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Deutsches Schauspielhaus in Hamburg: Der böse Jude am Auschwitz-Tag? Bitte lasst dieses Theater!

Muss man Shakespeares antisemitisches Stück "Der Kaufmann von Venedig" - wie am Wochenende in Hamburg - heute noch aufführen? Kester Schlenz meint: Nein! Man sollte es einfach lassen. Gerade in diesen Tagen.

"Der Kaufmann von Venedig"

Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg zeigt Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Joachim Meyerhoff spielt darin den Shylock.

Vergangenen Samstag im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Premiere. Großer Applaus für die Schauspieler und die Regie. Gegeben wurde William Shakespeares Stück "Der Kaufmann von Venedig". Jenes Werk über den Juden und "Wucherer" Shylock, der einem in Bedrängnis geratenen Kaufmann 3000 Dukaten leiht. Unter einer Bedingung: Könne dieser die Summe nicht binnen dreier Monate zurückzahlen, dürfe Shylock dem Schuldner ein Pfund Fleisch aus dem Leib schneiden.

Der Kaufmann hat Pech. Seine Schiffe sinken. Er ist pleite, kann nicht zahlen. Der Schuldschein wird fällig. In Venedig hofft jeder auf die Gnade des Juden, aber der  - ein zutiefst gekränkter und ausgegrenzter Außenseiter - pocht auf den Vertrag. Sein Recht. Er will Rache für alles, was ihm angetan wurde. Und wetzt sein Messer.

Joachim Meyerhoff brilliert als Shylock

Für sich betrachtet war Karin Beiers Stück - zumindest bis zur Pause - eine durchaus gelungene Aufführung. Die Schauspieler: großartig. Allen voran Joachim Meyerhoff als Shylock. Ein tolles Bühnenbild, schöne Kostüme. Man konnte lachen, gebannt sein, sich ärgern, sich wundern oder den Schlussmonolog kryptisch finden. Aber darum soll es hier nicht gehen. Es soll um die Frage gehen, was eine Intendantin dazu bringt, ausgerechnet dieses Stück heute noch auf die Bühne zu bringen. Ja, Karin Beier hat versucht, Zwischentöne zu finden, ironische Distanzierungen einzuarbeiten, Texte hinzuzufügen, andere Figuren in den Vordergrund zu rücken.

Aber am Ende bleibt eines in Erinnerung: der blutgierige Jude. Ein gnadenloser Mensch. Fanatisch. Mit einem Messer in der Hand. Bereit, einem duldsamen Christen das Herz aus dem Leib zu schneiden. Am Ende hindert ihn ein schlauer Richter an der Tat. Er deutet den Schuldschein um. Und er hindert Shylock nicht nur, sondern nimmt dem Juden begleitet vom Gejohle des Publikums auch noch die materielle Existenz. Shylock wird während der gesamten Verhandlung nur verächtlich "Jude" genannt. Man zuckt jedes Mal zusammen. Egal, wie man es dreht und wendet: Shakespeares Stück ist antisemitisch, bedient üble Klischees und Vorurteile über Juden. Punkt.

Der böse Jude am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz 

Gestern wurde bei "Anne Will" über den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland diskutiert. Unter den Gästen eine Auschwitz-Überlebende, deren Erzählungen man gebannt und beschämt folgte. Ihr Fazit: Juden müssen in Deutschland wieder Angst haben. Beinahe jede jüdische Einrichtung in unserem Land muss von der Polizei geschützt werden. Antisemitische Übergriffe häufen sich. Juden mit Kippa trauen sich in einigen Städten nicht mehr in jedes Viertel. Jüdische Schüler werden von Mitschülern drangsaliert. Es beginnt wieder...

Vorgestern begingen wir den internationalen Holocaust-Gedenktag, der an das Leid der Juden und die Verbrechen der Nazis erinnert. Karin Beier ist bestimmt keine Antisemitin. Sie ist da gänzlich unverdächtig. Aber was sagt es über Deutschland, dass am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz der böse Jude in Hamburg auf der großen Bühne erscheint?

Was darf Theater? Eigentlich alles. Aber muss es auch alles tun?