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Berlinale 2011: Politik, Glamour und jede Menge Baustellen

Heute abend starten die 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Selten sah die Berlinale der Haupstadt so ähnlich wie in diesem Jahr: viele große Baustellen. Und das ist gut so.

Von Sophie Albers, Berlin

Ein Wunsch wurde Berlinale-Chef Dieter Kosslick bereits gewährt: So knochenklirrend kalt wie im vergangenen Jahr wird es diesmal zumindest in der Eröffnungswoche nicht werden. Acht Grad verspricht die Vorhersage für Donnerstagabend, wenn der Oscar-Favorit "True Grit" das Festival eröffnet. Da könnte Kosslick fast sein Markenzeichen, den roten Schal, zu Hause lassen. Lässt er aber lieber nicht, schließlich hat der 62-Jährige zu seinem zehnten Job-Jubiläum einiges auf dem Zettel: Weltpolitik, einen Neuanfang, technischen Fortschritt und natürlich auch - wie immer - die Rettung des Kinos als solches.

Und das, nachdem der deutsche Film in der vergangenen Woche einen gewaltigen Schlag verkraften musste. Der plötzliche Tod des gleichermaßen leidenschaftlich geliebten wie gehassten Über-Produzenten Bernd Eichinger hat eine Lücke gerissen, vor der die deutsche Filmszene nun ratlos herumsteht. Das sollte das drittgrößte Filmfestival der Welt nicht stören, könnte man meinen. Doch weil Eichinger das deutsche Kino auch in die Welt getragen hat, wird diese kleine dunkle Wolke Kosslicks Fest auf jeden Fall begleiten.

Der leere Jurystuhl

Ebenfalls eine ernste Angelegenheit ist der leere Jurystuhl von Jafar Panahi. Der iranische Regisseur wurde in seiner Heimat als Regimekritiker zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt. Zwar sagt Kosslick, dass er die Hoffnung auf Panahis Anreise noch immer nicht aufgegeben habe, doch der rote Teppich wurde bereits zur Demonstrationsroute erklärt, auf der Berlinale Talent Campus wird "Zensiertes Kino" Thema sein, und in mehreren Berlinale-Sektionen werden Panahis Filme gezeigt. So forsch und realpolitisch war das politischste der Filmfeste lange nicht mehr.

Denn es geht auch um Russlands juristische Willkür. Er ist zwar in Freiheit, doch bekommt ebenfalls der russischstämmige Regisseur Cyril Tuschi die Macht des Kinos zu spüren - beziehungsweise die Angst davor. Sein Dokumentarfilm über den in Russland inhaftierten Ex-Oligarchen und Kremlkritiker Michail Chodorkowski soll auf der Berlinale Weltpremiere feiern. Fünf Jahre Arbeit, zig Interviews, unter anderem das einzige gesprochene Interview mit Chodorkowski in sieben Jahren. Am vergangenen Freitag wurden Tuschis Produktionsräume in Berlin verwüstet und Rechner gestohlen. Darauf war unter anderem die 111-minütige Endfassung des Films. Das verhindert glücklicherweise nicht, dass der Film gezeigt wird, denn der Berlinale liegt eine etwas ältere Fassung vor.

Die 61. Berlinale ist mitten drin in der Realität. Und das, obwohl Kosslick angekündigt hat, nach dem kräftezehrenden 60. Jubiläum im vergangenen Jahr ein bisschen zu entspannen und zudem "ein bisschen von vorn" anzufangen. "Wir haben uns gesagt: Wir machen mal ein anderes Programm und versuchen, neue Formen und Tendenzen im Weltkino zu entdecken", so seine Ankündigung.

Frauen und Gewalt

Zu den neuen Formen gehört die Kinohoffnung 3D-Technik, die mit vier Filmen im Wettbewerb vertreten ist. Darunter Wim Wenders' Tanzfilm "Pina" und die Dokumentation über Höhlenmalerei "Cave Of Forgotten Dreams" - vom letztjährigen Jurypräsidenten Werner Herzog.

16 Filme laufen im Wettbewerb, dazu sechs außer Konkurrenz. Zwei deutsche Beiträge sind im Rennen um den Goldenen Bären mit dabei: Andres Veiels RAF-Drama "Wer wenn nicht wir" und Ulrich Köhlers Film zum Thema Entwicklunghshilfe: "Schlafkrankheit". Insgesamt werden in den zehn Festivaltagen 385 Filme aus 58 Ländern - von Ungarn bis Israel - zu sehen sein.

Zu den angekündigten neuen Trends gehört mehr Weiblichkeit. Vier Regisseurinnen sind diesmal im Wettbewerb vertreten, und auch thematisch soll es mehr um Frauen gehen. "True Grit" sei schließlich ein "Frauenfilm", so Kosslick. Anderer Schwerpunkt sei das ewige Thema Gewalt - von albanischer Blutrache bis zum Selbstmord im digitalen Raum.

Bleibt der Glamour, den einige Kritiker schon wieder vermissen. Dabei haben sich neben Jeff Bridges und den Coen-Brüdern auch Madonna, Diane Kruger und Demi Moore angekündigt. Helena Bonham Carter und Colin Firth werden "The King's Speech" präsentieren, Vanessa Redgrave kommt, und auch Kevin Spacey, Liam Neeson, Jeremy Irons und Ralph Fiennes wollen den roten Teppich in den Berlinale-Palast verschönern. Der Ehrenbär geht an den Übervater des deutschen Kinos Armin Mueller-Stahl.

Es verspricht eine vielseitige und diskussionsfreudige Berlinale zu werden. Ganz nach Kosslicks Geschmack. Und der sollte zum Dienstjubiläum ruhig mehr als einen Wunsch frei haben.