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"Walk the Line": Das Ringen um Erfolg und Liebe

Obwohl er optisch eher Elvis ähnelt, macht Joaquin Phoenix als Country-Legende Johnny Cash eine gute Figur und singt sogar selbst. "Walk the Line" zeigt Cashs Weg zum Erfolg und vor allem seine Liebe zu June Carter.

Von Kathrin Buchner

Raben kreisen über das verschneite Folsom-Gefängnis, ihr Geschrei fügt sich nahtlos in das Kreischen der Kreissäge. Die Kreissäge, die Johnnys Bruder die Hand abschneidet. Und weil Johnny angeln gegangen ist statt auf den Bruder aufzupassen, wird er von seinem übermächtigen Vater sein Leben lang mit Schuldvorwürfen verfolgt.

So geschickt spannt der Film den Bogen von dem Ort von Cashs größten Triumph zu dem Ausgangspunkt seines Schaffens, der Stachel für die Gier nach Anerkennung, seine Abgründe und seine Erlösung durch die wahre Liebe. Klingt pathetisch und ist auch so.

James Mangolds Biopic "Walk the Line" über die Country-Legende Johnny Cash erzählt auf den ersten Blick die übliche Story des Rock'n'Roll: große Träume kleiner Menschen, Geldmangel, Potenzial, das seinen Weg sucht, und der magische Augenblick, in dem man einen Mentor von seinem Schaffen überzeugt. In diesem Fall ist es Sam Phillips, Besitzer eines kleinen Tonstudios in Memphis und Betreiber des Sun-Labels, der "Johnny Cash & The Tennessee Two" unter Vertrag nimmt. Dann folgt der Durchbruch, viel Ruhm für einen einfachen Jungen von der Baumwollplantage in den Südstaaten, der ewige Tourstress, unterwegs mit den Buddys, unter anderem Jerry Lee Lewis und auch Elvis. Tausende Kilometer unterwegs sein, ein Marathon, der nur unter Einsatz von Aufputschmitteln zu bewältigen ist. Gähnende Langeweile vor dem Auftritt, der nur mit ständiger Benebelung auszuhalten ist, und worauf fast zwangsläufig der totale Absturz folgt.

Nicht die Sonnenseiten des Popstardaseins

In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Geschichte von Johnny Cash kaum von denen vieler anderen Rock'n'Roller, von Elvis bis Jim Morrison, von David Bowie bis Pete Doherty. Zerdepperte Hotelzimmer, Exzesse, Amphetamine und Alkohol. Aber trotz des Ruhms, der ausverkauften Konzerthallen, des frenetischen Empfangs von begeisterten Fans - es liegt wenig Schimmer, wenig Glamour in diesen Filmsequenzen. Mag es an der Schwermut in Johnnys Blick liegen, der von Joaquin Phoenix unglaublich intensiv verkörpert wird, mag es an seinem tiefen Glauben liegen, der immer wieder durchblitzt: es sind nicht die Sonnenseiten des Popstardaseins, die dieses Werk bestimmen.

Erlösung durch die Liebe zu June

Regisseur Mangold zeigt die Abgründe des Showbiz: sei es die Eheprobleme mit Johnnys ewig keifender ersten Frau Vivian, die ihm seine ständige Abwesenheit vorwirft, die Zusammenbrüche, den Entzug. Aber er zeigt auch die Erlösung durch die Liebe zu dieser unglaublich starken Frau. June Carter, die Johnny Cash aus dem Teufelskreis der Abhängigkeit rettete und zweifellos seine neue, lebenslange Droge wurde, sein großes Glück, sein Engel – obwohl Reese Witherspoon für diese Rolle ihre Haare nicht wie sonst engelsblond, sondern eben wie June dunkelbraun trägt.

Auf jeden Fall katapultierte sich Witherspoon in der Rolle als June Carter in die oberste Hollywood-Riege. Für diese Wandlung von der seichten Komödienactrice zur Charakterdarstellerin könnte sie sogar noch einen Oscar bekommen. Ebenso verdient und genauso gut wie Joaquin Phoenix, der den großen Star, den gebrochenen Menschen, den Stehaufkünstler, den absolut Liebenden so eindringlich spielt.

Hauptdarsteller singen selbst

Besonders hoch ist den beiden Darstellern anzurechnen, dass sie für ihre Rolle monatelang Gesangunterricht genommen haben und selbst die Lieder performen - was ihnen noch einen Tick mehr Glaubwürdigkeit gibt, die musikalische Intensität verstärkt und diesen unglaublichen Drive, diesen unglaublichen Beat von Cashs Werk transportiert. Schließlich geht es vor allem um musikalische Großleistungen, und die fegen jeglichen Kitsch davon.

Eine der schönsten Liebeszenen der letzten Jahre

Denn die wahre Geschichte ist tatsächlich Romanze pur, sogar für Hollywood fast zu perfekt: Nachdem June Johnny immer wieder abblitzen lässt, macht er ihr schließlich auf der Bühne einen Hochzeitsantrag. 1970, zwei Jahre später, bekommen sie den gemeinsamen Sohn (John Carter Cash, der als Musikproduzent arbeitet und bei dem Film als Executive Producer mitwirkte), touren gemeinsam durch die ganze Welt und leben glücklich zusammen bis an ihr Lebensende. Nur vier Monate nachdem June 2003 in Folge einer Herzoperation stirbt, folgt Johnny ihr ins Grab.

Symbolisch schafft Regisseur James Mangold diese unglaublich Liebe in einer der schönsten Liebesszenen der letzten Jahre zu transportieren: als nämlich June ihn beim Angeln von seinem Trauma erlösen und Vaterkomplex vertreiben wird. Anrührend und ein wenig kitschig, aber schwer-schön - dieser Film verlangt dem Zuschauer schon einiges ab!

  • Kathrin Buchner