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"Streethawk": Flieg, Straßenfalke, flieg!

Die Antwort auf "Knight Rider": Ein junger Polizist bekommt ein Versuchsmotorrad in die Finger, den Streethawk. Zusammen mit seinem Partner kämpft er damit gegen alle Schurken in Los Angeles.

Erinnern Sie sich noch an "Knight Rider"? Genau, der quasselnde TransAm. Fand ich in jungen Jahren super. Tolles Auto, Computer und ganz viel blinkende Lämpchen – das Konzept der Serie deckte sich mit meinen Vorlieben. Nur David Hasselhoff störte.

Meine Bewunderung für amerikanische Sportwagen hielt nicht lange. Blöde Spritfresser. Schuld am Sinneswandel war RTL, wo man zu der Zeit einen mehr oder weniger würdigen Knight-Rider-Nachfolger suchte. Die vorübergehende Antwort hieß "Streethawk", Straßenfalke. Mangels Interesse an Mädels findet man kurz vor der Pubertät, so um 1987/88, Serien, die so heißen, cool.

Total geheimes Versuchsmotorrad

Ursprünglich lief Streethawk 1985 in Amerika bei ABC. Allerdings nur 13 Folgen lang, aber das bekam man von RTL natürlich nicht gesagt. Die Story ist aus heutiger Sicht schnell erzählt: Ein junger draufgängerischer Polizist bekommt ein total geheimes Versuchsmotorrad in die Finger, den Streethawk. Zusammen mit seinem Partner kämpft er damit gegen alle Schurken, die im nächtlichen Los Angeles zu finden sind.

Klingt irgendwie nach Knight Rider und Airwolf, war aber natürlich viel besser. Alles begann mit einem Intro, in dem ganz offensichtlich ein Schlagzeug vergewaltigt wurde und eine furchtbar theatralische Stimme sagte "Der Mann, die Maschine... Streethawk". Anschließend schrammelte ein Synthesizer. Wenige Sekunden später tauchte Streethawk mit einem heiseren Fauchen aus dem Nebel auf und nahm die Kamera mit auf eine nächtliche Spritztour durch Los Angeles. Dabei war der Ofen so schnell, dass alle Lichter der Stadt zu langen Linien verschwammen. Wahnsinn!

Ohne Neben ging es nicht

Nebel war ganz wichtig. Es gab kaum eine Szene, in der Hauptdarsteller Rex Smith als Jessie Mach mit seinem Super-Bike nicht durch Nebel fuhr. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass es in Los Angeles nicht immer so diesig ist. Die Macher der Serie versuchten damit nur, die erbärmlichen Kulissen zu kaschieren.

Mit zehn oder elf Jahren hatte man für die kleinen Ungereimtheiten billiger Fernsehserien keine Verwendung. Was zählte, war die Illusion, dass der Streethawk per "Hyperthrust"-Taste schneller fahren konnte als der verfluchte Knight Rider und dabei von einem im Rollstuhl sitzenden Superhirn (Joe Regalbutto als Norman Tuttle) in der Zentrale überwacht wurde, während Mutti einen mit ihrem lahmen Polo zum Training kutschierte.

Feuer frei

Natürlich zweifelte man als Streethawk-Fan auch nicht daran, dass ein dickes Maschinengewehr und ein Raketenwerfer problemlos in einem Motorrad unterzubringen waren. Knight Rider konnte schließlich auch aus dem Stand über einen fahrenden Zug springen, oder?

"Lass um Gottes Willen das Motorrad heil!"

Jessie Mach hatte es leicht, dem guten alten Michael Knight den Rang abzulaufen. Als Held, der von mir bewundert werden wollte, durfte man nicht viel zu sagen haben. Lasst Taten sprechen! Kein Problem für Jessie, dessen Texte sich meist auf einfache Dialoge mit Norman Tuttle beschränkten. Inhalt: "Lass um Gottes Willen das Motorrad heil!". Das gelang nicht immer. Nach so manchem Sprung über Autos und andere Hindernisse hatte ich schon damals den Eindruck, dass der praktisch unzerstörbare Streethawk arg zerfleddert aussah.

Dass das Bike zur nächsten Folge taufrisch aussah, lag natürlich weniger an den handwerklichen Fähigkeiten von Norman Tuttle als vielmehr an einem fähigen Schreiner, der den Straßenfalken mit viel Holz und noch mehr schwarzer Farbe wieder kameratauglich machte. Und gab es doch mal Mängel, war da ja immernoch die Nebelmaschine.

Nach 13 Folgen war Schluss. Streethawk verschwand einfach von den Straßen. Ohne Ankündigung, ohne Trauergottesdienst und ohne eine Adresse, die man mit "Wir wollen Streethawk wiederhaben"-Postkarten belästigen konnte. Für alles haben Tierschützer ein Herz, nur nicht für Straßenfalken. Es wird Zeit, mal eine E-Mail an RTL 2 zu schreiben...

Jochen Knecht