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"Domino": Das Mädchen und die Knarre

"Top Gun"-Regisseur Tony Scott hat in seinem neuen Film die wahre Geschichte einer Kopfgeldjägerin verfilmt. Leider ist der Film ziemlich nichtssagend geraten, und die gute Story wird von allerlei Lärm und Geballer verschüttet.

Es war einmal eine rebellische höhere Tochter, die in noblen Internaten die Nasen ihrer Mitschülerinnen einschlug und dann als Kopfgeldjägerin Karriere machte. Und das Schönste daran: Die Geschichte ist wahr. Im Jahre 2003 bekam Domino Harvey, Tochter eines britischen Filmstars und eines Models, den Titel "Kopfgeldjäger des Jahres" verliehen. Dergleichen Jobs finden sich nur in den gewaltverliebten USA, wo diese faszinierende Biografie prompt zum coolen Brutalo-Märchen aufgemotzt wurde.

Tony Scott, der schon 1986 mit "Top Gun" Furore machte und zuletzt "Mann unter Feuer" drehte, feuert in seinem Film erneut aus allen Rohren. "Domino sagte, dass mit einer Schrotflinte in der Hand die Tür eintreten ihr den größten Adrenalinschub bereitete", behauptet er im Presseheft und nimmt dies als Lizenz für ein lärmiges Tohuwabohu, maßgeschneidert für MTV-Jünger mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Eichhörnchens. Stilistisch wird aufgefahren, was seit "Natural Born Killers" angesagt ist: grobkörnige, farbgefilterte Wackelbilder, reißende, kreiselnde Kameraschwenks, wummernder Soundtrack, Sex im Meskalinrausch. Es wird geblutet, gezündelt und geballert, bis der Zuschauer Gnade schreit.

Cineastischer Amoklauf

Und um was es eigentlich geht, ist kaum zu beschreiben. Rückblenden auf Dominos verkrachte Jugend und auf ihren kalifornischen Kopfgeldjäger-Abendkurs wechseln mit einer verwickelten Intrige um eine Raubüberfall. Ihre Truppe, bestehend aus zwei vernarbten Machos und einem afghanischen Bombenleger, gerät in die Schusslinie zwischen Mafia, FBI, Kleingangstern und einem Reality-TV-Team, das den aufregenden Häscher-Alltag filmen will. Als Rahmen dient ein Verhör Dominos durch eine sardonische FBI-Agentin, doch auch die kann das Filmschnipsel-Chaos nicht eindämmen. Der cineastische Amoklauf ist von ultraspießiger Küchenpsychologie untermalt, in der die Desperada als ewig vatersuchendes armes Hascherl erscheint. Schließlich mutiert das Flintenweib nicht nur zum Robin Hood, sondern entdeckt gar Muttergefühle.

Die echte Domino kann dies leider nicht mehr kommentieren. Im Juni starb sie an einer Überdosis Schmerzmitteln, während sie wegen Drogenbesitzes unter Hausarrest stand. Angeblich soll sie den Film gehasst haben, und angeblich war sie bisexuell. Der Nachspann gönnt ihr, kurz geschoren und sympathisch lachend, ganze zwei Sekunden Filmzeit.

Desperada mit Rehaugen

Für Keira Knightley aber gibt's nichts zu lachen: Die anmutige Naturschönheit muss ihre Audrey-Hepburn-Rehaugen permanent zum Killerblick verengen und wird mit Leder, zerlaufener Wimperntusche, Tattoos und Biker-Stiefeln zum sexy Rabenaas aufgeputzt. Ebenso vehement wie vergeblich spielt die Grazie, die zuletzt im Austen-Kostümfilm "Stolz und Vorurteil" zu sehen war, gegen ihr Reifrock-Image an. Doch mit ihren niedlichen Domina-Posen und ihrem britischen Oberschicht-Akzent (in der Originalfassung) kommt sie womöglich der echten Domino, die wie eine Touristin wirkte, bevor sie die Knarre zog, ziemlich nahe.

Auch der Rest des Ensembles ist namhaft und weist neben Mickey Rourke, dessen Schauspielkunst sich auf ein dreckiges Grinsen beschränkt, den reptilienhaften Christopher Walken, zwei Milchgesichter aus der TV-Serie "Beverly Hills", die sich selbst spielen, Altstar Jacqueline Bisset und die schwarze Comedy-Queen Lateesha Rodriguez auf; außerdem erscheint Bluessänger Tom Waits als durchgeknallter Missionar. Und man muss Tony Scott zugestehen, dass sein mit Adrenalin und Aggression aufgepumptes XXL-Nichts verdammt gut aussieht. Ob es Begeisterung oder Kopfweh erzeugt, kommt auf den Grad der Ausgeschlafenheit an.

Birgit Roschy/AP

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