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Kritik

Netflix: "Breaking Bad"-Film: "El Camino" ist die Fortsetzung, die die beste Serie der Welt verdient hat

Fans von "Breaking Bad" werden vom Nachfolger-Film "El Camino" nicht enttäuscht sein. In der Netflix-Produktion tritt Jesse Pinkman endlich aus dem Schatten seines Mentors Walter White – und mit ihm auch Schauspieler Aaron Paul.

Breaking Bad

Regelmäßig wird "Breaking Bad" in Zuschauerabstimmungen über die besten Serien aller Zeiten nach vorne gewählt. Kein Wunder also, dass Fans mit großer Spannung auf den "El Camino", den Film zur Serie, gewartet hatten. Als der Film am Freitagvormittag auf Netflix veröffentlicht wurde, glühten vielerorts die Streamingdrähte. Und "Breaking Bad"-Liebhaber werden nicht enttäuscht: "El Camino" ist die Fortsetzung, die die beste Serie der Welt verdient hat.

Der Film schließt direkt an das Serienfinale aus dem Jahr 2013 an, führt den Zuschauer aber in vielen Rückblenden auch immer wieder zurück in das "Breaking Bad"-Universum. Zur Erinnerung: Walter White alias Heisenberg, der Chemielehrer, der nach seiner Krebserkrankung zum Drogenkoch und schließlich mit einiger Brutalität zum Chef eines Drogenimperiums avanciert war, war in der letzten Folge gestorben. Sein Partner Jesse Pinkman konnte sich aus den Fängen einer Neonazi-Bande befreien und in einem Chevrolet El Camino fliehen. (Eine Zusammenfassung der Handlung von "Breaking Bad" können Sie hier nachlesen.)

"El Camino": Jesse Pinkman sucht ein neues Leben

Ohne große Umschweife lässt Regisseur und Serienschöpfer Vince Gilligan seinen Film direkt dort einsetzen: Jesse auf der Flucht, auf der Suche nach einem neuen Leben. Der ehemalige Drogendealer muss Geld auftreiben, sich eine neue Identität zulegen und versuchen, "alles wieder gutzumachen" – ein Wunsch, den er schon lange hegt. Aber dafür sind Walter White und Jesse Pinkman wohl zu weit gegangen.

Über fünf Staffeln hinweg stand Jesse Pinkman im Schatten des skrupellosen Masterminds Walter White. Jetzt tritt er aus diesem heraus – wie der zwielichtige Anwalt Saul Goodman bekommt auch Jesse von den "Breaking Bad"-Machern seine eigene Würdigung. Und er hat von seinem ehemaligen Chemielehrer gelernt: In "El Camino" ist es Jesse, der immer weiß, was zu tun ist, rational entscheidet und kluge Pläne ausheckt. Drogen spielen in "El Camino" keine Rolle mehr. Aber wer sein Kriminellenleben hinter sich lassen will, der braucht zunächst jede Menge Geld dafür, und das bekommt man in diesem Milieu nicht ohne Waffen, Blut und Kopfschüsse.

Herausragende Schauspielleistung von Aaron Paul

Trotzdem bleibt Jesse Pinkman der sympathische Antiheld, als den wir ihn in "Breaking Bad" kennengelernt haben. War er in der Serie noch der von Drogenrückfällen und Skrupeln geplagte Mittäter, sind es nun die Dämonen seiner Vergangenheit, die ihn jagen. Pinkman ist ein Wrack, ein schwer traumatisierter junger Mann, der wie ein wildes Tier Essen in sich hineinstopft und Anzeichen von Verfolgungswahn zeigt. Die ausführlichen Rückblenden im Film lassen erahnen, unter welch grausamen Bedingungen er von der Nazigruppe in einem Käfig gefangen gehalten wurde – diesen Teil haben die Autoren von "Breaking Bad" in der Serie noch übersprungen.

Doch nicht nur Jesse Pinkman emanzipiert sich in "El Camino" von Walter White – auch Schauspieler Aaron Paul bekommt endlich die große Bühne, die ihm als Sidekick von White-Darsteller Bryan Cranston immer ein Stück weit verwehrt geblieben war. Drei Emmys bekam er für seine Rolle in "Breaking Bad", und würde sich die Academy für Netflix-Produktionen interessieren, wäre Paul sicherlich auch ein Oscar-Anwärter. Nicht nur die schauspielerischen Leistungen, auch Setting, Plot und Atmosphäre des Films stehen der Serie in nichts nach.

"Breaking Bad" nimmt keinen Schaden

Das ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Es gibt unzählige Beispiele, wie Serienmacher den richtigen Moment für den Absprung verpasst haben, weil Zuschauerzahlen und Einnahmen zu verlockend waren. Vince Gilligan hat nicht nur die Serie auf meisterhafte Weise auf dem Zenit enden lassen, sondern auch die Befürchtungen, er könnte dieses Vermächtnis mit einem halbgaren Sequel beschädigen, widerlegt. Alle Fans, die "Breaking Bad" geliebt haben, werden in "El Camino" einen würdigen Nachfolger vorfinden.

Und sie dürfen sich auf eine Szene besonders freuen: Walter White und Jesse Pinkman sind wieder vereint. Lange war spekuliert worden, ob White das Serienende vielleicht doch überlebt hätte und im Film zurückkehrt. Nun sind beide in einer Rückblende zu sehen – White versucht Jesse beinahe väterlich davon zu überzeugen, noch aufs College zu gehen und BWL zu studieren. Für Walter White gab es kein Happy End. Für Jesse Pinkman – wer weiß.