"Pans Labyrinth" Faune und Faschisten


"Pans Labyrinth" erzählt von einem Mädchen, das versucht, aus dem Alltag des spanischen Faschismus in eine Fabelwelt zu fliehen. Die magische Mischung aus Märchen und Historiendrama beeindruckt, berührt - und ist zu Recht für sechs Oscars nominiert.
Von Ralf Sander

Es war einmal in einer gar nicht so weit entfernten Diktatur... So könnte der erste Satz lauten, wenn Guillermo del Toro seine Geschichte von "Pans Labyrinth" erzählen würde. Kinder freuten sich vielleicht auf ein Märchen, während erwachsene Zuhörer sich wahrscheinlich auf schlimme Ereignisse aus dunklen Zeiten gefasst machten. Recht hätten beide. "Pans Labyrinth" ist ein Märchen und ein Historiendrama. Allerdings nicht mündlich überliefert, sondern auf Zelluloid. Auf Film gebannt von einem Mexikaner, der das Fantastische liebt, es als Filmgenre ernst nimmt und deshalb mit Leben und Relevanz erfüllt wie kaum ein aktueller Filmemacher. Selten war Realismus magischer als in "Pans Labyrinth".

Spanien im Jahr 1944. Der Bürgerkrieg ist vorbei, das faschistische Regime von General Franco hat die Macht übernommen. Die junge Halbwaise Ofelia ist mit ihrer schwangeren Mutter Carmen auf dem Weg zu ihrem neuen Stiefvater Vidal, einem gefühlskalten, sehr autoritären Mann. Als Kapitän in Francos Armee jagt er an einem abgelegenen Ort mit großer Brutalität die letzten verbliebenen Widerstandskämpfer, die sich im Wald versteckt haben. Für das verträumte, sensible Mädchen ist das Leben in ihrem neuen Zuhause, das eher an ein Militärlager als ein Dorf erinnert, die Hölle. Umso mehr hält sie sich fest an ihren Büchern mit Märchen und Sagen.

Wenn es zu schlimm wird, flieht sie in die Wälder, wo sie eines Tages ein mysteriöses Tor entdeckt. Sie schleicht hinein, tastet sich durch verwinkelte Gänge hervor - und steht plötzlich vor einem großen dünnen Wesen mit dem Unterleib einer Ziege und riesigen Hörnern. Ofelia hat keine Angst, für sie steht die Existenz von Fabelwesen nicht in Frage. Umso begieriger hört sie der Geschichte zu, die der Faun Pan ihr erzählt: Ofelia sei die sagenhafte Prinzessin der Unterwelt, die vor ewigen Zeiten die Welt der Menschen betrat und nie zurückkehrte - bis jetzt. Drei Aufgaben müsse sie lösen, dann könne sie in ihr Königreich zurückkehren und ihren Platz auf dem Thron einnehmen. Das lässt sich das Mädchen nicht zweimal sagen, zu schlimm ist ihr Leben in dieser Welt. Da spielt es keine Rolle, dass der Faun natürlich auch lügen könnte. Mutig stürzt sie sich ins Abenteuer, tritt zum Beispiel einer Riesenkröte entgegen und einem dünnen Mann mit wabbeliger Haut, dessen Augäpfel sich in seinen Handflächen befinden.

Doch keine der Aufgaben ist so entsetzlich wie die Herz und Hirn vergiftenden Auswirkungen des Faschismus, denen Ofelia nicht entkommen kann. Die grausamen Taten der Franco-Soldaten bleiben dem Mädchen ebenso wenig verborgen wie die Tatsache, dass Kapitän Vidal ihre Mutter nur als Gebärmaschine für seinen Erben betrachtet und sie dementsprechend behandelt. Dabei verläuft Carmens Schwangerschaft sowieso sehr problematisch. In der Umgebung ihres neuen Ehemannes scheint sie im Krankenbett einfach zu verwelken. Ofelia ist verzweifelt vor Angst um das Leben ihrer Mutter und ihres ungeborenen Bruders. Einzige erwachsene Vertraute der Elfjährigen ist die Haushälterin Mercedes, eine patente, mutige Frau - die ständig in Lebensgefahr schwebt, weil sie die Freischärler in den Wäldern unterstützt. Bald überschlagen sich die Ereignisse und stürzen auf ein Ende zu, dass nicht unbedingt der Regel "Märchen haben immer ein Happy End" folgt.

Sichtweisen

Oder doch? Del Toros Meisterwerk bietet dem Zuschauer ein Labyrinth möglicher Sichtweisen und Themen, über die es sich nachzudenken lohnt.

Existiert Pans Welt wirklich oder nur im Kopf des Mädchens? Sind Ofelias fabelhafte Abenteuer ein Akt kindlicher Weltflucht oder eine Version politischen Widerstandskampfs, auf die einzige Weise, die ihr möglich ist? So wie Mercedes den pragmatischen Weg wählt und sich Ofelias Mutter auf stoisches Erleiden beschränkt?

Und nicht zuletzt stellt sich immer wieder die Frage: Wie hätte man selbst sich unter solchen Bedingungen verhalten?

Solche analytischen Gedanken sind allerdings am besten nach dem Film aufgehoben. Währenddessen gilt es zu fühlen, zu leiden, zu staunen, sich verzaubern zu lassen auf eine betörend-bedrückende Art und Weise. Wie del Toro das Historische, das Drama und das Märchen mit einander verwebt, ist meisterhaft: Obwohl die "reinen Märchenszenen" mit dem Faun und Ofelias Aufgaben nur einen relativ geringen Anteil an der Gesamtlaufzeit ausmachen, ist der ganze Film geprägt von einer magischen Atmosphäre, die mal mehr, mal weniger stark hervortritt. Sogar in den schlimmsten Szenen, wenn Vidal bestialisch wütet, ist sie zu spüren, ohne die Authentizität des Gezeigten zu schwächen. Erreicht wird diese visuelle Kraft vor allem durch die brillante Kameraführung von Guillermo Navarro und das umwerfende Produktionsdesign von Eugenio Caballero. Die Optik des Film wurde stark beeinflusst von dem spanischen Maler Francisco de Goya und dem englischen Märchenbuch-Illustrator Arthur Rackham.

Das ausgezeichnete Darstellerensemble trägt das Seine bei. Allen voran die zur Zeit der Dreharbeiten elf Jahre alte Ivana Baquero in der Rolle Ofelias. Sie vollbringt das Kunststück, immer etwas entrückt-verloren und gleichzeitig mitten im Leben stehend zu wirken. Und Sergi Lopez als Kapitän Vidal verlässt sich auf eine eiskalte Ausstrahlung und kommt völlig ohne Klischees vom irren Nazi aus.

Bedingungslos visionär

Nach zwei US-Produktionen - "Blade 2" und der sehr gelungene "Hellboy" - hat der Mexikaner del Toro wieder in seiner Muttersprache gedreht und von der Regie über das Drehbuch bis zur Produktion alles selbst in die Hand genommen. Eine Geschichte ohne einfache Lösungen, kaum Action, kein klassischer Showdown und nur die Masken und Spezialeffekte, die wirklich nötig waren - der Schöpfer ist bedingungslos seiner Vision gefolgt. Vielleicht folgt die Academy of Motion Picture Arts and Sciences ihr auch. "Pans Labyrinth" ist für sechs Oscars nominiert, darunter als bester fremdsprachiger Film.


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