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Geschäft mit Sexfilmen: Millennials richteten die Porno-Branche zugrunde. Nun könnten sie sie retten

Millennials sind es gewohnt, alles auf Abruf und kostenlos im Netz zu bekommen. Pornos sind da keine Ausnahme. Die milliardenschwere Industrie brachte das an den Rand einer Krise. Doch nun werden ausgerechnet die jungen Nutzer zum Retter der Branche.

Die Millenials könnten zum Retter der ins Straucheln geratenen Pornoindustrie werden.

Die Millenials könnten zum Retter der ins Straucheln geratenen Pornoindustrie werden.

Getty Images

"Millennials kill industries"– diese Formulierung ist in den USA zum geflügelten Wort geworden. Dabei geht es um die Probleme klassischer Industrien, sich an die Nutzungsgewohnheiten der um die Jahrtausendwende geborenen Generation anzupassen. Denn die jungen Konsumenten - allein in den Vereinigten Staaten sind das rund 80 Millionen Menschen mit einer Kaufkraft von etwa 600 Milliarden Dollar, jährlich wohlgemerkt - geben ihr Geld anders als die Vorgängergenerationen aus. Das stellt nicht nur die Hersteller von Autos, Kuhmilch und Pelzmode vor Herausforderungen, sondern auch die Porno-Industrie.

Der Absturz der Pornofilme …

Damals, als die Kunden noch für anonym verpackte DVDs und Mitgliedschaften auf Portalen zahlten, konnte die Porno-Industrie noch gut leben. Experten schätzen, dass 2007 allein in den USA mit Sexfilmen zwischen zehn und 14 Milliarden US-Dollar verdient wurden. Die genauen Zahlen sind nicht bekannt, denn im Gegensatz zu ihren Protagonisten halten sich die großen Player eher bedeckt.

Zehn Jahre später - diverse Seiten im Stil von Youtube gehören mittlerweile zu den Platzhirschen - ist der Markt auf geschätzt fünf Milliarden eingedampft. Nicht, weil die Menschen plötzlich keinen Gefallen mehr an kopulierenden Männern und Frauen gefunden hätten, im Gegenteil. Die meisten Filme wurden schlicht umsonst angeboten. Kostenlose Amateur-Pornos erlebten einen beispiellosen Aufschwung.

"Vor einigen Jahren", sagt Alex Hawkins, Mitarbeiter des Portals xHamster, "gab es Vorhersagen, dass die Millennials der Tod der Industrie sein würden". Denn während ältere Generationen daran gewöhnt waren, für Pornos zu bezahlen, sind Millennials mit einem Zugang zu einem endlosen Strom kostenloser Amateur- oder raubkopierter Filme aufgewachsen. Die Branche ging davon aus, erklärt Hawkins dem US-Portal "Mashable", dass diese aufstrebende Generation nie wieder für Pornos bezahlen müsste oder wollte.

Viele Experten zerbrachen sich den Kopf darüber, wie das Geschäftsmodell zu retten sei. Doch sie alle kamen zu dem Schluss, dass es nur wenige Gründe gab, warum jemand im Kostenlos-Zeitalter für Pornos bezahlen würde: Entweder sei man

  • alt
  • bequem
  • habe einen Mangel an technischem Verständnis
  • eine Neigung zu besonders ausgefallenen Fetischen
  • oder sei vernarrt in bestimmte Stars,

sodass man bereit sei, für Inhalte tief in die Tasche zu greifen. Für den Großteil der Abonnenten, da waren sich alle sicher, sei das kostenlose Angebot jedoch ausreichend.

… und ihr Comeback

Doch in den vergangenen Jahren hat überraschend eine Trendumkehr stattgefunden. Immer mehr junge Menschen begannen, Geld für Medien wie Filme, Musik oder Serien auszugeben, einige sogar doppelt so viel wie ältere Generationen. Mittlerweile haben die meisten Millennials mehrere Streamingdienste abonniert. Untersuchungen zeigen, dass junge Nutzer dabei weniger preissensitiv sind. Sie sind bereit, einen Aufpreis zu bezahlen, wenn der Dienst bequem zu nutzen ist und exklusive Inhalte bietet.

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Hawkins, der Mann von xHamster, sagt, dass die Millennials inzwischen mehr als die Hälfte der zahlenden Premium-Konsumenten auf seinem Portal ausmachen. Ähnliches berichtet Corey Price, Vizepräsident von Pornhub: Seinen Aussagen zufolge machen die Millennials 55 Prozent der kostenlosen Benutzer seiner Website aus, aber auch 66 Prozent der Premium-Benutzer. Die Boomer, einst die lukrativste Zielgruppe, sind nur noch eine Randerscheinung.

Mittlerweile stellen die Millennials die größte zahlende Pornokonsumentenbasis für Produzenten dar und übertreffen die älteren Generationen erheblich, heißt es in dem Bericht. All dies veranlasst Hawkins zu der Behauptung, dass "die Millennials die Retter der Pornoindustrie sein könnten".

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Neue Möglichkeiten für Pornostars

Diese Entwicklung ist nicht nur den Plattformbetreibern bekannt, sondern auch den Darstellern. Die haben sich an die neuen Bedingungen angepasst: Einige versuchen zunächst auf "harmlosen" Plattformen wie Youtube oder Twitch, neue Anhänger zu gewinnen und diese anschließend auf die Bezahlkanäle der Erwachsenenportale herüberzulotsen. Andere konzentrieren sich auf ihre Karriere als Influencer und nutzen die Macht der sozialen Netzwerke, um direkt mit ihren Anhängern in Kontakt zu bleiben. Wer über das nötige Kleingeld verfügt, kann bei seinem Idol maßgeschneiderte Videos bestellen, mit der Angebeteten chatten oder sie gar persönlich treffen. Die Porno-Branche hat längst Aspekte der Dating-Dienste übernommen.

Wie gezielt die Darstellerinnen vorgehen, verrät etwa Cam-Girl Jessica Starling: "Ich habe mein Image, meine Marke und mein Marketing so aufgezogen, dass ich speziell alleinstehende Männer zwischen Ende 20 und Mitte 30 anspreche", sagt sie. Interaktive Webcam-Dienste sind vor Piraterie geschützt, die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Der Pornokonsument ist nicht mehr nur Betrachter, sondern gibt Anweisungen und nimmt an den Handlungen Teil. Zugleich bekommt er das faszinierende Gefühl, hinter die Fassade blicken zu können. Das große Stichwort lautet Authentizität, und dafür sind einige bereit, viel zu zahlen.

Zielgruppe Millennials

Auch die großen Tube-Portale haben sich an die jungen Nutzer angepasst: "Die meisten unserer Marken- und Marketinginitiativen", so Corey Price von Pornhub, "sind mit Blick auf Millennials konzipiert". So greift der Konzern in seinen Kampagnen immer wieder Themen auf, welche die jüngere Generation umtreibt: Im vergangenen Sommer zeigte ein Film etwa ein junges, gutaussehendes Paar, das sich am Strand räkelt - umgeben von Unmengen Plastikmüll. Mit dem Spot versuchte das Pornoportal auf die Verschmutzung der Weltmeere aufmerksam zu machen. "Wir hier bei Pornhub sind dreckig, das heißt aber nicht, dass unsere Strände das sein müssen", sagt Price damals. Niemand weiß, wie lange der Boom anhält. Gut möglich, dass im Falle einer globalen wirtschaftlichen Rezession der Rotstift zuerst bei Unterhaltungsdiensten angesetzt wird und viele sich wieder auf den kostenlosen Konsum beschränken.

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Quellen: Mashable

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