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"Der Drachenläufer": Das verlorene Paradies

Im Roman Drachenläufer zeichnete Khaled Hosseini ein ungewohntes Bild seiner Heimat Afghanistan. Der Regisseur Marc Forster hat den Bestseller über eine Jugendfreundschaft in Kabul nun bewegend verfilmt.

Von Christine Kruttschnitt

Der Mann braucht einen Bartschneider. "Roya, Liebling", raunt Khaled Hosseini ins Telefon, "bring ihn mir bitte mit, ich sehe aus wie ein Terrorist." Dann setzt er sich in seinem blütenweißen Hemd aufs Sofa, mit diesen drahtig-viril auf Kopf und Wangen und aus dem Hemdkragen und auf den Handrücken sprießenden Haaren, und spricht behutsam über die Kollision der Kulturen. "Die Amerikaner haben sich so... so zivilisiert verhalten nach dem 11. September, mir gegenüber. Nicht eine einzige feindselige Bemerkung habe ich gehört. Stellen Sie sich die Situation umgekehrt vor - in Afghanistan hätte es auf den Straßen vermutlich Lynchmorde an Ausländern gegeben." Khaled Hosseini lächelt verlegen - immerhin ist Afghanistan seine Heimat, aber Amerika ist das nun auch, und beide Länder liebt er sehr.

Im einstigen Hippie-Paradies Kabul wurde er 1965 als Sohn eines Diplomaten und einer Lehrerin geboren; in Kalifornien studierte er Medizin, arbeitete acht Jahre lang als Internist und schrieb derweil das Buch, das sein Leben verändern sollte. "Drachenläufer" hat ihn nicht nur zum internationalen Bestsellerautor gemacht, sondern auch zum Botschafter von Zentralasien, zum Fachmann für abendländisch-islamische Beziehungen und wahrscheinlich auch zum Kenner von Problemen ethnischer Minderheiten aller Nationen, die auf -istan enden.

Er seufzt. Das jedenfalls ist sein Eindruck, wenn er die Briefe liest, die seit 2003 aus der ganzen Welt auf seinem Schreibtisch im kalifornischen Küstenstädtchen San José landen. Seine Leser bedanken sich nicht nur für die anrührende Geschichte einer Jungenfreundschaft im alten Kabul, sondern dafür, dass Hosseini das Fenster zu einer Welt für sie aufgestoßen hat, hinter dem sie bislang nur Elend, Krieg, Armut, Osama bin Laden und schwelenden Hass auf ihre eigene Kultur vermuteten. Widerwillig, bekennen seine Fans in ihren Zuschriften, hätten sie zu dem Buch gegriffen, eben nur, weil Freunde es ihnen so dringend ans Herz legten... und dann, welch Offenbarung! Verpackt in eine spannende Erzählung all diese universellen Erkenntnisse über Väter und Söhne, Verrat und Abbitte, Schuld und Toleranz. Hosseini zieht eine kleine Grimasse. "Manche schreiben mir, sie wussten gar nicht, dass es Bäume gibt in Afghanistan. Im Fernsehen sähe man immer nur öde Ebenen, über die Panzer rollen. Ich lebte damals in einem friedlichen Land. Man konnte drei Wochen in die Ferien fahren und musste nicht mal das Haus abschließen."

Eine delikate Szene

"Bewegend", "kraftvoll", "unvergesslich": Mit solchen Attributen von Kritikern ausgezeichnet und von Lesern weitergereicht, wuchs Hosseinis Erstling ganz ohne großes Werbebudget zum Phänomen heran. Beinahe ironisch findet es Hosseini, dass durch die Verfilmung seines so versöhnlichen Buches nun wiederum Menschen in Gefahr geraten könnten. Es geht um eine Schlüsselszene in Hosseinis Roman: Der wohlsituierte jugendliche Held Amir beobachtet, wie sein Freund Hassan von einer Gruppe älterer Jungen gegängelt und vergewaltigt wird.

Wir befinden uns im Kabul der 70er Jahre - vor der sowjetischen Invasion, vor dem Albtraum-Regime der Taliban, in einem säkularen Land an der Schwelle zur Modernität, lebendig und fremdartig und von atemberaubender Schönheit. Hassan ist der Sohn eines Domestiken in Amirs Zuhause, ein furchtloser, geschickter Junge, der allen anderen Kindern in Kabul beim jährlichen Drachenfestival überlegen ist, dabei weder schreiben noch lesen kann und als Angehöriger der Hazara von den in Kabul dominierenden Paschtunen verachtet wird. Amir - gebildet, verträumt und schwächlich - schaut der Vergewaltigung zu und tut nichts, um seinem Freund zu helfen. Er wird sich sein Leben lang schuldig fühlen und erst viele Jahre später Gelegenheit finden, sein Versagen wiedergutzumachen.

Die Szene liest sich so, dass man sich das meiste einfach denkt: "Ich biss auf meine Faust", schreibt Amir, der Icherzähler und Beobachter, "schloss die Augen." Nun aber hat "Drachenläufer" seinen Weg ins Kino gefunden (Deutschland-Start ist am 17. Januar). Auf meterhohen Leinwänden wird gezeigt, was bislang nur in Leserköpfen stattfand: ein kleiner Junge, auf den Bauch geworfen, umringt von aggressiven Teenagern, viel Geschrei, viel Hohngelächter... und Amir schließt die Augen.

"Ganz und gar nicht drastisch" nennt Regisseur Marc Forster die Inszenierung, Hosseini pflichtet bei, die hässliche Tat sei "behutsam" umgesetzt. Ist sie doch für den Schriftsteller in erster Linie symbolisch gemeint: Sinnbild für die Schändung des Landes, das von ausländischen Mächten besetzt und von religiösen Fanatikern terrorisiert wurde, während der Rest der Welt die Augen schloss. Mit der Hilfe einer Dolmetscherin - einer Cousine von Hosseini - besprach Regisseur Forster mit seinen beiden kleinen Hauptdarstellern die delikate Szene.

Gefahr für die minderjährigen Schauspieler

Die Jungen sind Afghanen und standen zum ersten Mal vor der Kamera: Zakaria Ibrahimi, 11, im Film Amir, der seinen Vater bei einem Raketenangriff auf Kabul verlor, und Hassan-Darsteller Ahmad Chan Mahmudzada, 13, der auch im wahren Leben seinen Drachen liebt. Die Eltern aller Kinder-Schauspieler waren bei den Dreharbeiten anwesend und hatten keine Einwände. Doch dann äußerte ein Vater Bedenken: Ob womöglich ein frommer Zuschauer Anstoß nehmen könnte? Oder, wie Hosseini es formuliert: "ein Irrer loszieht mit der Knarre?"

In Afghanistan gibt es keine Kinos, doch Raubkopien aller Hollywoodproduktionen sind flugs im Umlauf. Die Produktionsfirma Paramount schickte den ehemaligen CIA-Mann John Kiriakou nach Kabul, um herauszufinden, wie der Film dort aufgenommen wird. Sein Eindruck: Es bestehe eine reale Gefahr für die Kinder. Beide Volksgruppen sähen sich falsch dargestellt - die einen als Vergewaltiger, die anderen als Geschändete. Insgesamt vier minderjährige Schauspieler und ihre Familien wurden Ende vergangenen Jahres auf Kosten des Filmstudios Paramount in die Vereinigten Arabischen Emirate ausgeflogen, der US-Filmstart bis nach deren Ausreise verschoben.

Eine reine Sicherheitsmaßnahme, es kam zu keiner konkreten Drohung. Den Kindern gehe es gut, sagt Hosseini, sie besuchten nun wieder die Schule. "Doch hätten wir von diesen Befürchtungen geahnt", fügt er hinzu, "hätten wir niemals mit afghanischen Kindern gearbeitet. Was ist schon ein Film im Verhältnis zu einem Leben?" Wie Amir, dessen charismatischer Vater mit ihm vor den Sowjets flieht, erst als Erwachsener nach Afghanistan zurückkehrt, besuchte auch Hosseini erst im März 2003, kurz vor Veröffentlichung seines Romans, Kabul wieder - 23 Jahre nachdem seine Eltern Asyl in den USA beantragt hatten.

Er fand die einst schöne Stadt von Kämpfen vernarbt, zerstört, zerschossen. Er saß auf den bröseligen Stufen des Kinopalasts, in dem er als Kind, wie Amir, seine geliebten Western gesehen hatte. Er entdeckte sogar das Haus wieder, in dem er die ersten elf Jahre seines Lebens verbracht hatte, obwohl das gesamte Viertel nicht wiederzuerkennen war. Er stierte durch das alte Eisentor, und alle Erinnerungen kamen wieder hoch: an seine Kindheit, die der Amirs - abzüglich der tragischen Ereignisse um Hassan - so sehr glich.

Er sah Hoffnung

Im Film spielt der britisch-ägyptische Schauspieler Khaled Abdalla den erwachsenen Amir. Er hat in "United 93" einen Hijacker während der Attentate vom 11. September gespielt und dürfte in "Drachenläufer" der erste Muslim in einem Hollywoodfilm sein, der mal keinen terroristischen Anschlag plant. Gedreht wurde nicht in Kabul, sondern im chinesischen Kaschgar: einem Ort an der alten Seidenstraße, der die Vorzüge moderner Logistik für die Filmemacher mit größtmöglicher Kabul-Ähnlichkeit verband. Allein Afghanistans überwältigende Bergwelt wurde per Computer um Kaschgar montiert.

In den USA bemängelten Kritiker, nur die Kindheitsszenen in Kabul - gesprochen in einer der vielen afghanischen Landessprachen, Dari - besäßen den Zauber der literarischen Vorlage, der Rest wäre doch ein bisschen sauertöpfisch. Hosseini indes ist glücklich mit dem Film: Forster hat zum Beispiel eine respektable Drachenjagd inszeniert, die den Autor - "ich kann ganz gut mit dem Ding umgehen!" - besonders entzückt. Insgesamt halten der Regisseur und sein Drehbuchschreiber David Benioff sich eng an den Bestseller (Auflage: acht Millionen Exemplare); schon aus Respekt vor Hosseinis Fan-Massen vermutlich.

Hosseini hat im vergangenen Jahr seinen zweiten Roman veröffentlicht. In "Tausend strahlende Sonnen" schildert er Frauenschicksale aus Afghanistan; die Filmrechte sind schon verkauft. Vor drei Jahren hat er aufgehört zu praktizieren. Er lebt vom Schreiben. Ein zurückhaltender, doch selbstbewusster Mann mit wachem "Na wie geht’s uns heute?"-Doktorblick, der die Lässigkeit des amerikanischen Alltags mit den Traditionen seiner afghanischen Herkunft zu verbinden sucht. So hat er seine Frau Roya in einer streng muslimischen Zeremonie geheiratet; wie im Film übrigens. "Gedated" wurde vorher nicht, das kam nur mit amerikanischen Mädchen infrage. Das Paar hat zwei Kinder, Haris und Farah, sechs und vier Jahre alt, und an ihnen sehe man sofort den amerikanischen Einfluss: "Sie turnen auf mir herum", sagt er lachend, "und ich lasse ihnen Dinge durchgehen, die ich mich bei meinem Vater nie getraut hätte."

In seiner Rolle als Sonderbotschafter der UN-Flüchtlingshilfe bereiste Hosseini kürzlich wieder seine alte Heimat. Ob er optimistisch oder pessimistisch sei, was die Zukunft des Landes angehe, wurde er danach gefragt. Er lächelt so verlegen wie vorhin, als er mit Roya telefonierte und über seinen Bart scherzte. Ja, doch, er weiß, was alles nicht stimmt da drüben - die beständige Angst vor Selbstmordattentaten, Analphabetismus, Drogenhandel, Korruption in der Regierung, Armut in den Provinzen, die Unterdrückung der Frauen - er kann die Probleme Afghanistans singen. Und doch. Er sagt, er sah Kinder auf dem Weg zur Schule. Er sah alte Straßenzüge wiederaufgebaut, er sah selbst in den entlegensten Dörfern Menschen am Handy. Er sah Hoffnung. Er sah Drachen fliegen.

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