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"True Grit"-Kinokritik: Balsam für die amerikanische Seele

Die Coen-Brüder sind mit schräg-ironischen Geschichten jenseits des Mainstreams berühmt geworden. Ihr neuer Film "True Grit" ist verdientermaßen ein Kassenerfolg, das Publikum liebt die Wiederbelebung des klassischen Westerns. Wie konnte es dazu kommen?

Von Carsten Heidböhmer

Es hat lange gedauert. Viele Jahre haben die Brüder Joel und Ethan Coen kleine, aber feine Filme abgeliefert, von Kritikern überschwänglich bejubelt und von einer überschaubaren Schar Kinofans innig verehrt - unbeachtet jedoch von der breiten Öffentlichkeit. Und auch die Oscar-Academy ignorierte filmische Kleinode wie "Barton Fink", "Hudsucker", "The Big Lebowski" oder "The Man Who Wasn't There" schändlich, und für "Fargo" erhielten die beiden 1997 nur den Trostpreis in der Kategorie bestes Originaldrehbuch.

Doch die Situation hat sich grundlegend gewandelt: Spätestens seit ihr Thriller "No Country For Old Men" die Kinokassen stürmten und weltweit 162 Millionen Dollar umsetzten, war die Zeit der Coen-Brüder gekommen: 2008 wurden sie mit Oscars geradezu überschüttet - die schrägen Filmemacher wurden offiziell vom Hollywood-Mainstream adoptiert. Und da fühlen sich die beiden offenkundig wohl: "True Grit" übertraf den Erfolg sogar und spielte allein in den USA 86,8 Millionen Dollar ein. Die Coen-Brüder, als charmante Außenseiter gestartet, sind in der Mitte der amerikansichen Gesellschaft angekommen - wie konnte das passieren?

Als der Westen noch wild war

"True Grit", der an diesem Donnerstag auch in den deutschen Kinos startet, gibt eine klare Antwort darauf: Es ist ein klassischer, schnörkelloser Western aus der guten alten Zeit, als der Westen noch wild war und die USA eine aufstrebende Nation. Als es weder Vietnam- noch Afghanistan-Krieg gab, kein 9/11 und schon gar keine Finanzkrise das amerikanische Selbstbewusstsein trübten. Es ist ein Film, wie man ihn als Jugendlicher sonntagnachmittags mit seinem Vater im Fernsehen angeschaut hat. Doch die Coens wären nicht die Coens, wenn sie sich damit begnügen würden, eine glorreiche Vergangenheit aufzumalen. Bi aller Klassizität ist es wieder ein für sie typischer Film geworden: mit präzisen, lakonischen Dialogen, eruptiven Gewaltausbrüchen und Einsprengseln ihres schrägen Humors.

Für ihre Wiederbelebung des amerikanischen Freiheitsgeistes stützen sich Joel und Ethan Coen auf den gleichnamigen Roman von Charles Portis aus dem Jahr 1969, der damals mit John Wayne in der Hauptrolle verfilmt wurde und für den der Haudegen 1970 den einzigen Oscar seiner Karriere erhielt. Die Neuverfilmung hebt sich bewusst von dem Vorläufer ab und nimmt stärkeren Bezug auf die literarische Vorlage. Jeff Brigdes in der Rolle des Rooster Cogburn ist deutlich kaputter, versoffener als der Vorgänger. Überhaupt wollen die Regisseure mit John Wayne nicht viel zu tun haben. Auf der Pressekonferenz zur Berlinale, die mit "True Grit" eröffnet wurde, distanzierten sich Joel und Ethan Coen auffällig von dem Schauspieler: Er sei kein Teil seiner Filmerfahrung gewesen, sagte Ethan, und Joel ätzte, dass ihn heutige Kinder gar nicht mehr kennen. John Wayne, so die Botschaft, sei die Vergangenheit. Als kleinen ironischen Gruß an den für seine reaktionäre politische Eistellung bekannten Westernheld trägt Jeff Briges die Augenklappe rechts, Wayne dagegen war im Film auf dem linken Auge blind.

Rasende Gäule, rauchende Colts

Erzählt wird die Geschichte der 14-jährigen Mattie Ross (gespielt von der ebenso alten Hailee Steinfeld), die den Mord an ihrem Vaters rächen will und den Marshall Rooster Cogburn damit beauftragt, den Mörder Tom Chaney (Josh Brolin) zur Strecke zu bringen. Dem ist auch der tumbe Texas-Ranger La Boeuf (Matt Damon) auf den Fersen. Und so macht sich bald ein merkwürdiges Trio auf den Weg in die Wildnis von Arkansas. Es geht über Berge, durch Täler, in tiefen Wald und durch Schnee. Unterwegs sehen sie aufgeknüpfte Ganoven, begegnen merkwürdigen Medizinmännern, zerstreiten sich untereinander - und finden schließlich Tom Chaney. Der hat sich inzwischen einer Bande angeschlossen, die Cogburn schon lange zur Strecke bringen will. So kommt es auf offenem Felde zum finalen Showdown, bei dem auch Mattie nicht ungeschoren davon kommen wird.

Epische Landschaften, rasende Gäule, rauchende Colts: Mit ihren klassischen Western-Elementen wecken die Coen-Brüder Erinnerungen an die große Zeit Hollywoods - die nicht zufällig mit der Periode zusammenfällt, wo der American Dream noch gelebt wurde und die USA die Welt kulturell dominierten. Die Zuschauer lieben solcher Assoziationen und strömten massenhaft ins Kino. Die Coen-Brüder haben jedoch keinen reaktionären Film gemacht, der ein amerikanisches Großmannsdenken rehabilitieren möchte. "True Grit" ist ein postheroischer Film, es gibt keine Helden, keine Identifikationsfiguren. Am Ende kann es keine Gewinner geben. Eine Wahrheit, die man der amerikanischen Gesellschaft inzwischen zumuten kann. Und dafür sogar noch honoriert wird. Wie sehr, wird sich Sonntagnacht zeigen, wenn die Academy die Oscars 2011 vergibt.