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"Fleisch ist mein Gemüse": Durchhalten bis man Vierzig ist

Heinz Strunks Bestseller darüber, wie er als Saxophonist einer Showband in den 80er Jahren durch öde Dorfdiscos tingelt, ist rasend komisch. Obwohl für die Verfilmung Top-Schauspieler, trashig-authentische Ausstattung und echte Kneipen als Kulissen gewählt wurden, geht der Film nicht unter die Haut.

Von Ulrike Schäfer

Fleisch, überall Fleisch: Das kalte Buffet biegt sich unter Bergen von Mett, Frikadellen und Schweinsköpfen. Fast könnte man meinen, die Metzgerinnung halte im "Jägerhof" in Hamburg-Harburg ihre Jahresversammlung ab - wenn das rustikale Lokal nicht gerammelt voll wäre mit Leuten aus der Filmbranche. Die Meute ist in den Hamburger Vorort eingefallen, um die Premiere des Films "Fleisch ist mein Gemüse" zu feiern - und zwar stilgerecht, mit Würstchen statt Beilagensalat.

In Wahrheit haben weder der Film noch seine literarische Vorlage etwas mit Fleisch oder Gemüse zu tun. Das 2004 erschienene Buch wurde fast 300.000 verkauften Exemplaren überraschend zum Bestseller. Der Hamburger Künstler und Humorist Heinz Strunk erzählt darin von seiner verheerenden Jugend auf der falschen Seite der Elbe, in Harburg. "Fleisch ist mein Gemüse" ist keine dieser Geschichten, in denen hippe junge Menschen Drogen nehmen und Partys feiern und später stolz auf ihre wilden Zeiten zurück blicken. Zwar fließt in Strunks Erzählung der Alkohol in rauen Mengen, ansonsten regieren aber Ödnis und Trübseligkeit, und selbst die Partys, die Strunk beschreibt, sind alles andere als hip. Es sind Dorffeste, Schützenfeste und Hochzeiten in der norddeutschen Provinz, auf denen "der Heinzer" als Saxophonist einer Tanzband für musikalische Untermalung sorgt, während sich die Gäste hemmungslos besaufen.

So schrecklich das klingt: Für den 25-jährigen Strunk ist der Musiker-Job der rettende Strohhalm. Bis dahin hat er nicht viel mehr zustande gebracht, als eine unheilbare Akne auszubrüten, mit der depressiven Nachbarin Rosi (Livia S. Reinhardt) fernzusehen, Schnaps zu trinken und seine nervenkranke Mutter so gut es geht zu beruhigen.

Brilliante Kostüme, blasser Hauptdarsteller

Gleich zu Beginn des Films ist es mit der Ruhe allerdings vorbei: Die Mutter (Susanne Lothar) bricht zusammen und wird in eine Nervenklinik eingeliefert. Strunk muss sich mit seiner sagenhaft schlechten Band über Wasser halten: Die grellen Auftritte der Tiffanys mit Andreas Schmidt als Frontmann "Gurki" zählen zu den Highlights des Films: Stilechte Bühnen-Outfits aus den 80er Jahren, wie etwa knallenge Leggings, rote Angorapullis oder die rosafarbenen Glitzerjackets, katapultieren den Zuschauer direkt in das geschmacksfreie Jahrzehnt zurück. Legendär auch der Auftritt von Rocko Schamoni und Jacques Palminger, die mit Heinz Strunk das Comedy-Trio "Studio Braun" bilden: Schamoni darf als Schützenkönig brillieren, der sich weigert zu "Hello Dolly" zu tanzen. Palminger gibt den Adjutant. Maxim Mehmet in der Rolle des Heinz Strunk bleibt derweil neben Schauspielern wie Andreas Schmidt oder Livia S. Reinhardt etwas blass - trotz seiner erstaunlichen Ähnlichkeit mit dem echten Strunk.

Während "Heinzers" Musikerkarriere langsam anläuft, gibt es im Privatleben immer wieder Rückschläge. Die Frauen, allen voran die angepunkte Sänger Anna Fischer, verschmähen ihn, Nachbarin Rosi nimmt sich vor lauter Einsamkeit das Leben, und schließlich stirbt auch noch die kranke Mutter.

Für den Zuschauer sind die harten Brüche zwischen Gurkis drastischem Bühnenhumor ("Jaaaa, da klatschen die Apatschen") und der Düsternis von Strunks Leben kaum auszuhalten. "Fleisch ist mein Gemüse" ist kein Film zum Schenkel klopfen. Er hinterlässt eher ein beklommenes Gefühl und wirkt seltsam unentschlossen zwischen der Absicht zu unterhalten und die dunklen Seiten des Lebens zu präsentieren. Es wird spürbar, dass Regisseur Christian Görlitz weniger Kino- als Fernseherfahrung mitbringt.

Schließlich mündet alles in einem bemühten Happy End: "Gestern ist vorbei" singt Anna Fischer, die sich dann doch noch in Mehmet alias Strunk verliebt hat. Und der echte Heinz Strunk darf darüber ein bisschen den Kopf schütteln, denn mit seinem wahren Leben hat das nicht mehr viel zu tun - das bestand aus Durchhalten, Durchhalten und nochmals Durchhalten und dem Leben eine Chance geben. Wenigstens bis man Vierzig ist.