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"Paradies: Hoffnung" im Kino Erste Liebe und Seelenqualen


Mit "Paradies: Hoffnung" kommt der letzte Teil von Ulrich Seidls Trilogie ins Kino. Der Regisseur erzählt von der ersten Liebe einer Jugendlichen. Abermals wagt er eine ungewöhnliche Perspektive.

Der Schönheitswahn hat längst Jugendliche und ihre Eltern ergriffen. Das greift auch der österreichische Regisseur Ulrich Seidl auf und nimmt dessen Auswirkungen in "Paradies: Hoffnung" als Ausgangspunkt. Er begleitet die 13-jährige Melanie in ein Sommercamp für Übergewichtige. Hier versucht das Mädchen nicht nur, einige Pfunde los zu werden. Es verliebt sich in den Diätarzt und hofft, dass ihre Liebe ins Paradies führt.

1995 provozierte Ulrich Seidl mit "Tierische Liebe", einer Dokumentation über pervertierte Formen des Miteinanders von Menschen mit ihren vierbeinigen Hausgenossen, im deutschsprachigen Raum eine heftige Kontroverse. Auch die zwei ersten Teile seiner "Paradies"-Trilogie, "Paradies: Liebe" und "Paradies: Glaube", wurden im vergangenen Jahr international viel diskutiert. "Paradies: Glaube" löste wegen einer Sexszene - in der die Hauptdarstellerin mit einem Kruzifix im Bett masturbiert - im Herbst gar einen Skandal beim Filmfestival Venedig aus.

Gesellschaftskritik ganz nebenbei

Der Abschluss der Trilogie überrascht nun mit einer geradezu zärtlichen Erzählweise. Seidl karikiert zwar in der von ihm gewohnten satirischen Überspitzung den Schlankheitswahn und dessen Folgen. Mit viel Komik und sogar Slapstick zeigt er den irrwitzigen Drill, mit dem die Heranwachsenden den stromlinienförmigen Vorstellungen von Schönheit angepasst werden sollen. Ganz nebenbei geißelt er damit erneut eine Gesellschaft, in der nicht einmal mehr ein äußeres Abweichen von vermeintlichen Normen als schicklich gilt.

Vor allem jedoch fällt auf, dass der Autor und Regisseur den Protagonisten durchweg eine schöne Würde lässt. Er beleuchtet die seelische Not von Melanie mit geradezu sanfter Zuneigung. Die Geschichte vom Erwachen ihrer frühen erotischen Sehnsucht und der daraus resultierenden tiefen Enttäuschung wird durchweg von einem mitfühlenden Erzählton getragen.

Die Gefahr der Sackgasse

Die Verbindung zu den beiden anderen "Paradies"-Filmen ergibt sich über die Figur der Melanie. Sie ist die Tochter der Frau, die in "Paradies: Liebe" als Sextouristin in Kenia scheitert und die Nichte der religiösen Fanatikern aus "Paradies: Glaube". Doch wo Seidl die Protagonistinnen der Vorgängerfilme von vornherein an Borniertheit, emotionaler Armut und geistiger Beschränkung scheitern lässt, gesteht er Melanie Chancen auf Selbstverwirklichung zu.

Allerdings wird Ulrich Seidls Botschaft bei aller Sanftmut doch unmissverständlich klar: Wenn Jugendliche von den Erwachsenen nur auf soziale und kulturelle Grenzen gestoßen werden, landen sie in denselben Sackgassen öden Vor-sich-hin-Vegetierens, in denen bereits die Elterngeneration gestrandet ist.

Ein unerwartet optimistisches Ende

"Paradies: Hoffnung" lebt insbesondere vom überaus authentisch wirkenden Spiel der jugendlichen (Laien-)Hauptdarstellerin. Melanie Lenz gelingt es, die inneren Nöte des Mädchens, deren Liebe nicht zum Happy End führt, völlig glaubwürdig wirken zu lassen. Ihre der Jugend entsprechende linkische Körpersprache wirkt natürlich und stützt die sehr knappen Dialoge, in denen die innere Unsicherheit der Pubertierenden zum Ausdruck kommt.

Dieser Spielfilm beleuchtet mit einer oft geradezu nüchtern-dokumentarischen Bildsprache sehr behutsam die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Dem Titel "Paradies: Hoffnung" entsprechend endet er nicht, wie die zwei Vorgängerfilme, in düsterer Resignation. Offenkundig gehört es auch für einen Skeptiker wie Ulrich Seidl zu den Wahrheiten des Lebens, dass junge Menschen mit Mut und Selbstbewusstsein die Zukunft offen steht.

Peter Claus, DPA DPA

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