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"Into the Wild": Sean Penns Seelenverwandtschaft

Es ist die Sehnsucht vieler junger Menschen, nach Abitur oder Studium erst einmal den Duft der weiten Welt zu schnuppern, bevor sie in das Stadium ernsthaften Broterwerbs einsteigen. In "Into the Wild" empfindet Sean Penn das Schicksal eines jungen Aussteigers nach, der diesen Traum radikaler verwirklichte als seine Altergenossen.

Regisseur Sean Penn verleiht dem Helden dieser wahren Geschichte romantische Größe. 1990 ist der 22-jährige Chris McCandless der Vorzeige-Student seines Colleges, das er mit Auszeichnung abgeschlossen hat. Seine stolzen Eltern wollen ihm ein neues Auto schenken und erwarten, dass er in Harvard Jura studiert. Stattdessen setzt sich Chris heimlich ab, zerschneidet Kreditkarten, lässt seinen Wagen stehen, ändert seinen Namen und trampt zwei Jahre lang, stets in Richtung Westen, ins Blaue.

Unterwegs trifft er viele nette Zeitgenossen, doch niemand kann ihn von seinem großen Ziel Alaska abbringen. Als er aber dort mehrere Wochen allein in der Natur verbracht hat, wird sein naiver Selbsterfahrungstrip lebensbedrohlich: die Wildnis nimmt den unerfahrenen Jung-Trapper gefangen. Der Film richtet sich recht buchstabengetreu nach dem Bestseller des Bergsteigers und Schriftstellers Jon Krakauer. Basierend auf Chris' Tagebuchnotizen und Interviews mit Familie und Weggefährten wurde Krakauers 1996 erschienener Bericht zum Kultbuch.

Sean Penn entdeckt seinen Seelenverwandten

Und auch die zurückhaltende Inszenierung bewahrt den Zauber dieser Aussteigerfantasie - in seiner vierten und bisher besten Regiearbeit scheint Schauspieler Sean Penn in dem Querkopf Chris einen Seelenverwandten entdeckt zu haben. Ausgehend von Chris' letztem Aufenthaltsort, einem rostigen Bus in der Einöde, erzählt er seine Reise in Rückblenden auf Begegnungen und auf seine Familie. So schält sich, untermalt von Off-Kommentaren der Schwester, das Porträt eines willensstarken jungen Mannes heraus. Mit seiner Unbefangenheit knüpft er unterwegs schnell Freundschaften, ob mit einem Hippiepärchen oder einem vereinsamten alten Mann, der ihn gar adoptieren will. Zugleich strahlt der Sohn eines wohlhabenden Wissenschaftlerpaares mit seiner Verachtung für den "Kommerz" jene moralische Selbstgerechtigkeit aus, die nicht nur das Vorrecht der Jugend ist, sondern zugleich auf Chris' privilegierte Herkunft verweist. Die Rebellion gegen "die kranke Gesellschaft" ist auch hier eine Rebellion gegen den verbissenen Aufsteiger-Vater, dem Chris natürlich ähnlicher ist, als er es wahrhaben will.

Eine Hymne an das Unterwegssein

Darsteller Emile Hirsch, der an Leonardo DiCaprio erinnert, verkörpert diese Getriebenheit mit sanfter Intensität und zieht einen bis zum Schluss in seinen Bann. Dabei lässt Sean Penn immer mal wieder die Luft raus aus diesem naiven Götterliebling, der am Ende dann doch ziemlich jämmerlich zugrunde geht. Mit Blick auf die trauernden Eltern, denen der Sohn keine einzige Nachricht zukommen ließ, betont er zum Beispiel die Rücksichtslosigkeit des hochgestimmten Aussteigers. Doch gerade Chris' Verstiegenheit und sein Idealismus, der Verbohrtheit ähnelt und von innerer Wut gespeist wird, macht die Figur so anziehend menschlich.

Nebenbei beleuchtet das Roadmovie mit seinem belesenen Protagonisten auch die große amerikanische Tradition jener Natur verherrlichenden Schriftsteller und Philosophen wie Jack London und Henry Thoreau. Auch Chris' Reise führt ihn, unter gelegentlicher Kitschgefahr, zu rührenden Begegnungen mit den Außenseitern, Unangepassten und Nomaden. Und so ist der Film eine romantische Hymne an den Aufbruch, an das "Go West" und die große Freiheit - wobei Chris übrigens Frauen - und seien sie noch so willig - weiträumig umgeht. Doch wovor genau er wegläuft, wird nie gesagt, und dieses schön bebilderte, rätselhafte Gefühl stellt den größten Reiz dieser bewegenden Geschichte dar.

Birgit Roschy/AP

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