Es sei ein wichtiger Film, befindet sogar Alice Schwarzer. Hauptdarsteller Jürgen Vogel höchstpersönlich hat sich auf der Berlinale "Der freie Wille" mit Deutschlands oberster Moralinstanz in Sachen weiblicher Diskriminierung angeguckt. Trotzdem ging nach der Berlinale-Premiere ein Aufschrei durch die Republik. "Gewalt-Skandal schockt Berlin" titelte eine Boulevard-Zeitung.
Verstörend sind die Bilder in der Tat. Aber es ist nicht das Ausmaß an Brutalität, sondern die Art und Weise der Darstellung, die zutiefst schockiert. Gleich am Anfang des Films sieht man eine Vergewaltigungsszene, die man nie vergessen wird. Tellerwäscher Theo Stoer, ein leicht verfetteter und ungepflegter Typ, rastet wegen einer Nichtigkeit aus. Er steigt in seinen Opel und rast über die Landstraße. Dann lauert er einer Radfahrerin auf. Er schneidet ihr den Weg ab, reißt sie vom Fahrrad, schleppt sie in die Dünen. Dort fesselt er ihre Hände mit Mullbinden aus seinem Verbandskasten, schlägt ihr ins Gesicht als sie schreit, reißt ihr die Kleider vom Leib, streift sich ein Kondom über, spuckt in die Hände um ihre Vagina zu befeuchten und dringt in sie ein.
Es gibt keine Schnitte, keine Distanz, keine Verkürzung. Die Kamera hält ununterbrochen drauf, dokumentiert schonungslos und absolut realistisch jedes Detail. Das Zusehen ist eine Qual. Man windet sich im Kinosessel vor Ekel und Abscheu, will nicht mehr hinsehen, kann aber auch nicht wegsehen.
Für die Rolle schreckt Jürgen Vogel vor nichts zurück
Das Schlimmste ist zwar nach dieser Szene überstanden. Doch auch die nächsten drei Stunden sind alles andere als entspannendes Popcorn-Kino. "Der freie Wille", auf den sich Regisseur Matthias Glasner sechs Jahre lang vorbereitet hat, ist ein Psychotrip. Jürgen Vogel spielt den Triebtäter Theo, eine Rolle, für die er nichts scheut: Er zwängt sich ins Fettkorsett und onaniert zu Pornovideos. Für die Vergewaltigung verbüßt Theo eine Strafe von neun Jahren. Als er für ausreichend therapiert befunden wird, darf er zurück in die Freiheit.
Bedrückende Alltags-Stimmung
Doch ein normales Leben hat Theo nie gekannt. Er ist auf sich allein gestellt mit seinem krankhaften Trieb, kämpft mit unbändiger Willenskraft dagegen an, boxt sich seine Aggressionen beim Sport aus dem Leib. Doch vor allem ist Theo einsam. Grau ist sein Alltag. Die Kamera verfolgt ihn, wie er durch die Shopping-Center von Mühlheim bummelt, wie er allein in der 70er-Jahre-Pizzeria mit Fischernetzen an der Wand und Gelsenkirchener-Barock-Möbeln sitzt und versucht, so etwas wie Normalität in sein Leben zu bringen. Es ist eine bedrückende Stimmung, und bei jeder Begegnung mit einer Frau wittert man als Zuschauer die Gefahr, fürchtet um einen Rückfall.
Das Perfide an dem Film ist: Jürgen Vogel schafft es, die liebenswerte Seite dieses "Monsters" herauszuspielen. Er ist ein Mensch mit tiefen Abgründen, aber auch mit tiefen Gefühlen. Als Theo die beziehungsgestörte Nettie kennenlernt, beginnt eine Beziehung zwischen den beiden mit Zärtlichkeit und Sex. Immer mehr schließt man als Zuschauer diesen Menschen ins Herz, wünscht ihm nichts mehr, als dieses kleine Glück festhalten zu können.
Keine Schwarz-Weiß-Malerei
Am Ende kann man sich nur dem Urteil von Alice Schwarzer anschließen: Der Film ist weder spannend, noch unterhaltsam, noch filmästhetisch wertvoll, sondern einfach nur wichtig. Wichtig, weil er die üblichen Kategorien von gut und böse verwischt, weil er uns mit Urängsten konfrontiert und jegliche Schwarz-Weiß-Malerei bei der Beurteilung von Menschen über den Haufen wirft.