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"Elizabethtown": Ein Mann, eine Frau und eine Urne

Drew Baylor hat einen gut bezahlten Job und eine Affäre. Als er beides verliert, will er seinem Leben ein Ende setzen. Doch auf dem Flug zur Beerdigung seines Vaters verliebt er sich.

Orlando Bloom, der Frauenschwarm aus "Herr der Ringe" und "Fluch der Karibik", kommt in der Tragikomödie "Elizabethtown" in der Realität an. Als Schuhdesigner Drew hat er mit seiner Turnschuhkreation seinem Brötchengeber, einem hippen Konzern à la Nike, einen Milliardenverlust eingebrockt. Sein Selbstmord wird, buchstäblich auf Messers Schneide, von einem fatalen Telefonat vereitelt: Während eines Familienbesuchs in Kentucky ist sein Vater gestorben.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Als Toter auf Urlaub fliegt Drew ins Städtchen Elizabethtown, um seinen Vater zu beerdigen - und dann sich selbst. Mumpitz, weiß der Zuschauer, denn wenn traumatisierte Film-Männer zu den Wurzeln ihrer Väter reisen, erfahren sie grundsätzlich und meist mittels eines weiblichen Katalysators ihre Erleuchtung. Die gute Fee, Stewardess Claire, taucht schon im Flugzeug auf und weicht dem blassen Schönen nicht mehr von der Seite. Weiterhin wird er liebevoll belagert von einer unübersehbaren Schar ihm bis dahin unbekannter Verwandter.

Von eigenen Erfahrungen inspiriert

Cameron Crowes eigene Erlebnisse beim Tod seines Vaters dienten als Inspiration für seinen Film, und so sind Drews Erfahrungen mit den bodenständigen, kochenden und feiernden Provinzlern am berührendsten. Auch postum können diese es nicht verknusen, dass Vater Mitch, ihr Lokalheld, wegen Drews Mutter Hollie einst nach Kalifornien zog. Dass Hollie auf einer Feuerbestattung besteht, schockiert die Sippe sowieso. Die Witwe, die erst am Schluss zur Trauerfeier anreist, warnt Drew denn auch telefonisch vor dem tückischen Charme der Landeier.

Die formelhafte Handlung ist aber im Detail so originell, wie man es von Starregisseur Cameron Crowe ("Almost Famous", "Jerry Maguire") erwartet. Statt Gefühlskitsch zu inszenieren, hält er konstant den Ball flach, spitzt weder den Konflikt zwischen dem weltläufigen Drew und den bieder-netten Verwandten zu, noch walzt er Drews Beziehung zu Claire melodramatisch aus. Zumal ihm diese - während sie alle Viertelstunde auftaucht und Drew ungefragt Wegweiser malt - unermüdlich erklärt, dass ihre Beziehung keine sei. Es wimmelt von ironischen Momenten, in denen etwa Alec Baldwin als sardonischer Firmenchef oder Susan Sarandon als hyperaktive Mutter Glanzlichter setzen.

Kirsten Dunst glänzt als Claire

Eine Hand voll kauziger Augenblicke auf der Suche nach einer Geschichte: Crowe, der als blutjunger Musikjournalist bei der Zeitschrift "Rolling Stone" Ruhm erwarb, stoppelt sein Werk, dessen melancholische Stimmungen mit Oldie-Pop untermalt sind, wie eine Song-Kompilation zusammen. So erscheint das Ganze mal als Tragikomödie einer Reise zu sich selbst - mit der Urne auf dem Beifahrersitz -, mal als verschrobene Liebeserklärung an die amerikanische Provinz. Eine letztlich unbefriedigende Collage, deren roter Faden, Claire, eine Crow'sche Kopfgeburt ist. Denn die Süße mit dem engelhaften Lächeln erweist sich als eines jener allzeit bereiten Idealmädels, denen Popsongs gewidmet sind, telefoniert mit Drew die Nacht durch und ist ihm, während sie ein Füllhorn von Weisheiten über ihm ausschüttet, stets auf den Fersen.

Es gelingt Kirsten Dunst zwar, diese neurotische Aufdringlichkeit mit verletzlichem Charme zu überspielen. Doch Claires Hang zu selbstverfassten Reiseführern mit passender Musik-CD für jeden pittoresken Hügel machen Drew zur Marionette. Alle Wege dieser filmischen Schnitzeljagd führen zu Claire, oder vielmehr zur Lieblingsmusik eines 48-jährigen Regisseurs, der beim Autofahren Elton John und Tom Petty hört.

Birgit Roschy/AP / AP