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"Der Herr der Ringe": Kampf um Mittelerde

Helden mit haarigen Füßen und Horden wilder Widerlinge, Elben-Liebe und der uralte Traum von einer besseren Welt. In der Traumlandschaft Neuseelands entstand das größte Kino-Märchen unserer Zeit.

Von Hannes Ross

Gleich werden sie kommen. Die Zwerge, Elben, Orcs, die Ritter und auch die Hobbits mit ihren haarigen Riesenfüßen. Sie werden sich an die Holztische setzen und ihre Schwerter und Keulen daneben legen, als wären es Regenschirme. Sie werden Putensteaks und Kartoffelsalat mampfen und literweise schwarzes Wasser mit Kaffeegeschmack in sich hineinschütten. In der Ecke wird ein Streicherquartett »Die vier Jahreszeiten« spielen, und ein Hobbit wird zum Gelächter aller mit einem Orc ein paar Tanzschritte zwischen den Stuhlreihen wagen.

Dann, nach einer halben Stunde, wird dieses seltsame Schauspiel so plötzlich vorbei sein, wie es begann. Dann werden sie wieder in der Fabrikhalle nebenan verschwinden und sich dort mit ihren Schwertern und Keulen die Köpfe einschlagen. Oder seltsame Sätze sagen wie: »I amar prestar aen, han mathon ne nen.« Das ist Elbisch, die Sprache der Elben, und bedeutet: »Die Welt ist im Wandel, ich spüre es im Wasser.«

Neuseeland, im Mai 2002. Es ist Mittagszeit in der Stone Street. Man fährt vom Zentrum der Hauptstadt Wellington eine halbe Stunde hierher, links die Oriental Bay, wellenlos und flach wie ein Baggersee, rechts steile Regenwaldhänge. Es ist auf den ersten Blick schwer zu glauben, dass hier, zwischen bunt angestrichenen Holzhäuschen in einer ehemaligen Farbfabrik, das bislang aufwendigste und größte Filmprojekt entsteht, das es je gab: die Fantasy-Trilogie »Der Herr der Ringe«.

Eine 310-Millionen-Dollar-Produktion mit mehr als 20.000 Statisten, deren erster Teil, »Die Gefährten«, vor ziemlich genau einem Jahr in die Kinos kam und seitdem 860 Millionen Dollar eingespielt hat - davon können »Spider-Man« oder die Jungs von »Stars Wars« nur träumen. Nächste Woche nun läuft weltweit die Fortsetzung an, »Die zwei Türme«. Der dritte und letzte Teil, »Die Rückkehr des Königs«, folgt im Dezember 2003.

Gab es im vergangenen Jahr noch eine sanfte Einführung ins Reich der Märchenwesen und Zauberringe, bei der man sich so ganz gemütlich einstellen konnte auf untergehende Elb-Kulturen und die Gefahren aus dem Lande Mordor, wo die Schatten drohen, so schießt dieser neue Film aus den Startblöcken wie zu einem 100-Meter-Lauf. Ohne langatmige Zusammenfassung, ohne Verschnaufpause wird der Zuschauer nach Mittelerde geschleudert. Und dort ist's noch finsterer, noch böser und gefährlicher geworden.

Die Gemeinschaft der Gefährten, die in Teil eins aufgebrochen waren, um den einen, den mächtigsten aller Ringe zu zerstören, ist auseinander gebrochen. Die Fürsten der Finsternis - der Zauberer Saruman und sein Meister Sauron - rüsten ihre Orc-Armeen zur Vernichtungsschlacht. Und bei diesem rund zwanzig Minuten langen, am Computer bearbeiteten Gefecht wird sich auch ein George Lucas staunend die Augen reiben.

»Good Lord!«, schrieb das amerikanische Nachrichtenmagazin »Time« auf seinen Titel: »'Die zwei Türme' sind sogar noch besser als der erste Film!» Denn trotz düsterer Handlung ist das Ganze nicht nur Gemetzel, Action und Geschrei, sondern ein traumhafter Besuch im Universum des J.R.R. Tolkien, der sich die Ring-Saga vor beinahe 50 Jahren ausgedacht hat.

Seine Trilogie ist nach der Bibel eins der meistgelesenen Bücher der Erde: das fantastische Epos einer vom Untergang bedrohten Welt, in der tapfere Männer gegen unsagbar böse und hässliche Gestalten kämpfen, in der Treue und Liebe sich beständig bewähren müssen gegen Gier und Vernichtungswahn. Ein bisschen Nibelungen, ein bisschen Edda und viele andere Mythen und Märchen sind in dem Fantasy-Werk verwoben, das in seinem Kern die einfachste und schönste aller Geschichten erzählt: die einer Reise ins Abenteuer.

In überwältigenden Kamerafahrten wird der Zuschauer über die Berge und durch die Wälder von Neuseeland geführt zu fremdartigen Orten und zu Kreaturen, die zwar im Computer entstanden sind, aber oft realistischer wirken als so mancher Schauspieler. Da ist zum Beispiel der Ent Baumbart, ein mächtiger sprechender Baum, bei dem zwei der vier Hobbits Zuflucht finden. Und da ist Gollum, eine ebenso hinterhältige wie rührende Kreatur, eine Mischung aus E.T. und Kermit, beseelt vom irren Geist des Norman Bates.

In Teil eins blinkten nur mal seine Riesenaugen auf, jetzt endlich erblickt man die ganze Gestalt: ein ausgemergeltes, verhuschtes Ding, das sich den Hobbits Frodo und Sam auf ihrer Reise nach Mordor anschließt. Gollum ist süchtig nach dem Ring wie ein Junkie nach dem nächsten Schuss, verfällt immer wieder in aberwitzige Selbstgespräche: »Du willst den Ring, nein, also hol ihn dir, du willst ihn doch gar nicht, doch, nein, doch.« Ohne Zweifel ist Gollum eine der beeindruckendsten Computer-Figuren, die man bislang im Kino gesehen hat. Mitleid erregend, hinterhältig und liebenswert zugleich, der heimliche Star dieses Films.

»Die zwei Türme« ist perfekt balanciert zwischen Komik und emotionaler Wucht, zwischen atemberaubender Action und Ernsthaftigkeit - wie Francis Coppola mit seinem Paten einst das Vorbild aller Mafia-Filme schuf, so hat der neuseeländische Regisseur Peter Jackson nun das Meisterwerk des Fantasy-Genres vorgelegt.

Kaum ein Kinofilm wurde so sehnsüchtig erwartet. Mehr als zehn Millionen Mal wurde der zweiminütige Trailer in den vergangenen Wochen aus dem Internet heruntergeladen, und lief er im Kino, gab es Applaus. Allein in den vergangenen sechs Monaten wurden mehr als 500.000 Herr-der-Ringe-Fansites gestartet. In »Spy Reports« werden die Dreharbeiten ausgekundschaftet. »Ey, Leute, Baumbart sieht großartig aus!!!«, liest man dort.

Längst ist klar, dass »Der Herr der Ringe« nicht nur Eskapismus-Quatsch ist für alternde Hippies und kleine Jungs, die gern mit großen Schwertern spielen. Das Phänomen scheint alle Fraktionen zu vereinen. Jeder pickt sich aus Tolkiens Universum seine Wahrheit heraus: Christliche Verbände verstehen die Figur des geplagten Ring-Trägers Frodo als einen direkten Hinweis auf Jesus Christus, die Friedensbewegung erspürt im Zauberer Gandalf die Verkörperung eines moralischen Führers, und in seiner euphorischen Titelgeschichte deutet »Time« den uralten Kampf zwischen Gut und Böse als Allegorie auf die Bush-Politik: »Tolkien gibt uns den Krieg, den wir gern führen würden. In Mittelerde erkennt man die Übeltäter daran, dass sie übel aussehen.«

An diesem Nachmittag ist Drehtag 324, und im Grunde müssten sie nicht mehr hier sein. Denn offiziell ist das Unternehmen »Herr der Ringe« beendet. In 15 Monaten drehte Peter Jackson in seiner Heimat alle drei Teile hintereinanderweg. Insgesamt liegen nun neun Stunden Film in den Archiven. Doch »es gibt immer etwas, was man noch besser machen kann«, erklärt der Regisseur und beorderte deswegen seine Hauptdarsteller noch einmal zurück nach Neuseeland.

Natürlich sind alle gekommen: Elijah Wood und Liv Tyler aus Amerika, John Rhys-Davies, Sir Ian McKellen und Christopher Lee aus England, Viggo Mortensen aus Dänemark, Cate Blanchett und Hugo Weaving - beide spielen Elben - aus Australien.

Und wenn man einen von ihnen vorsichtig fragt, ob das nicht verdammt nervig sei, nach fast zwei Jahren Pause wieder an einem Film zu arbeiten, von dem man dachte, er sei längst fertig, dann schauen sie verständnislos und schütteln den Kopf. Oder sie lächeln milde über so viel Unwissenheit wie Viggo Mortensen, von dem einer auf dem Set erzählt, er nehme sein 1,20 Meter langes Film-Schwert sogar mit ins Bett. Und man wundert sich kaum, wenn der 44-Jährige mit leuchtenden Augen erklärt, er fühle sich, als sei er zu seiner geliebten Familie zurückgekehrt.

Elijah Wood, 21, der den großäugigen Hobbit Frodo spielt, geht noch weiter. »Das hier ist kein normaler Film - 'Der Herr der Ringe' ist ein Lebensgefühl«, sagt er ernst. Und dann zieht er sich den Hosenbund ein Stück herunter. Dicht unter dem rechten Hüftknochen kommt ein tätowiertes Zeichen zum Vorschein. »Das ist die elbische Zahl Neun, sie steht für die Gemeinschaft der Gefährten«, sagt er stolz.

Er ist nicht der Einzige, auch die anderen Darsteller der Gefährten - jener Gemeinschaft aus Elben, Zwergen, Rittern, Hobbits und Zauberern, die gegen die Mächte des Bösen kämpft - haben sich das schwarze Knäuel-Symbol in die Haut stechen lassen. Nur John Rhys-Davies, der den Zwerg spielt, musste aufgrund einer Hautallergie passen - und schickte sein Stunt-Double ins Tattoo-Studio.

Wir sind in Halle 6 B, besser gesagt in Sarumans Turm von Isengard, dem Hauptquartier des bösen Herrschers. In dieser Szene soll Christopher Lee als weißhaariger Magier eigentlich nur würdevoll ein paar Stufen in seinem düsteren Kampanile hinaufsteigen. Klingt ganz einfach, wenn da nicht dieses verdammt lange Gewand wäre, über das der Schauspieler immer wieder stolpert. Nach dem achten missglückten Versuch jammert der 80-Jährige wie ein kleines Kind: »Nein, nein, Peter, so geht das nicht, das muss unten abgeschnitten werden.«

Die Lichter gehen an, die Kameras aus, und ein paar Techniker verdrehen die Augen. Langsam erhebt sich Peter Jackson aus seinem Regiestuhl und trottet zu Lee, flüstert ihm ein paar Worte ins Ohr, klopft auf die Schulter des 1,96-Meter-Mannes und verschwindet wieder auf seinem Regiestuhl. Beim nächsten Versuch schwebt Lee die Treppe empor, als sei er auf einem Rollband unterwegs. Ein paar Tage später wird er erzählen, dass er Jackson für den größten Regisseur seit Hitchcock hält.

Erstaunlich, dass ausgerechnet der 41-jährige Neuseeländer den Zuschlag bekam, das teuerste Vorhaben der Kinogeschichte umzusetzen. Denn im Hollywood der Kaufleute und Anwälte galt er als begabter, aber auch nicht ganz zurechnungsfähiger Spinner. Ein Kauz, der nur ungern seine Heimat verließ und dort mit Vorliebe Zombie-Filme auf Low-Budget-Niveau drehte. Das änderte sich auch nicht, als Jackson 1994 mit seinem Mord-Drama »Heavenly Creatures« eine Oscar-Nominierung fürs beste Drehbuch erhielt.

»Sie haben mich nie ernst genommen«, sagt Jackson, »und vielleicht hätte ich das an ihrer Stelle auch nicht.« Er rutscht auf einem Bürostuhl hin und her, bis er seine Sitzhaltung gefunden hat. Was in seinem Fall so aussieht, dass er die Beine auf den Tisch legt und seine dicken Arme hinter dem Kopf verschränkt. Zwei, drei Stunden kann er es bequem so aushalten.

Wenn man etwas über Jackson liest, gibt es fast immer absatzlange Beschreibungen seines Äußeren - meist hämische. »Der Spiegel« verglich ihn mit einem Gebrauchtwagenhändler, das US-Blatt »Entertainment Weekly« sah sich einer Spielzeugpuppe gegenüber, der man nur in den Bauch drücken müsse, damit sie Knurrlaute von sich gibt.

An diesem Nachmittag trägt Jackson eine runde Kassenbrille, die zu groß erscheint für seine schmalen flinken Augen, ein ausgewaschenes Polohemd über dem mächtigen Bauch und Bergsteigerstiefel. Man könnte ihn mit einem antiautoritären Pfadfinderführer vergleichen, doch das würde auch nicht weiterhelfen. Nur Jackson vielleicht. Denn im Grunde, so sagt er, lebe er ziemlich gut damit, dass ihn die Leute ständig unterschätzen.

Als er 17 war, las er auf einer Zugfahrt von Wellington nach Auckland zum ersten Mal Tolkiens Roman. Nach zwölf Stunden Fahrt und mehr als tausend Seiten in der Traumwelt von Mittelerde wünschte sich Jackson, wie Millionen anderer Fans, nur eins - »dass jemand eines Tages aus diesem grandiosen Buch einen richtig guten Film machen würde«.

Lange Zeit passierte nichts. Zwar hatte der Oxford-Professor John Ronald Reuel Tolkien bereits in den sechziger Jahren die Filmrechte verkauft, nur wagte sich kein Regisseur an die vielen, vielen Handlungsfäden und Figuren des Buches. »Ich habe immerhin 20 Jahre gewartet«, sagt Jackson, »und als dann immer noch nichts passiert war, machte ich mich eben selbst an die Arbeit.«

Auf Tausende von gelben Din-A-4-Blättern kritzelte er zusammen mit seiner Frau Fran Walsh Ideen, Entwürfe und Zeichnungen. Eine Sisyphusarbeit. Denn der Sprachforscher Tolkien hatte kein banales Fantasy-Abenteuer hinterlassen, in dem kichernde Hexen auf Besenstielen fliegen, sondern die Mythologie einer komplexen Welt, die über ihre eigene Sprache, Fauna, Geologie, Historie, über eigene Spezies und eigene Zeitrechnung verfügt.

Die Studiobosse in Hollywood schüttelten entsetzt den Kopf, als Jackson im Frühjahr 1998 mit dem Drehbuch vorsprach. Es war schließlich keiner der Kino-Giganten wie Disney oder Sony, die das Wagnis eingehen wollten, 310 Millionen Dollar in ein nahezu unverfilmbares Buch zu investieren. Es war ein ziemlich kleiner Laden namens New Line Cinema, dessen größter Erfolg bis dahin die Horrorserie »Nightmare On Elm Street« gewesen war.

»Natürlich hätte uns 'Der Herr der Ringe' das Genick brechen können», sagt Firmenchef Bob Shaye, «denn wäre der erste Teil gefloppt, hätten wir Teil zwei und drei in den Müll schmeißen können.»

Sie wagten es trotzdem. Und das mit einem logistischen Aufwand, der einer Mars-Expedition gleicht. Wer durch die fußballplatzgroßen Lagerhallen von »Der Herr der Ringe« geht, stößt auf das funktionsfähige Inventar eines ganzen Volkes: Hunderte von verzierten Schwertern liegen dort in den Regalen, rostige Äxte, Leinenschürzen, Schuhe, Messingtöpfe, Stahlrüstungen, vergilbte Bücher und goldene Schmuckstücke, alles von Schmieden, Schneidern, Schuh- und Schmuckmachern in Handarbeit gefertigt.

Peter Jackson ließ die neuseeländische Armee eine 40 Kilometer lange Straße durch die Berge bauen und seine Kostümdesigner 1600 Hobbitfüße aus Plastik anfertigen. 15 Monate lang drehte er von morgens bis abends, von Montag bis Samstag mit fünf Teams an verschiedenen Orten gleichzeitig. Und weil Jackson nicht überall gleichzeitig sein konnte, ließ er sich ein Satellitentelefon mit Bildübertragung einrichten.

»Wenn die Zuschauer«, sagt Jackson, »nicht an das glauben, was sie auf der Leinwand sehen, ist ein Film misslungen.« Was für den Regisseur dann auch mal hieß, die Technik Technik sein zu lassen. Rund 800 Computer-animierte Szenen sind in »Die zwei Türme« zu sehen (zum Vergleich: Bei »Spider-Man« sind es mehr als 1500).

Doch um anständiges Schlachtgebrüll zu bekommen, verließ er sich nicht auf seine hochbezahlten Sound-Ingenieure. Er tappte in der Pause einer Cricket-Partie in Wellington aufs Spielfeld und forderte 25.000 Fans auf der Spielstand-Anzeigentafel zum Jaulen und Schreien auf. In der Schlacht von »Helms Klamm« ist das Getöse jetzt zu hören.

Nur noch wenige Monate sind es, bis Jackson mit dem Feinschliff des dritten Teils beginnt. »Es wird wirklich Zeit, dass ich den 'Herrn der Ringe' aus meinem Kopf kriege», sagt er. Er träume schon davon, wie das Filmteam um sein Bett steht und auf Regieanweisungen wartet.

Der Preis für diese Albträume ist nicht schlecht: Geschätzte 510 Millionen Dollar wird Jackson verdienen, wenn auch die beiden nächsten Teile so gut laufen wie der erste. Er wird, was Einfluss und Macht betrifft, in einer Reihe stehen mit den Hollywood-Größen George Lucas, Steven Spielberg, James Cameron. In seiner Heimat ist er schon jetzt ein Volksheld, weil er mit seinen grandiosen Landschaftsaufnahmen im vergangenen Jahr 20 Prozent mehr Touristen nach Neuseeland lockte.

Doch wenn man Jackson fragt, was er nach der Premiere des letzten Teils im Dezember 2003 denn zu tun gedenke, antwortet er kurz: »Einfach wieder einen guten Zombie-Film machen.«

Wie bitte?

»Ich habe nur zwei Bedingungen. Es wird höchstens zwei Wochen gedreht. Und auf keinen Fall dürfen mehr als zehn Leute daran beteiligt sein."

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