anderen Zeugen präsentieren.

Was sind das für Zeitzeugen?

Herr Schanbacher hatte im Winter '45 von den Filmen bei einem Tischgespräch im familiären Kreis in Stuttgart gehört. Einige Herren einer baltischen Hochadelsfamilie amüsierten sich köstlich über die "Sachsenwaldfilme" , die sie auch namentlich kannten, ebenso über die Tauschgeschäfte, die mit den Filmen gemacht wurden. Meine wichtigste Zeitzeugin bleibt eine der Darstellerinnen, die im Jahre 1941 bei den Drehs zugegen war. Wer könnte es besser wissen? Es gibt auch einen ehemaligen Wehrgeologen des Afrikakorps, der zumindest den Film "Der Fallensteller" in einem Front-Tingeltangel 1942 gesehen hat. Es ist daher unmöglich, dass diese "Sachsenwald-Filme" erst in den fünfziger Jahren gedreht wurden.

Wie erklären Sie sich, dass jetzt die Echtheit der Filme angezweifelt wird? Werner Grassmann behauptet, er habe sich sogar die Legende ausgedacht, die Nazis hätten diese Filme gegen Rüstungsgüter getauscht.

Über die Glaubwürdigkeit von Herrn Grassmann möchte ich mir kein Urteil erlauben. Tatsache ist, er hat nach eigenem Bekunden in den siebziger Jahren Pornofilme im Abaton-Kino gezeigt. Ob es sich bei diesen Filmen um die "Sachsenwald-Filme" handelt, auf die sich meine Recherche bezieht, hat er nicht eindeutig gesagt. Herr Grassmann wurde von mir übrigens nie als Quelle oder gar Experte bezeichnet. Ich habe im Zuge meiner Recherchen vor drei Jahren mit ihm für etwa 15 Minuten telefoniert. Dabei nannte er mir den Namen eines ehemaligen Geschäftspartners, von dem er sich die Pornofilme ausgeliehen hatte, das ist alles. Zu diesem Zeitpunkt wusste Herr Grassmann noch nichts von den Tauschgeschäften. Ich habe ihn deutlich gefragt und seine Antwort war: nein, nie gehört.

Auch der Filmhistoriker Jeanpaul Goeren zweifelt an der Authentizität der Filme. Er habe elektronisch nachgesetzte Schrift und digitale Effekte festgestellt und wird zitiert mit den Worten: "Das soll aussehen, als ob es alt ist."

Das kann schon sein, weil er ja nur eine DVD gesehen hat. Die Originalkopien der Filme liegen bei dem emeritierten Film-Professor der Hochschule Offenbach, Werner Nekes. Zu Herrn Goeren möchte ich folgendes sagen: Jeder Filmhistoriker, der aufgrund einer DVD-Kopie die Echtheit eines 16-Millimeter-Films beurteilt, sollte seinen Job an den Nagel hängen. Die Filme werden ja inzwischen als digitale Raubkopien unter dem Titel "Das Sexte Reich" im Internet vertrieben. Ich vermute, dass auf der DVD, die Herrr Goeren gesehen hat, tatsächlich solche Effekte zu sehen sind. Ich habe dagegen die Originalfilme gesehen und hatte nicht den Eindruck, dass die digital manipuliert wurden.

Also sind die Vorwürfe Unsinn?

Natürlich. Wenn Herr Grassmann behauptet, er habe die Legende gemeinsam mit anderen Leuten vom Abaton-Kino erfunden, dann möchte ich gerne einmal seine Zeugen sehen. Im Übrigen ist er kein Experte, sondern nur ein Kino-Besitzer, der sich gerne im Lichte der Öffentlichkeit sieht.

Haben Sie jemals selbst an der Echtheit der Filme gezweifelt?

Es gab solche Momente, sicher. Doch das war, bevor ich echte Zeitzeugen gefunden und befragt hatte. Danach hatte ich keine Zweifel mehr und habe sie auch jetzt nicht.

Wollten Sie rechtlich vorgehen?

Das überlasse ich meinem Verlag, dem die Aussagen meiner Zeugen vorliegen. Im Übrigen geht es um einen Roman und nicht um ein Sachbuch, was wäre der Gegenstand des Streits - der prozentuale Wirklichkeitsgrad einer Fiktion?

Interview: Oliver Link
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