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"Buddenbrooks" im Fernsehen: Der Untergang des Bürgertums

Es ist die Geschichte von Reichen und Neureichen, Spießern und Blaustrümpfen, Heiratsschwindlern, Hypochondern und Bankrotteuren, die den jungen Thomas Mann weltberühmt machte. Aus diesem Stoff hat Heinrich Breloer mit einer erstklassigen Besetzung einen neuen Spielfilm gemacht, der an Weihnachten im Fernsehen zu sehen ist.

Von Birgit Lahann

Heinrich, sagt Gernot Roll zu Breloer, lass uns mal die nächste Szene stellen, die Trauung. Du bist Grünlich, ich bin die Tony. Und da stehen der Regisseur und sein Kameramann zwischen Rosen und Girlanden, und Breloer sagt: Wenn er den Schleier hebt und sie küsst, merkt sie, es ist der falsche Kuss vom falschen Mann. Diesen bitteren Augenblick will ich groß im Bild haben.

Ja, sie sind ein erfolgreiches, preisgekröntes Team, haben schon "Die Manns" gemeinsam gedreht und "Speer und Er". Breloer ist der Kopf und Roll die Seele. Zunächst waren ihre "Buddenbrooks" in den Kinos zu sehen: Sie sind herrliches Hollywood geworden mit großen Gefühlen großbürgerlicher Menschen. Es herrscht dort mehr Sentiment als Mann'sche Ironie. Breloer macht eben aus seinen Buddenbrooks keine Karikaturen wie im alten Film mit Liselotte Pulver und Hansjörg Felmy. Da fällt es schon schwerer, zu verstehen, warum Tony den Grünlich partout nicht heiraten will und dem Permaneder davonläuft.

Unvergessliche Szenen

Aber was für Bilder! Detailbesessene Gemälde rauschen über die Leinwand: Lübeck vor hundertfünfzig Jahren, Kutschen, Segelschiffe, Märkte, Meer und Kornfelder, gelb und saftig, und über allem steht wie ein Menetekel, wie ein Gleichnis zur aktuellen Finanzkrise - der Bankrott. Die Geldgier. Die Spekulation an der Börse. Der Welthandel mit Indien. Der Bonus. Die Luftgeschäfte. Die ungedeckten Wechsel. Da schreiten Herren mit Zylinder in langer Schlange an Getreidesäcken vorbei, als gingen sie zur Heiligen Messe. Das sind unvergessliche Szenen, die Breloer da erdacht hat.

Und was für eine Zeit war das viele Wochen lang am Set. Dabei wurde oft am laufenden Band gedreht. Wie eine Serie. Manchmal bis in die Nacht hinein. Und ich kürze und kürze und schreibe neu, sagt Breloer. Wie schläft er nach täglich achtzehn Stunden Stress? Mit Baldrian. Und weiter geht's. Junge, sagt Roll zum Pagen mit dem Champagner, da kannst du nicht stehen. Du musst dir merken: Wenn's am Hintern heiß wird, stehst du mitten im Licht.

Dann kommen sie, kommen die breite Treppe hoch zur Hochzeit in Frack und Zylinder und Wolken aus Taft und Seide: Johann, Elisabeth, Thomas, Tony und Christian Buddenbrook, Bendix Grünlich, Ida Jungmann, Kesselmayer, die Möllendorpfs ... fast das gesamte Personal aus Thomas Manns Roman, über den sich die Lübecker so schrecklich geärgert haben, weil viele sich wiederzuerkennen glaubten in Bankern, Bankrotteuren, Spießern, Heiratsschwindlern, Blaustrümpfen oder Hypochondern. Und schlaue Buchhändler boten damals beim Kauf auch noch Listen zur Entschlüsselung der Figuren an.

"Buddenbrooks". Was für ein Stoff! Glanz und Untergang einer hanseatischen Kaufmannsfamilie. Bruderzwist, Mesalliancen, Revolution, je, Herr Kunsel, ick segg man bloß: Wi wull nu 'ne Republike … Und als der alte Konsul Buddenbrook sagt, dass sie doch schon eine haben, kommt der berühmte Satz: Denn wull wi noch een! Thomas Mann beschreibt seine Figuren erbarmungslos: den Betrüger Grünlich mit erbsenfarbenen Beinkleidern und goldgelben Favoris, Tony mit dem Hang zu Hoffart und Eitelkeit und dem sicheren Griff zu falschen Männern. Aber nie, niemals würde sie das Wort sagen, das der zweite Gatte, der bayerische Herr Permaneder, ihr nachgebrüllt hat, das Wort, das zur Scheidung führte. Und dann plaudert sie es doch aus: Geh zum Deifi, Saulud'r dreckats! Die verwitwete Konsulin hält bigotte "Jerusalemsabende" ab, und Kaufmann Möllendorpf, dem alles süße Gebäck mit sanfter Gewalt entzogen wurde, mietet sich heimlich ein Zimmer, in dem er so lange Kuchen frisst, bis er entseelt zusammenbricht. Und in der ganzen Stadt, in der Börse, im Klub, in der Bürgerschaft, in allen Kontoren, auf Diners und Bällen wird über diesen tollen Tortentod gelästert und gelacht.

Bruderkrieg

Christian, dem Narren, gibt Thomas Mann zu kurze Nerven, lässt ihn eine leichte Dame vom Tingeltangel heiraten und schickt ihn am Ende des Romans mit Wahnideen in die Nervenheilanstalt. In der hasserfüllten Auseinandersetzung der feindlichen Brüder hatte Thomas Buddenbrook, der Kühle, Selbstgerechte, ihm entgegengebrüllt: Ich bin geworden, wie ich bin, weil ich nicht werden wollte wie du. Nein, es sind nicht Thomas und Heinrich Mann, die sich hier bekriegen, doch die künftigen Kämpfe, die beide Brüder miteinander ausfechten werden, werfen im Roman ihre Schatten voraus.

Und Hanno Buddenbrook, der letzte Spross der Familie, ein kränklicher, sensibler Träumer, zieht ahnungsvoll mit dem Lineal einen Strich unter seinen Namen im Familienbuch. Ich glaubte, sagt er dem aufgebrachten Vater, ich glaubte ... es käme nichts mehr. Und es kommt nichts mehr. Hanno wird an Typhus sterben, und sein Vater, der Senator, krepiert an einem faulen Zahn, fällt einfach so auf der Straße um. Da ist, wie bei einer frühen Globalisierung, die Konkurrenz längst an Buddenbrooks einst so glanzvoller Getreidefirma vorbeigerauscht, hat längst das Stammhaus der Familie weit unter Wert erworben. "Buddenbrooks", das sind 800 Seiten große Erzählkunst. Das Buch, das in Lübeck wie eine Bombe eingeschlagen war, wurde bald ein Bestseller, und Heinrich Mann schrieb über seinen Bruder: Als sein Roman mitsamt dem Erfolg da war, habe ich ihn nie wieder am Leben leiden gesehen.

Lübeck im August. Eine Stadt in Verkleidung. Junge und Alte spielen Volk oder Revoluzzer, hocken ums Rathaus herum, rauchen, reden, trinken Bier. Wer hat den Roman gelesen? Niemand. Man erklärt uns doch, was wir machen müssen, sagt einer. An der Absperrung stehen Neugierige, die auf den alten Konsul warten, auf Armin Mueller-Stahl. Bei seinem Anblick geht für sie Hollywood auf. Dürfen wir ein Foto mit Ihnen machen? Sie dürfen. Auch der Bürgermeister Bernd Saxe möchte ein Foto mit dem Star. Er sagt, die Zeiten haben sich geändert. Heute sind die "Buddenbrooks" für die Stadt ein Segen und ein Exportartikel.

"Lustlektüre"

Drehpause. Ein Kaffee in der Mittagssonne. Ein Plausch mit Mueller-Stahl. Wann hat er den Roman zum ersten Mal gelesen? Mit achtzehn, sagt er, als ihm die Mandeln rausgenommen wurden. Da hat er die "Buddenbrooks" gelesen. Sie waren für ihn eine Lustlektüre. Er sah die Figuren vor sich, sah sie überall. Wenn ich auf die Straße ging, sagt er, kam mir Bendix Grünlich entgegen. Ist es ihm schwergefallen, auf Tom Cruise und dessen "Stauffenberg" zu verzichten, der zur selben Zeit gedreht wurde? Also die Rolle des Generaloberst Beck, der nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli zum Selbstmord gezwungen wird, den hätte er schon gerne gespielt. Hätte den Amerikanern gerne den guten Deutschen gezeigt, den es neben den guten Amerikanern mit Luftbrücke und Care-Paketen eben auch gegeben hat. Wenn die Amerikaner die Deutschen immer nur als Nazis sehen, sagt Mueller-Stahl, machen sie ihren Sieg über uns doch nur kleiner.

Aber hat er mit seinen Rollen, die er in Hollywood gespielt hat, das Bild vom hässlichen Deutschen nicht längst korrigiert? Ja, das findet er auch. Und er hat sich für Breloer entschieden, weil er schon den Thomas Mann mit ihm gedreht hat und seine Arbeit wirklich schätzt. Aber er hat ihm auch gesagt: Heinrich, mach es bitte modern. Es muss ein heutiger Film sein.

Wird es, sagt Breloer lachend und setzt sich mit seinem Kaffee dazu. Die Buddenbrooks haben nämlich sehr persönlich mit ihm zu tun. Er ist der Sohn eines Mehlgroßhändlers, sollte auch die Firma seines Vaters übernehmen, wollte es auch, wollte wie der gute Sohn Thomas sein, so nach dem Leitspruch des alten Buddenbrook: Sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bei Nacht gut schlafen können. Doch dann kamen die 60er Jahre, er studierte Philosophie und Literatur, gab nun eher den Christian Buddenbrook, wurde kein Kaufmann, sondern machte Filme, und Thomas Mann und dessen Sippe begleiteten ihn bis zu diesem Riesenprojekt, diesem Geschäft von einiger Größe, das gut 16 Millionen kostet und damit nach dem "Boot" das gewaltigste Unternehmen ist, das die Bavaria je gestemmt hat.

Eleganz auf Knopfdruck

Augsburg im Oktober. Gedreht wird im Kurhaus Göggingen. Der pompöse Ballsaal flirrt in Gold und Kerzenlicht unter Wolken aus der Nebelmaschine. Ich möchte ein Bild, anmutig wie ein Degas, sagt Breloer. Und los. Eine Tanzlehrerin zählt den Takt, eins - zwei - drei, und sei-en-Sie-doch-bitte-ganz-glück-lich-jetzt! Und grüne, gelbe, graue, blaue, türkis-, champagner-und burgunderfarbene Reifröcke wirbeln mit schwarzen Fräcken übers Parkett, dass Löckchen, Häubchen und Schnecken nur so fliegen. Ach Kinder, sagt Gernot Roll am Monitor, nicht fegen! Wiegen! Ich will den Wiegeschritt sehen.

Draußen sind schwarze Limousinen vorgefahren. Die Geldgeber. Sie werden erwartet. Einen Kaffee? Ja, gerne. Dann möchten sie sehen, wo ihre Euros abgeblieben sind. Wow! Was für eine Kulisse! Wo ist der Regisseur? Also Glückwunsch, Herr Breloer! Und könnte man vielleicht ein Foto machen? Mit Frau Berben? Und Herrn Mueller-Stahl? Wissen Sie, unsere Frauen ... Und da stehen die Krösusse im Kerzenlicht wie in einer Szene aus Helmut Dietls "Rossini". Auch da war Roll der Kameramann. Auch da hat er dieses wunderbare Licht gemacht. Und einer der Geldgeber sagt im Film: Ich hab ein gutes Gefühl! Das haben diese Herren auch. Ja, ein gutes Gefühl.

Aus Iris Berbens Wohnwagen klingt Tschaikowsky. Störe ich? Nein, sagt sie, kommen Sie rein. Ihr kleines, weißes Hundeknäuel verteidigt seinen Platz und quietscht auf einem Gummihuhn herum. Er ist die Wiedergeburt von Buster Keaton, sagt sie. Er hat seinen Charakter und lacht nie. Heißt er Buster? Nein, Paul. Damals sei das mit Buster noch nicht erkennbar gewesen.

Die besondere Sprache

Die "Buddenbrooks" hat sie in der Untertertia gelesen. Lesen müssen. War verordnete Lektüre. Man hat sich so durchgequält. Heute genießt sie Thomas Manns Sprache, die im Film, wie sie sagt, in Bilder umgesetzt werden muss. Ja, es sind die kurzen Sätze, die Stichwörter aus dem Roman, die wie Blitzlichter die Fantasie der Zuschauer in Bewegung setzen müssen. Und natürlich denkt sie auch schon mal: Was hast du eigentlich mit Anfang zwanzig gemacht, als Thomas Mann sich den Nobelpreis erschrieb? Aber er hatte natürlich den Bonus seiner Zeit, sagt sie. War nicht abgelenkt wie wir heute mit Zeitungsfluten, Handys, Fernsehen, Internet. Ist doch ein Geschenk, sollte man denken. Aber will man das wirklich alles so genau wissen? All die Katastrophen? Und schon sind wir bei der Neonazikatastrophe, beim Film über das Leben des Nazijägers Simon Wiesenthal und bei ihren Lesungen mit Johannes Mario Simmel gegen das Vergessen. Ja, der alte Mario, immer großzügig, ruft an, schickt Blumen, und einmal, sagt sie, als ich in Monte Carlo drehte und Geburtstag hatte, kam von ihm eine Torte, die nicht durch meine Hotelzimmertür passte. Und ich hatte eine Flügeltür.

Mittagessen. Allen Schauspielern werden lange Schürzen umgebunden. Dass bloß keine Flecken auf die Kostüme kommen. Die hat Barbara Baum entworfen. Auch eine Preisgekrönte. Sie hat schon Hanna Schygulla eingekleidet, Klaus Maria Brandauer, Jeremy Irons, Meryl Streep, Glenn Close, Burt Lancaster, Julie Christie, und immer noch ist sie mit Feuer dabei. Schwärmt von dem schottischen Ehepaar, das sie für die Buddenbrook-Entwürfe wieder besucht hat. Ach, die beiden, spitz und verschrumpelt, vielleicht 60, vielleicht 70, aber bezaubernd. Und da wühlt sie dann in Stoffen und Bordüren herum. Wie im Rausch, sagt sie.

Jessica Schwarz spaziert in ihrem Ballkleid über den Hof. Mal wieder am Handy. Sie spielt Tony Buddenbrook, die jeder von Liselotte Pulver kennt. Hat sie den Film gesehen? Breloer hat ihr gesagt: Guck ihn dir an. Ein paar Tage ist sie um die Kassette herumgeschlichen. Und dann hat sie gesagt: Nein. Guck ich nicht an. Lieber hat sie den Roman noch mal gelesen. Verschlungen, sagt sie.

Köln im November. Im großen Studio des Coloneums steht das Buddenbrook-Haus - nachgebaut. Eins zu eins. Parterre, erster und zweiter Stock, Küche, Kontor, Aufgänge, Salons, Privatgemächer - lichtdurchflutet. Der Feuerwehrmann sitzt im Götterzimmer unter Amor und Psyche und liest Harry Potter. Sunnyi Melles, bleich, blond und zart, rauscht in taubenblauer Robe zum Set. Ist doch schöner als Armani, sagt sie, erinnert an die Wasserblumen von Monet, gell? Sie sieht aus wie die junge Leni Riefenstahl. Deren Leben soll doch verfilmt werden. Hat sie noch kein Angebot bekommen? Ach, sagt sie strahlend, das wäre eine Rolle!

Facettenreich

Und dann kommt Tonys Bräutigam, Bendix Grünlich - ohne goldgelbe Favoris, also ohne Koteletten - ins geschmückte Hochzeitszimmer. Justus von Dohnányi spielt ihn, und er findet die Rolle herrlich. Der Kerl macht doch allen etwas vor. Spielt den seriösen Kaufmann, der sich umbringen will, wenn er die Tony nicht bekommt. Spielt dann den Liebhaber, und als er endgültig Bankrott macht, mimt er den reuigen Sünder. Also was will er mehr. Den Roman hat er schon mit fünfzehn in der Schule lesen müssen. Lustlos, sagt er, war Stoff. Und den Film mit Pulver und Felmy fand er viel zu ernst und humorlos, fast spießig. Nur Hanns Lothar als Christian ist unvergessen.

Roll ruft nach den Beleuchtern. Alle wieder in den Erdlöchern verschwunden, wenn man sie braucht, was? Er ist immer wach und witzig. Verliert nie den charmant lakonischen Ton. Breloer hat in der Nacht wieder mal Texte gekürzt und verteilt sie. Barbara Baum leidet laut, weil der künstliche Hagel, der Buddenbrooks gekaufte Ernte vernichtete, Flecken auf den kostbaren Gewändern hinterlassen hat. Jessica Schwarz mault, weil es nicht weitergeht. Ich glaub, wir streiken langsam mal, sagt sie. Blöde Zicke, zischt einer. Und Léa Bosco, die Gerda Buddenbrook spielt, die Frau des Senators, versteht kein Deutsch und hat auch den kurzen deutschen Satz nicht gelernt, den sie gleich sagen soll. Also kann einer ihr mal den Satz beibringen? Breloer, ruhig und freundlich wie immer, erklärt ihr noch einmal die Szene auf Englisch. Und als dann endlich gedreht wird, brüllt Mark Waschke alias Thomas Buddenbrook: Da unten wird geredet! Ja? Wir haben nichts gehört. Ich aber!, schreit Waschke. So kann ich nicht arbeiten! Ja, die Nerven liegen so kurz vor dem Ende der Dreharbeiten schon mal blank. Nein, in der Schule hat er die Buddenbrooks nicht gelesen, sagt Waschke in der Mittagspause. Aber was für ein Roman! Und was für eine Menschenkenntnis dieser Thomas Mann mit Anfang zwanzig hatte. Als er so alt war, hat er Ersatzdienst gemacht und eine Patientin mit Multipler Sklerose betreut.

Und Thomas Mann? Absolviert damals seinen Militärdienst und glaubt, dass der Krieg mit seiner Nähe zum Tod den Soldaten veredele. Als er 1899 an den Buddenbrooks sitzt, verdient er sich sein Geld noch mit der stupiden Redaktionsarbeit im "Simplicissimus", was für ihn zeitraubender Quark ist. Damit er wenigstens zwei Stunden täglich an seinem Roman arbeiten kann, muss er sich, wie er schreibt, auch die angenehmsten Ablenkungen versagen. So sitzt er denn Abend für Abend in seiner Junggesellenwohnung, und über ihm leuchtet das Dreigestirn Nietzsche, Schopenhauer, Tolstoi. Er liest die Giganten auf seinem Kanapee, und sie beflügeln seine Gedanken. Von Nietzsche lernt er, dass Religion ein Narkotikum ist und der Nationalismus die kulturwidrigste Krankheit. Schopenhauer mit seiner Philosophie der Selbstaufgabe und der Todessehnsucht bestimmt das Ende des Romans. Und bei Tolstoi geht er in die Schule der Komposition.

Große Idole

Hat Iris Berben einen Philosophen in der Tasche? Als junges Mädchen, sagt sie, hat sie Khalil Gibran gemocht. Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken, denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf ... Also solche Sätze. Das war Lebenshilfe. Später hat sie Nietzsches "Zarathustra" im Rausch gelesen. Und 1968 war dann Sartre ihr Idol. Sie schwärmt für ihn und sieht ihn tatsächlich eines Tages in Paris im Café sitzen. Mit Simone de Beauvoir. Sie ist wie elektrisiert. Geht auf die beiden zu und stellt sich vor, und er ist ganz spröde und abweisend. Aber die Beauvoir war nett. Setzen Sie sich doch an unseren Tisch, sagte sie. Und ich hatte mein ganzes Französisch vergessen, stammelte nur auf Englisch. Heute, sagt Iris Berben, ist sie für Theorien nicht mehr zu haben. Heute ist es ein Suchen und ein Fragenstellen.

Wie spielt sie ihr Ende? Thomas Mann hat der Konsulin dieses lange, elende Ende beschert. Ich sterbe erst am Dienstag, sagt sie, am letzten Drehtag. Und dann liegt sie im Sarg, und die Kinder verabschieden sich von ihr. Das ist schon gedreht. Das hat Heinrich Breloer mir nicht zumuten wollen, sagt sie, dass ich in einen Sarg steige. Dabei hätte sie es getan, aber Breloer hat ein Dummy von ihr gießen lassen. Sie hat es sich angeguckt und war ziemlich irritiert über die Ähnlichkeit. Wie ein Zwilling lag die Puppe da im Kasten.

Achtung, ruft einer von unten hoch, der Staatsminister ist vorgefahren, möchte mal wieder die Luft am Set riechen! Gut, sagt Breloer, dann machen wir eine Pause. Tonys Trauung wird unterbrochen. Die Blumenstreuer hängen auf der Treppe und mopsen sich. Eins der Mädchen fragt: Sind wir die Kinder der Braut? Nein, sagt die Assistentin, so war das damals noch nicht. Der Kulturstaatsminister kommt mit kleinem Stab hoch, begrüßt das Ensemble, nein, er möchte nicht lange stören, nur ein bisschen zugucken. Breloer schenkt ihm die Buddenbrook-Klappe. Die wird Bernd Neumann in sein Büro hängen, sagt er. Und dann guckt er ein bisschen zu. Was hat er mit Anfang zwanzig gemacht? Keine Romane geschrieben, sagt er. Nach dem Abitur kamen Bundeswehr und Studium. Da hat er dann allerdings im Studententheater mitgespielt. Was wurde gegeben? Absurde Stücke. Ionesco.

Am Abend, nach dem Drehen, gehe ich mit Armin Mueller-Stahl essen. Wir trinken Kölsch und reden über Thomas Mann. Er kennt ihn gut, den Großschriftsteller, der wohl vornehmlich für die Unsterblichkeit geschrieben hat. Mueller-Stahl hat ihn bei Breloer gespielt. Unvergessen. Hat dabei nie versucht, die eitlen Posen des Autors zu kopieren. Er ist kein Imitator. Er ist Interpret. Beim Lesen empfindet er Thomas Mann oft als schwerfällig. Er ist eben nicht minimal, sagt er. Max Frisch dagegen liest er gern. Der hat die Knappheit. Das findet er schön. Aber an Thomas Mann gefällt ihm auch wieder, dass der ein Gaukler ist, der gerne vorgelesen hat. Das bringt ihn in meine Nähe, sagt Mueller-Stahl.

Fragen ohne Antworten

Und erzählt, dass er in Zukunft nur noch wenige Filme drehen will, dass er sich wahnsinnig darauf freut, mit Musik und Malerei auf Wanderschaft zu gehen. Sich mit Noten und Farben ein wenig ins Unendliche, ins Jenseits hineinzudenken. Er hätte ja auch gern komponiert. Kunst ist doch das Einzige, sagt er, womit man über den Tellerrand des Lebens gucken kann. Aber diese Scheiß-DDR! Sagte: Was du schreibst, taugt nichts. Was du komponierst, taugt nichts. Du kannst Theater spielen. So hab ich 25 Jahre Theater gespielt, sagt er. Was er wirklich wollte, sei doch heute gar nicht mehr aufzuholen.

Nein, einen Philosophen, wie Thomas Mann ihn beim Schreiben der Buddenbrooks brauchte, hat er nicht. Sie haben ihm alle nichts gesagt. Er hat sie immer wieder zugeklappt. Mit viel Anstrengung hat er Hegel gelesen. Ach, sagt er, das kann man wirklich alles einfacher sagen. Und die Fragen, die er hat, die kann ihm ohnehin keiner beantworten. Also: Was ist nach dem Tode. Weiß niemand. Niemand ist von dort zurückgekommen. Religionen sind Geisteskrankheiten, hat mal einer gesagt. So weit würde er nicht gehen. Er sieht Religionen eher als Trostspender. Aber ein Jenseits? Wird es wohl nicht geben. Und Gott, sagt er, hat mich so ausgestattet, dass ich denke: Da ist nichts. Er habe sich damit abgefunden, dass die Wunder dieser Welt unerklärbar bleiben.

Und der Tod? Sie starben als Thomas Mann, sage ich, Sie sterben als Konsul Buddenbrook, Sie wären als Generaloberst Beck gestorben ... Ich sterbe ja immer, sagt Mueller-Stahl und lacht, alles Generalproben. Aber im Ernst. Sterben ist im Film ein technischer Vorgang. Ich versuche, Emotionen nicht an mich rankommen zu lassen. Die Emotionen sollen beim Publikum kommen. Dafür muss man eben ehrlich und wahrhaftig lügen, sagt er. Ich sterbe ja nicht wirklich.

Die ARD zeigt eine um 40 Minuten verlängerte Fassung des Kinofilms am 27. und 28. Dezember jeweils um 20.15 Uhr. Arte bringt die drei Stunden lange Fassung in einem Rutsch am 23. Dezember um 20.15 Uhr.

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