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Sänger und Reality-Star Menderes Bağcı: Er will Mut machen, kein Mitleid einheimsen

Der Musiker Menderes Bağcı
Der Musiker Menderes Bağcı, 37
© Stefan Gregorowius / Picture Alliance / RTL+
Er wurde als wohl hartnäckigster Kandidat der Castingsshow "Deutschland sucht den Superstar" bekannt. Inzwischen ist Menderes Bağcı etablierter Musiker, TV-Star und, fast nebenbei, Experte fürs Weitermachen. Der stern hat mit dem 37-Jährigen gesprochen.

2002 bewarb sich der gebürtige Rheinländer Menderes Bağcı zum ersten Mal als Kandidat bei "Deutschland sucht den Superstar". Juror Dieter Bohlen fand ihn amüsant, das Publikum fand ihn sympathisch. Wer nicht von seinen Gesangskünsten überzeugt war, war es jedoch bald von seinem Durchhaltewillen: Trotz Ablehnung der Jury versuchte der heute 37-Jährige sein Glück jedes Jahr erneut, wurde so auch ohne Bohlens Gnade zum Star. Im Interview mit dem stern spricht er über Motivation, Geduld und Selbstironie.

Hallo Menderes, Sie waren ja kürzlich gerade bei Jan Böhmermann im "ZDF Magazin Royale" zu sehen. Wie waren die Reaktionen auf Ihren Auftritt?
Ich war in der Vergangenheit schon des Öfteren zu Gast und die Leute fanden das immer lustig. Das ist ja eine Satiresendung, es geht um Spaß. Für Leute, die keinen Humor besitzen, ist das natürlich nichts. Aber bisher war die Resonanz eigentlich immer positiv.

Sie konnten ja schon oft mit Ihrer Selbstironie punkten. Fühlen Sie sich wohl damit, dass Sie diese Rolle innehaben, oder denken Sie manchmal, dass Sie eigentlich lieber einfach nur Musik machen würden?
Wir Menschen sind doch anpassungsfähig. Mal sind wir lustig, mal sind wir traurig, mal sind wir wütend, das switcht ja. Mit mir kann man auch ernste Gespräche führen. Ich kann mich für verschiedene Rollen begeistern, letztendlich entscheidet das Publikum, was ihm gefällt. Was ich mache – manche lieben das, für manche ist das schwachsinnig. Viele, die gern Party machen, mögen meine Musik. Das ist eben Partymusik. Es ist wie bei Schauspielern, die sind ja auch nicht immer in derselben Rolle. Ich fühle mich mehr oder weniger wohl, sage ich mal. Selbstironie gehört halt dazu.

Was hat bei Ihnen eigentlich ursprünglich den Wunsch geweckt, Musiker zu werden? Haben Sie Vorbilder?
Die Leute haben mich da auf Michael Jackson festgelegt, der kam aber erst relativ spät. Der ist der größte Musiker, der größte Entertainer. Aber früher habe ich immer "Knight Rider" geguckt, und da gab es David Hasselhoff. "Looking for Freedom". Das war mein Vorbild, als ich ganz klein war. Meine Eltern haben sich früh scheiden lassen und meine Mutter hatte dann einen neuen Lebenspartner. Der hat eher Volksmusik gehört, das "Musikantenstadl" geguckt. Da habe ich dann auch Roy Black und sowas gehört. Das kam auch dazu, ich habe also verschiede Einflüsse. Auch türkische Künstler, die ich gut fand. Es gab auch eine Phase, da habe ich viel Rolf Zuckowski gehört und solche Kinderlieder mitgesungen.

Kamen Sie deswegen auch auf die Idee, den Kindersong "Nano vom Planeten X" aufzunehmen?
Das war nie mein Plan, das ist spontan entstanden. Die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, dachten sich, wir könnten mal etwas Neues ausprobieren. Wenn man überlegt, ist das ja auch kein Kindersong in dem Sinne, sondern die Musik ist für alle geeignet, eigentlich. Wenn man die Songs vom Ballermann hört und die Texte vergleicht ... das ist ja massenkompatibel. Am Ende des Tages geht es darum, dass es Musik ist, die Leuten gefällt. Dass man denen ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann – und manchen vielleicht auch ein Schmunzeln.

Wer ist denn in der Regel Ihr Publikum, wenn Sie auftreten? Wer steht da so vor Ihnen?
Bei mir ist das bunt gemischt. Von der Oma bis zum kleinen Baby, Familien mit Kindern. Das ist alles querbeet, eine bestimmte Zielgruppe habe ich nicht. Bei mir ist es so: Ich habe ja alle irgendwie erreicht, durch meine Art und die Auftritte in gewissen Sendungen (bei "Deutschland sucht den Superstar" und im "Dschungelcamp" bei RTL, Anm. d. Red.). Ich habe nicht alle mit meiner Musik positiv erreicht (lacht), aber die mögen vielleicht meine Persönlichkeit. Nicht alle kommen zu meinen Auftritten wegen der Musik, die wollen oft eher ein bisschen reden oder ein Foto machen. Die sind anfangs vielleicht skeptisch, sagen dann aber: 'Hey, ich wusste gar nicht, dass du so coole Musik machst, das macht Spaß'! Die Musik ist da manchmal sekundär, da geht's dann eher um das Menschliche.

Ist es für Sie okay, dass Sie für viele Fans wahrscheinlich immer noch vorrangig der hartnäckige DSDS-Kandidat sind?
Mein Anspruch ist natürlich, die Menschen mit meiner Musik zu erreichen und die in den Vordergrund zu rücken. Das habe ich in letzter Zeit auch geschafft, ich habe viel positives Feedback bekommen. Aber so ist es auch nicht tragisch, es ist ja schön, wenn die Leute einen mögen. Damit kann man auch arbeiten.

Sie haben damals von Dieter Bohlen bei "Deutschland sucht den Superstar" immer wieder eine Breitseite abbekommen, aber es dennoch in jeder neuen Staffel stets wieder versucht. Wie sind Sie mit der ständigen Ablehnung umgegangen? 
Das hat was mit Selbstdisziplin zu tun. Wenn man etwas erreichen will in diesem Bereich, muss man schon hartnäckig sein. Ich habe damals noch eine Ausbildung parallel gemacht und dann den Aufruf für "DSDS" gesehen. Ich hab' gedacht, das ist jetzt meine Riesenchance. Und dann mein Glück versucht. Mir war anfangs gar nicht bewusst, dass sie das dann im Fernsehen ausstrahlen werden, weil ich ja gar nicht die nächste Runde erreicht hatte. Ich habe mich dann durch Zufall unter den "schrägsten Kandidaten" auf Platz zwei gesehen. Das hat mich enorm geärgert, ich dachte, ich kann das nicht so stehen lassen. Ich habe gehofft, dass es noch eine Staffel gibt und ich mich dann besser präsentieren kann. So hat sich das verselbstständigt, aber es hat nie geklappt. Ich habe an mir gearbeitet, an meinem äußeren Erscheinungsbild, an meiner Stimme, habe neue Songs ausprobiert. Natürlich ist das nicht für jeden geeignet, man muss da schon eine harte Schale haben. Dieter Bohlen hat mir ein paar harte Sprüche gegeben. Ich konnte das einstecken. Muhammad Ali musste im Boxring ja auch viel einstecken.

Woher nehmen Sie die Energie, weiterzumachen? Haben Sie Tipps, wenn es mal schlecht läuft, wie man sich aus einem Loch wieder herausholen kann?
Manchmal ist es im Leben so, dass man sich viel Mühe gibt, aber lange nicht dafür belohnt wird. In meinem Fall war es so, dass ich dann irgendwann belohnt wurde, als ich bei "DSDS" den Recall-Zettel bekommen habe. Das war mein großes Ziel, das war schon ein tolles Gefühl. Aber zwischendurch kann einem schon die Motivation verlorengehen, darum braucht man dann Disziplin. Damals hat man mir gesagt, ich würde es niemals mit der Musik schaffen – da hat mich der Ehrgeiz gepackt. Es gibt Leute, die machen zehn Jahre Musik, zwanzig Jahre, und keiner nimmt davon Notiz – und dann haben sie einen Hit! Wenn du ein großes Ziel hast, lass dich nicht beirren und mach weiter. Du musst immer bereit sein, plötzlich deine Chance zu bekommen.

Ich weiß nicht, ob Sie es verfolgt haben, aber als sich kürzlich Friedrich Merz zum inzwischen dritten Mal als CDU-Vorsitzender beworben hat, gab es in den sozialen Netzwerken oft den Vergleich mit Ihnen. Es wurde gescherzt, dass er sich die Hartnäckigkeit bei Ihnen abgeguckt hätte. Finden Sie das lustig?
Ich finde das meiste lustig! (lacht) Ich habe das am Rande mitbekommen, so sehr befasse ich mich nicht mit sowas. Es gibt da keinen Vergleich zu mir, aber klar, wenn man nur diesen einen Punkt herauspickt, dann passt das schon. Allgemein sind wir ansonsten ganz grundverschiedene Menschen. Aber ich find's lustig, wieso nicht? Die Leute sollen sich mal merken, dass man nicht alles immer beim ersten Versuch schaffen muss. Mein Anspruch ist, die Leute zu motivieren und zu sagen: Hey, ihr könnt alles schaffen! Oder zumindest einen Teil davon, ein Drittel oder ein Viertel.

Haben Sie in den sozialen Medien Hater oder Trolle, und wenn ja, wie gehen Sie mit denen um?
Klar gibt es Leute, die da was schreiben, aber das ist die Minderheit. Natürlich biete ich den Leuten Angriffsfläche. Aber das hält sich im Rahmen – die sollen ihre Meinung äußern. Darum würde ich nicht sagen, dass mich das in meinem Leben einschränkt. Wenn gar keiner mehr über dich redet, ist es auch nicht schön. Solange das nicht zu sehr ins Negative abdriftet, solange ist alles in Ordnung. Die Leute kennen mich ja auch gar nicht wirklich, ich bin auch immer anders, wenn man mit mir privat redet, oder wenn ich auf der Bühne stehe und das Publikum und den Veranstalter zufriedenstellen muss. Es gibt Comedians, die privat gar nicht lustig sind. Deren wahre Persönlichkeit kennt man gar nicht, nur deren private Freunde. Bei mir ist meine Persönlichkeit da noch so mit in die Kunst hineingeglitten, da gibt es keine klare Grenze.

Sind Sie da manchmal neidisch drauf, dass Sie das auch gerne so trennen können würden?
Das ist ein guter Punkt. Mir gefällt das, es ist alles okay. Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich manchmal gern, dass man mein Gesicht nicht kennt. Dann wäre ich mit der Musik erfolgreich, aber niemand wüsste, dass das meine Musik ist. (lacht) Es wäre schön, wenn ich selber entscheiden könnte, wann mich die Leute erkennen, und wann nicht. Je nachdem, wann ich einen guten Tag habe. Aber das geht ja nicht.

Können Sie von Ihren Auftritten inzwischen gut leben?
Das mache ich schon seit einigen Jahren. Die Frage ist: Was ist dein Anspruch? Für manche ist 10.000 viel, für manche wenig. Für manche ist 1000 viel, für manche wenig. Man kann ja auch mit wenig auskommen. Ich komme zurecht mit dem, was ich mir erarbeite. Ich bin aber nie ganz zufrieden, das gehört dazu – sonst ruht man sich aus und denkt, es läuft alles.

Wie hart hat Sie die Corona-Krise getroffen?
Wie jeden anderen Bürger in Deutschland auch. Das letzte und dieses Jahr gab's Phasen, die nicht so schön waren, durch den Lockdown und Wegfall von Auftritten. Das hat mich schon verändert. Ich war aber vorher schon ein Mensch, der gern allein ist, ich konnte micht gut selbst beschäftigen und konnte das kompensieren. Aber es war eine komische Zeit, wie durch einen Schleier.

Was wünschen Sie sich in Zukunft noch für Ihre Karriere? Wo möchten Sie hin?
Es kann alles immer besser werden! Mein Ziel ist, weiter Musik zu machen, gute Partymusik zu veröffentlichen. Vielleicht schaffe ich es ja doch mal in die Charts, aber das steht bei mir nicht mehr an oberster Stelle. Aber ich mag Mitleid nicht, das kommt bei den Leuten noch oft zum Vorschein. Ich muss niemandem leid tun, ich benötige das Mitleid nicht. Klar, ich habe etwa im 'Dschungelcamp' Einblicke in mein Leben gegeben und in das, was mich belastet, aber ich wollte damit zeigen, dass man sich trotzdem durchs Leben kämpfen kann. Manchmal musst du durch eine kalte, harte Zeit durch, und dann kommst du wie Phönix aus der Asche hervor. Das ist ein tolles Gefühl. Konstruktive Kritik ist besser als Mitleid.

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