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Satire auf Netflix Corona, Klimakrise, Weltuntergang: "Don't Look Up" ist der Film, der uns endlich die Augen öffnen sollte

Netflix-Film mit Starbesetzung: DiCaprio und Lawrence retten die Welt in "Don't Look Up"
Sehen Sie im Video: Netflix-Film mit Starbesetzung – DiCaprio und Lawrence warnen die Welt in "Don't Look Up" vor einem tödlichen Kometen.
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Diesen Film sollte zum Jahresende jeder sehen: In der Netflix-Satire "Don't Look Up" warnen Forscher die Welt vor einer Katastrophe – und werden ignoriert. Das hat mit der Realität mehr zu tun als uns lieb sein kann.

Man muss schon mit großen Neuigkeiten aufwarten können, um bei der US-Präsidentin einigermaßen kurzfristig einen Termin zu bekommen. Die Wissenschaftler:innen Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence), Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio) und Dr. "Teddy" Oglethorpe (Rob Morgan) schaffen es immerhin bis ins Vorzimmer. Dabei haben sie eine Nachricht mitgebracht, die drängender gar nicht sein könnte: Ein Komet rast auf die Erde zu und wird in sechs Monaten die gesamte Menschheit auslöschen. Doch die Präsidentin (Meryl Streep) hat Wichtigeres zu tun: Ihr Kandidat für den Supreme Court ist gerade in einen Erotik-Skandal verstrickt.

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Und selbst als die Forscher:innen in der Netflix-Satire "Don't Look Up" dann doch noch ins Oval Office vordringen, stoßen sie auf taube Ohren. Bald sind Wahlen, da will niemand die Menschen mit einem drohenden Weltuntergang behelligen. Nicht nur die Politik schaltet auf stur. Als Mindy und seine junge Doktorandin Dibiasky in den Medien auftreten, generieren sie damit nicht mehr Aufmerksamkeit als das Wetter und die Verkehrsmeldungen. Thema Nummer eins ist die Trennung eines Promi-Pärchens. 

Netflix-Film "Don't Look Up": Niemand hört auf die Wissenschaft

Kommt das jemandem bekannt vor? Sollte es. Der Film von Oscar-Preisträger Adam McKay ("The Big Short") gibt sich gar keine Mühe, seine aktuellen Bezüge zu verschleiern – und verklausuliert auch seine Botschaft nicht. "Don't Look Up" kippt alles zusammen, was in den vergangenen Jahren in den Weltnachrichten zu beobachten war und kondensiert daraus einen etwas mehr als zwei Stunden langen Film: Wissenschaftler:innen, die verzweifelt vor der Katastrophe warnen und nicht ernstgenommen werden. Forscher:innen, die der Versuchung des Ruhms erliegen. Politiker:innen, die die Augen vor der Gefahr verschließen, nur handeln, wenn sie sich davon kurzfristige Popularität versprechen und Wissenschaftler:innen feuern, die ihnen nicht genehm sind. Medien, die aus jeder Schreckensnachricht lieber eine nette persönliche Story machen wollen. Unternehmen, die lieber den eigenen Profit als die Welt retten. Milliardäre, die mit dem drohenden Unheil noch mehr Millionen verdienen. Und Verblendete, die mit ihrer ignoranten Haltung jedem wissenschaftlichen Diskurs die Basis entziehen.

Dabei ist die Lage erst, so ernst wie noch nie. Aber das ist nur dem unbekannten Professor Mindy und seiner Mitarbeiterin Dibiasky klar: Sie haben den unheilvollen Kometen von der Größe des Mount Everest entdeckt. Im Fachjargon nennt man das einen "Planetenkiller" – keine weitere Erklärung nötig. Eigentlich. In Wirklichkeit findet nahezu jeder einen Weg, diese Nachricht nicht so beunruhigend zu finden, wie sie eigentlich sein sollte. Mindy und Dibiasky dringen mit ihrer Botschaft nicht durch, die Medien interessieren sich nur für den Schlafzimmerblick des Professors und die vermeintliche Hysterie der jungen Wissenschaftlerin. Irgendwann wittert die  Präsidentin in der Weltrettung einen Weg, um ihre Umfragewerte noch herumzureißen, doch eine Weltraummission wird auf halbem Wege abgebrochen – man hat auf dem Kometen wertvolle Rohstoffe entdeckt. Dafür kann man einen drohenden Weltuntergang schon mal in Kauf nehmen, Wissenschaft hin oder her.

Starensemble um Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence

Selbst als das Ende nahe herbeigekommen und der Komet am Himmel schon mit bloßem Auge zu erkennen ist, wird nicht allen der Ernst der Lage klar. "Don't Look Up" lautet die Parole derjenigen, die sogar die Existenz eines solchen Kometen von vornherein leugnen, entgegen jeder Evidenz. Schaut bloß nicht nach oben, dorthin,  wo die Gefahr lauert. Verschließt die Augen vor der Realität, macht weiter wie bisher. Kommt das jemandem bekannt vor?

Frankie Muniz

Regisseur Adam McKay hat ein großes Starensemble aufgeboten: unter anderem Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence als Wissenschaftler, Meryl Streep als Trump in weiblich, Jonah Hill als ihr tollpatschiger Sohn, auch Popstar Ariana Grande tritt auf. Man könnte die Rollen aber auch mit Christian Drosten, Anthony Fauci, Donald Trump und so ziemlich jedem oder jeder Klimaforscher:in füllen – und das Ganze eine Dokumentation über Wissenschaft, Politik und Gesellschaft in Zeiten von Corona-Pandemie und Klimawandel nennen. Die Parallelen sind erschreckend, und voll beabsichtigt. "Mein Gott, warum reden wir überhaupt noch? Was haben wir uns angetan? Wie kriegen wir das wieder hin?", klagt DiCaprio als verzweifelter Forscher. Es klingt wie ein Auszug aus manchen Interviews von Virologen aus den vergangenen Monaten.

Der richtige Film zur richtigen Zeit

Nun ist "Don't Look Up" trotz Starbesetzung wirklich kein Meisterwerk – die Story ist vorhersehbar, die Figuren oft stereotypisch, das meiste wirkt überzeichnet, wirklich lustig wird es auch nur selten. Aber es ist der richtige Film zur richtigen Zeit, in einer Welt, die zunehmend die Augen vor den Fakten verschließt, auch wenn sich das Unheil überdeutlich anbahnt. Sei es ein Virus, sei es der Klimawandel, sei es der Weltuntergang. Eine solche Welt steuert unweigerlich auf eine Katastrophe zu, im Zweifel sogar das Ende der Zivilisation.

(Achtung, es folgt ein Spoiler:) "Don't Look Up" stellt diese Kernbotschaft so plakativ in den Vordergrund, dass es auch der letzte verstehen sollte. Deshalb muss man an dieser Stelle auch keine künstliche Spannung aufbauen: Natürlich trifft der Komet im Film die Erde, natürlich geht die Welt unter. Am Ende besinnen sich die Menschen auf das Wesentliche, Forscher Mindy sitzt mit seinen Kolleg:innen und seiner Familie am Tisch und betet. Als letztes sagt er den bitteren Satz: "Wir hatten wirklich alles, nicht wahr?" Die Methoden, die Daten, die Mittel, um das Unheil zu verhindern und Leben zu retten. Auch so ein Satz, den man zuletzt so oder so ähnlich einige Male hörte. Und vielleicht noch öfter hören wird. Man kann nur hoffen, dass dieser Film einigen Menschen die Augen dafür öffnet.

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