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Docks auf der Reeperbahn Hamburger Club verbreitet "alternative Meinungen" zu Corona - Verband straft daraufhin Chefin ab

Docks auf der Reeperbahn: Hamburger Club verbreitet "alternative Meinungen" zu Corona - Verband straft daraufhin Chefin ab
© Christian Ohde/ / Picture Alliance
Das ging nach hinten los: Der Hamburger Musikclub Docks wollte "alternativen Meinungen" zur Coronakrise eine Bühne bieten und hat dafür vor dem Eingang eine Statement-Wand aufgebaut. Via Facebook und Co. hagelt es Kritik - aber auch aus der Musikszene.Und auch das Clubkombinat zieht Konsequenzen.

Der Hamburger Musikclub Docks hatte eine Idee, wie man den Eingangsbereich der derzeit geschlossenen Location nutzen kann: Auf einer dort aufgebauten Statement-Wand bot der Betreiber Platz für "alternative Meinungen" im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie an. "Wir haben festgestellt, dass im Zusammenhang mit der Corona Pandemie über die Gefährlichkeit als auch über die Angemessenheit der Maßnahmen in den Mainstream Medien sehr einseitig berichtet wird. Kritische Stimmen, insbesondere aus der Wissenschaft, kommen nur selten oder gar nicht zu Wort. Wir möchten im Rahmen unserer Möglichkeiten alternativen Stimmen Gehör verleihen", kündigte das Docks die Aktion über ihre Social-Media-Kanäle an. "Dazu bieten wir unser Flyerboard im Eingangsbereich und diese Wandzeitung an. Wir wünschen uns eine Anregung der Diskussion, eine Relativierung der Informationen und den Abbau der Angst. Nicht zuletzt soll die Diskussion dazu beitragen für den zukünftigen Umgang mit solchen und ähnlichen Problemen menschenfreundliche Strategien zu entwickeln."

Allerdings richtet sich das Angebot nicht nur an Wissenschaftler, sondern an jeden, der seine Meinung verbreiten will. "Jeder, der eine Alternative Meinung im Rahmen eines A1-Plakates äußern möchte, kann uns seinen Text einreichen und wir veröffentlichen ihn auf unserer Plakatwand für einen Unkostenbeitrag von 20 Euro für einen Zeitraum von vier Wochen", so die Betreiberin Susanne Leonard weiter.

Docks in der Kritik

Unter dem Facebook-Post hagelte es Kritik, mehr als 850 User kommentierten das Angebot. "In Vino Verschwöritas", merkte ein User an. Vor allem die Wortwahl des Clubs wird kritisiert. "'Mainstream Medien" vs. "alternative Texte'? Das ist schon lange kein Hippie-Sprech mehr, sondern das Vokabular der durchgedrehten Erleuchteten und der Aktivisten vom rechten Rand. Da würd ich ja mal etwas besser hingucken, in welche Richtung ich mich da anschlussfähig mache. Und ich bezweifle, dass dieser Account hier für das "Team" spricht", schreibt ein User. 

Auch Akteure der Musikszene in Hamburg zeigen sich entsetzt. "Vielleicht sollte man den Laden wirklich dicht lassen oder gleich an Naidoo verkaufen. Ich will da nie wieder eine Band von uns sehen", urteilt ein Mitarbeiter eines Musiklabels. 

Das Docks selbst zeigt sich verwundert über die Kritik. "Wir sind über die negativen Kommentare sehr verwundert. Wir würden unter den jetzigen Umständen niemals öffnen und wir haben auch nie davon gesprochen, das Leben anderer oder das unseres Personals in Gefahr bringen zu wollen. Wir waren die Ersten die schließen mussten und wir werden erst wieder öffnen, wenn wir alle das "Go" dafür bekommen und unsere Gäste, wie auch Personal, sicher sind. In diesem Post geht es lediglich darum, alternativen Meinungen einen Platz zu bieten und außerhalb der digitalen Welt vor Ort zu diskutieren oder sich auszutauschen", heißt es in einem Kommentar des Clubs.

Hamburger Clubverband beschäftigt sich mit dem Aufruf

Der Betreiber der Live-Location bekam wohl schneller als erwartet die Chance, sich "auszutauschen", denn das Hamburger Clubkombinat, der Interessenverband der Hamburger Club-, Party- und Kulturereignisschaffenden, soll bereits eine Krisensitzung einberufen haben, erfuhr der stern von Brancheninsidern. Demnach sind einige Mitglieder des Verbandes gegen den Meinungswand des Clubs auf die Barrikaden gegangen. Inzwischen hat das Clubkombinat reagiert. Denn Leonard ist nicht nur die Betreiberin des Docks, sondern auch Vorsitzende des Verbands, der als Verein organisiert ist. Dieses Amt ist sie nun los, wie es in einer Mitteilung hieß. "Um in den Diskussionen zu der Aktion weiteren Schaden vom Verband, seiner Vereinsarbeit, seinen Mitgliedern und der Clubkultur abzuwenden, sieht sich der Vorstand in der Pflicht Susanne „Leo“ Leonhard per sofort vom Amt des Vorstandsvorsitzes im Clubkombinat e.V zu entbinden." Das Clubkombinat weist darauf hin, dass der Verein sich "gegen jegliche Formen von Populismus, Rassismus und Diskriminierung" stelle.

Für das Docks, durch den Lockdown und die geltenden Regelungen seit Monaten geschlossen, führt die alternative Meinungswand nun offenbar zu viel größeren Problemen als nur etwas Facebook-Kritik. 

kg

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