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"Nymphomaniac"-Regisseur von Trier: Was Sie schon immer über Lars und Sex wissen wollten

Als Porno hatte Regisseur Lars von Trier seinen neues Werk "Nymphomaniac" angekündigt. Herausgekommen ist etwas anderes: ein Film über Suchtverhalten und die Suche nach Erfüllung.

Von Matthias Schmidt

Kinotrailer: "Nymphomaniac"

Die Ansage war klar und deutlich. Nein, er sagt nix. Keine Besuche, keine Interviews. Kein Wort über seine Absichten als Regisseur, kein Wort über den Skandal von Cannes, wo er für einen dummen Nazi-Witz vom Festival vor die Tür gesetzt wurde. Auf dem ersten Werbefoto für seinen neuen Film, einem in der Langfassung fünfeinhalbstündigem Monstrum, das gerade auf der Berlinale Weltpremiere gefeiert hat, steht Lars von Trier im Hintergrund. Mit Klebeband quer über den Mund. Er hat es seitdem nicht mehr entfernt.

Dabei gäbe es so viel zu besprechen. Als Porno hatte er "Nymphomaniac" vollmundig angekündigt. Ein erotisches Opus Magnum, in dem Charlotte Gainsbourg und Kirsten Dunst vor der Kamera vögeln. Was daraus wurde? Nun, Dunst ist nirgends zu entdecken, dafür lässt sich Gainsbourg reichlich knebeln und knödeln, dazu Shia LaBeouf und die blutjunge Debütantin Stacy Martin. Der große Rest - Uma Thurman, Jamie Bell, Willem Dafoe oder Udo Kier - sind weder nackt noch haben sie Sexszenen. Ist von Triers zwölfter Film also nur eine gigantische PR-Windmaschine?

Natürlich nicht. "Das ist kein Film, bei dem man sich einen abschütteln kann", sagt Stellan Skarsgård, der männliche Hauptdarsteller, in seiner unvergleichlich trockenen Art. "Und das weiß Lars natürlich auch genau." Erzählt wird in vielen Rückblenden vom Erwachsenwerden einer bekennenden Nymphomanin namens Joe. Als junges Mädchen gespielt von dem bislang unbekannten, englischen Model Stacy Martin, später übernimmt Gainsbourg. Diese Joe wird, zerschunden und erschöpft, von einem älteren Mann (Skarsgård) gefunden und aufgepäppelt. Zum Ausgleich beichtet sie ihm ihre Sünden und Laster. Aber von Trier wäre nicht von Trier würde er dem Film nicht ein intellektuell-philosophisches Kondom überstülpen, das nach seinen ureigenen Themen schmeckt. Wie viel Leiden erträgt eine starke Frau? Wie weit kann und darf Kunstkino gehen? Wie enorm prägen Musik und Kunst, Literatur und Religion unser Leben?

Weder Porno noch Liebesfilm

Auch wenn von Trier auf stumm schaltet und selbst zu den offiziellen Interviews in seiner Heimatstadt Kopenhagen nur kurz und schweigend einen Fototermin beehrt - seine Gegenwart, seine Stimme sind überall zu spüren und zu hören. "Alles, was ich in dem Film sage, ist die sonderliche Seite von Lars", berichtet Skarsgård. Und alle weiblichen Figuren würden ebenso für seine Gedanken und Interessen stehen. Alles, was Sie schon immer über Lars und Sex wissen wollten, könnte "Nymphomaniac" also auch heißen.

Am Ende ist von Triers Werk weder Porno noch Liebesfilm. Es geht ihm vielmehr um Suchtverhalten und die geschlechtsneutrale Suche nach Erfüllung. Selbst der Skandal von Cannes schwingt mit. Was darf man in einer offenen Gesellschaft denken und sagen? Für was wird man am Ende bestraft, was wird noch toleriert? Von Trier wertet nicht in "Nymphomaniac", sondern stellt nur zur Diskussion. Er spricht nicht mit Journalisten und sagt doch alles.

Natürlich wäre es nach wie vor spannend vom Meister selbst zu erfahren, wie es am Set zuging. Mit all den Plastik-Penissen, Vagina-Prothesen und Porno-Doubles, die immer dann einsprangen, wenn es den echten Schauspielern zu heiß wurde. "Meines hieß Cindy", erzählt beispielswiese Stacy Martin. "Aber ich habe nur Hallo zu ihr gesagt, und konnte dann in Ruhe eine Tasse Tee trinken, während sie an meiner Stelle rumgevögelt hat." Keine weiteren Fragen.